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EZB mangelt es an dialektischem Denken


06.06.14 11:35
GECAM

Wangen (www.anleihencheck.de) - Spätestens seit der Ära Greenspan bestand die Politik der Zentralbanken darin, bei jeder Krise die Märkte mit billigem Geld zu fluten, so die Experten von GECAM.

Früher sei dies über den Preis für Geld - den Zins - dargestellt worden. Nachdem dieser aber so weit gefallen sei, dass Veränderungen keine realwirtschaftlichen Wirkungen mehr hätten entfalten können, werde seit der Finanzkrise versucht, über die Menge des zur Verfügung gestellten Geldes realwirtschaftliche Effekte zu erzielen.

Man solle zunächst Japan betrachten. Nullzinsniveaus und massive Konjunkturprogramme der Regierung hätten nicht etwa zu einer Belebung der Wirtschaft geführt, sondern Deflation und Rezession als Normalzustand über Jahrzehnte zementiert. Die Folge sei ein Anstieg der Staatsverschuldung auf über 250 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gewesen.

In den USA und Großbritannien sei nach Zinssenkungen über so genannte QE-Programme (Quantitative Easing) versucht worden, langfristige Zinsen zu deckeln und somit die Wirtschaft anzukurbeln. Fakt sei jedoch, dass die USA seit 30 Jahren in der Tendenz fallende Wachstumsraten aufweisen würden.

Nun komme aktuell auch die EZB auf den Geschmack. Sie senke den ohnehin schon kaum vorhandenen "Leitzins" von 0,25 Prozent auf 0,15 Prozent und verheiße weitere expansive Maßnahmen mit dem Ziel, die Inflation anzukurbeln und den "zu starken Euro" zu drücken! Was sei so schlimm an einer Inflationsrate (Mai) von 0,5 Prozent in Europa und 0,7 Prozent in Deutschland, wenn diese vor allem aus notwendigen Preisanpassungen in den Peripherieländern und stagnierenden bis fallenden Rohstoffpreisen resultiere? Beides stärke die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen und beides sei durch die EZB nicht primär zu beeinflussen, vor allem nicht die weltweiten Rohstoffpreise.

Auch der angeblich so starke Euro ist aus Sicht der Experten von GECAM nicht zu sehen. Dieser sei am 01.01.1999 zu einem Kurs von 1,1747 zum US Dollar eingeführt worden, dann zunächst auf 0,82 gefallen, um dann auf knapp 1,60 zu steigen. Aktuell stehe er auf seinem langfristigen Durchschnittskurs von 1,36. Der Verdacht dränge sich auf, dass hinter dieser Aussage des EZB-Chefs Mario Draghi eher der politische Druck der notorischen Abwertungsländer Frankreich und Italien stecke, um dort die Exportindustrie zu unterstützen.

Ein starker Euro wäre jedoch gut, denn er erhöhe das Wohlstandsniveau der Bevölkerung, indem diese mit einer Währungseinheit mehr Waren in der Welt einkaufen könne, als mit einer an Wert verlierenden Währung. Man denke nur an die Benzinpreise - wenn der Euro bei 1,22 zum US-Dollar stünde, müsste man wohl rund 10 Prozent mehr bezahlen. Außerdem wundere man sich ohnedies schon, dass sich die Politiker in Frankreich jetzt plötzlich um die Unternehmen sorgen würden, nachdem sie in nahezu jeder Frage eine investitionsfeindliche Politik an den Tag legen würden.

Unternehmen, die lediglich aufgrund einer schwachen Währung ihre internationale Wettbewerbsposition behaupten könnten, seien früher oder später ohnehin vom Konkurs bedroht. Aber auch für Unternehmen biete eine starke Währung Vorteile. Man betrachte, dass über 87 Prozent der größten deutschen Familienunternehmen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Vorleistungsgüter aus dem Ausland beziehen würden. Eine starke Währung sorge hier für günstige Einkaufseffekte.

Ziel der "Geldhüter" sei es auf jeden Fall, die Renditen zu drücken und die Inflation anzukurbeln, in der Hoffnung, dass dadurch die Wirtschaft wachse. Das senke den Realzins (Rendite/Inflation). Niedrige Realzinsen würden aber historisch betrachtet immer mit niedrigem Wirtschaftswachstum einhergehen. Doch genau das möchten die Zentralbanken und Regierungen aber ankurbeln! Warum funktioniere das nicht?

Finanzmärkte würden anders als realwirtschaftliche Märkte funktionieren. Bei letzteren würden Angebot und Nachfrage den Preis regeln (solange der Staat nicht die Finger im Spiel habe). Angebot und Nachfrage würden sich über den Preis ausgleichen, bis der Markt geräumt sei. D.h. sinke der Preis, ziehe die Nachfrage an.

Diesen Mechanismus würden die Notenbanken auch auf den Finanzmärkten anzuwenden versuchen. Man senke den Preis für Geld und hoffe, dass sich Konsumenten und Unternehmen günstig verschulden und das Kapital investieren würden. Bei Kapitalanlegern gehe man davon aus, dass diese ihr Geld bei Niedrigstzinsen nicht mehr auf dem Sparbuch parken würden, sondern konsumieren und investieren würden.

Das Gegenteil sei jedoch der Fall! Unternehmen würden sich mit Investitionen aufgrund der unsicheren politischen Lage zurückhalten. Es herrsche ja auch kein Zeitdruck. Eine Variante der Zentralbankpolitik sei geradezu die Zusicherung einer lang anhaltenden Niedrigzinsphase. Warum also heute investieren, wenn es weiter günstig bleibe und die Finanzierungskosten in der Zukunft sogar noch günstiger würden. Im Übrigen: Investitionen, die sich nur aufgrund der niedrigen Finanzierungskosten rechnen würden, sollte man unterlassen.

Auch Privatanleger würden sich zurückhalten. Zwar verzeichne man in Deutschland aktuell einen Run auf Immobilien. Doch dieser werde abebben, sobald sich sukzessive die Erkenntnis durchsetze, dass die Mietrenditen unter Berücksichtigung aller Aspekte (steigende Kaufpreise, steigende Nebenkosten, Ärger und Zeit, finanzielle Repression) niedriger würden und dass bei dauerhaft niedrigen Zinsen kein Zeitdruck vorherrsche. Gleichfalls entspreche die Fiktion, dass sich Sparen - auch im Hinblick auf die Altersvorsorge - nicht mehr lohne und die Leute mehr kaufen würden, in den meisten Ländern nicht der historischen Realität. Im Gegenteil, niedrige Zinsen würden den Druck verstärken, mehr zu sparen und weniger zu konsumieren, da durch niedrigere Zinsen die Sparrate erhöht werden müsse, um das gleiche Sparziel zu erreichen. Viele Menschen würden solche Entscheidungen natürlich nicht rational sondern unbewusst treffen, aber das Gefühl stimme meistens.

Auf den Punkt gebracht: Es herrsche Unsicherheit, deshalb seien die Zinsen tief, das fördere die Zukunftsangst, deshalb werde mehr gespart und weniger ausgegeben, das bremse die Wirtschaft, was zu Arbeitsplatzangst führe, was zu Gelddrucken der Notenbanken und Verschuldung der Staaten führe, was wieder zu Unsicherheit führe, etc. etc. - ein Teufelskreis.

Die Notenbanken sollten eine unkonventionelle, dialektische Politik verfolgen, die natürlich nicht in den Lehrbüchern stehe: Zinsen nicht mehr senken, langfristige Renditen dem Marktzyklus überlassen, beziehungsweise an höheren Renditen interessiert sein.

Dadurch würde die Zinsstrukturkurve steiler, die Banken hätten höhere Margen durch die Fristentransformation und dadurch ein hohes Interesse Kredite zu vergeben. Unternehmen könnten nicht automatisch von weiter sinkenden Kreditkonditionen ausgehen und realisierten geplante oder sinnvolle Investitionsentscheidungen - quasi bevor es noch teurer würde. Staaten verhielten sich disziplinierter in ihrer Schuldenpolitik, da die höheren Zinsen eine Belastung darstellten. Niedrigere Staatsquoten wären die Folge, somit mehr Anteil der Privatwirtschaft an der Wirtschaftsleistung und mithin eine höhere Dynamik. Privatanleger erzielten wieder Rendite mit ihren Anlagen und Lebensversicherungen, dadurch herrschte weniger Unsicherheit bezüglich der Zukunft, Sparraten könnten gesenkt werden und es bliebe mehr Geld für Konsum übrig. Das sei doch genau das, was die Notenbanken möchten. Warum sie das nicht tun, bleibt für die Experten von GECAM ein Rätsel! (06.06.2014/alc/a/a)