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EZB in einem Dilemma, Emerging Markets als Erholungschance 2014


07.02.14 11:14
GECAM

Wangen (www.anleihencheck.de) - Zwei Fragen beschäftigen die Finanzakteure aktuell, so die Experten von GECAM.

Erstens, wo stünden die westlichen Volkswirtschaften im Konjunkturtrend? Zweitens, wie stark seien die Verwerfungen in den Emerging Markets, um eine neue Krise wie Ende der Neunzigerjahre heraufzubeschwören? Dem geneigten Beobachter sei klar, dass beide Fragen nicht isoliert zu betrachten seien, sondern nicht unwesentlich voneinander abhängen würden.

So würden Diskussionen um restriktivere Geldpolitik in den USA für die Schwellenländer nicht folgenlos bleiben, wie die Entwicklung im Mai 2013 und aktuell zeigen würden. Umgekehrt würde eine Krise in den aufstrebenden Märkten bei einem Wachstumsanteil von über 70 Prozent an der Weltwirtschaft, natürlich auch unter anderem über steigende Währungen, zu deflationären Tendenzen in den alten Industrieländern führen.

Mit Ausnahme von Japan seien die Inflationsraten in USA und Europa über die letzten beiden Jahre gefallen. In der Euro-Zone auf nunmehr 0,7 Prozent, die niedrigste Rate seit es die Gemeinschaftswährung gebe. Deflation könne die Wirtschaft in vielerlei Hinsicht belasten. Wenn zum Beispiel Konsumenten davon ausgehen würden, dass die Preise fallen würden, würden Kaufentscheidungen zurückgestellt, denn es werde ja billiger. Genauso würden Unternehmen in Erwartung sinkender Preise die Investitionsentscheidungen zurückstellen. Beides führe zu Bremswirkungen in der Wirtschaftsentwicklung.

Darüber hinaus entstehe die Gefahr, dass der Verschuldungsgrad sowohl von Privaten, wie auch von Staaten durch Deflation real steige. Ein Beispiel hierzu: sollte ein Land seine Schulden nominal um ein Prozent reduzieren, so stiege bei einer Deflation von 2 Prozent die reale Schuldenlast um ein Prozent an. Fallende Preise und Löhne würden es für Schuldner schwerer machen, ihrer Zahlungsverpflichtung nachzukommen, was wiederum dazu führe, dass Banken weniger geneigt seien Kredite auszugeben.

Darüber hinaus würden fallende Preise zu einer fallenden Bewertung der hinterlegten Sicherheiten für Kredite führen, was so manche Bankbilanz in Schieflage bringen könnte. Ein deflatorischer volkswirtschaftlicher Teufelskreis beginne.

Bisher würden die Experten nur fallende Inflationsraten und keine echte Deflation sehen. Auch die Inflationserwartungen für die Zukunft würden, dank der positiven Konjunkturerwartungen, zumindest stabil bleiben. Die fallenden Inflationsraten der letzten Jahre würden in erster Linie aus geringeren Preisen für Rohstoffe resultieren. Es bestehe eine überraschend hohe Korrelation zwischen Rohstoffpreisindices und der Inflationsrate der G7-Staaten.

Die Wachstumsaussichten für die USA und Europa seien gut. Dies würde zu einer in der Tendenz höheren Inflation führen, stabile Rohstoffpreise unterstellt. Der Internationale Währungsfonds komme in einer Studie zu folgendem Ergebnis: Existiere in einer Volkswirtschaft eine relativ große Produktionslücke, d.h. die Wirtschaft produziere weit unter ihren Kapazitäten, so falle die Inflation auch bei positivem Wirtschaftswachstum, da keine neuen Investitionen nötig seien, um das Wachstum zu bedienen. Erst bei nachhaltigem Wachstum ändere sich dies.

Das Dilemma der Europäischen Zentralbank sei, dass in den Peripherie-Staaten noch ein großes Stück Lohnkosten-Degression notwendig sei, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen - ein deflationärer Prozess. Gleichzeitig solle das Kreditwachstum in der Eurozone angekurbelt werden, welches gerade um 6 Prozent unter das Vorjahresniveau gefallen und somit auf dem Tief seit Bestehen des Euro angekommen sei. Dafür wäre aber Inflation nötig.

Nicht nur der Gesamtblick zeige das Dilemma, sondern vor allem die Heterogenität der Eurozone. So hätten sich zwar die Arbeitskosten zwischen den starken und schwachen Ländern angenähert, die Differenz im Produzentenpreisindex der jeweiligen Regionen habe sich jedoch auf 31 Prozent ausgeweitet. Demzufolge seien Peripherie-Staaten nach wie vor zu teuer. Der EZB wäre es am liebsten, sie könnte die Preisunterschiede über eine hohe Inflation im Norden und eine geringe Inflation im Süden ausgleichen.

Unter dem Strich werde die EZB tendenziell versuchen, den deflationären Tendenzen aus dem Gesundschrumpfen der Südländer sowie der am Boden liegenden Kreditvergabe in der Eurozone, mit mehr geldpolitischer Stimulierung zu begegnen. Dies könnten weitere Zinssenkungen sowie weitere Geldpakete an die Banken sein, wobei hier der Spielraum äußerst begrenzt erscheine. Mindestens jedoch würden die Experten davon ausgehen, dass die Zinsen für lange Zeit sehr niedrig bleiben würden. Und zwar nicht wie bisher kommuniziert bis ins Jahr 2015, sondern bis zum Ende des Jahrzehnts.

Wirtschaftswachstum ohne Inflationsgefahren bei niedrigem Zinsumfeld und großem Druck zu Strukturreformen weltweit, seien ein ideales Umfeld für Aktien. Aber auch der Anleihemarkt sei durch den geringen Inflationsdruck nicht in Gefahr und sorge nicht für Verwerfungen.

Die Schwellenländer würden aktuell unter temporärem Kapitalabzug leiden. Jedoch sei die Mehrzahl dieser Länder viel besser gerüstet einer Krise zu begegnen, wie noch Ende der Neunzigerjahre. Die Fundamentaldaten seien viel besser, die Devisenreserven seien höher, ein Großteil der Verschuldung sei in eigener Währung denominiert. Mit am wichtigsten erscheine den Experten jedoch, dass damals zwei Drittel der Länder ihre Währungen an den Dollar gekoppelt hätten. Dies sei heute nur noch vereinzelt zu beobachten. Das bedeute, die Zentralbanken könnten in eigener Währung und eigener Zinspolitik auf externe Schocks reagieren.

Durch den Kapitalabzug würden die Bewertungen von Aktien und Anleihen der Schwellenländer mittlerweile recht billig erscheinen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass laut der Bank of America aktuell 15 Prozent aller Fondsmanager weltweit in Emerging Markets Aktien untergewichtet seien. Anfang 2013 hätten noch 40 Prozent der Verwalter eine Übergewichtung ausgewiesen. Das könnte also aus Sicht der Experten eine Erholungschance im Laufe des Jahres 2014 ergeben. (07.02.2014/alc/a/a)