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EZB: Zeit für ein Umdenken


04.02.20 12:00
BNP Paribas

Paris (www.anleihencheck.de) - Am 1. November 2019 endete nach exakt acht Jahren die Amtszeit des italienischen Wirtschaftswissenschaftlers Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Seine Nachfolge habe die französische Juristin Christine Lagarde angetreten. Ihre Ernennung zum Oberhaupt einer der wichtigsten Institutionen in Europa habe große Befürwortung gefunden. Allerdings gehe die EZB auch ein gewisses Risiko ein, denn Lagarde müsse sich erst noch beweisen - ihre Vorgänger seien stets Finanzfachleute oder Ökonomen gewesen. Doch die Französin habe in der Vergangenheit wichtige Erfahrungen im Finanzbereich sammeln können. Während der Amtszeit Draghis als EZB-Chef sei sie die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) und maßgeblich an der Rettung Griechenlands beteiligt gewesen. Davor sei sie Finanzministerin in Frankreich gewesen. Lagarde habe zum Amtsantritt bekannt gegeben, dass sie die ultralockere Geldpolitik ihres Vorgängers im Großen und Ganzen fortsetzen möchte. Allerdings habe sie zu verstehen gegeben, dass sie die geldpolitische Strategie der EZB auf den Prüfstand stellen und jeden Stein umdrehen möchte.

Was mit dieser Aussage gemeint sei, sei schnell klar gewesen - in erster Linie werde es darum gehen, ob eine an einem Inflationsziel ausgerichtete Geldpolitik noch zeitgemäß sei. Alle in den vergangenen Jahren getätigten EZB-Maßnahmen hätten dem Zweck gedient, eine Inflation von unter, aber nahe 2 Prozent zu erreichen. Doch die Inflation in der Eurozone wolle einfach nicht anziehen. Die Preise seien im Dezember zwar spürbar gestiegen, doch habe die EZB mit einer Jahresteuerungsrate von 1,3 Prozent weiterhin sehr deutlich ihre Zielvorgabe verfehlt. In erster Linie wolle die EZB eine Deflation verhindern. Denn sollten beispielsweise Maschinen mit der Zeit immer günstiger werden, würden die Unternehmen ihre Investitionen zurückhalten, in der Hoffnung, die Maschinen bald noch günstiger zu bekommen. Dies würde das Wirtschaftswachstum abwürgen, was wiederum zur Folge hätte, dass die Unternehmen weniger Aufträge erhalten würden, womit sie gar keine neuen Maschinen mehr bräuchten. Ein Teufelskreis, den die EZB mit aller Macht verhindern wolle.

Erst im September habe die EZB ihre Geldpolitik nochmals gelockert. Die Leitzinsen seien zwar bei 0 Prozent belassen worden, doch müssten die Banken für Geld, dass sie sich von der EZB leihen würden, mittlerweile Strafzinsen in Höhe von 0,50 Prozent zahlen (zuvor 0,40 Prozent). Gleichzeitig sei das Anleihekaufprogramm reaktiviert worden - seit dem 1. November 2019 kaufe die EZB wieder Staatspapiere im Wert von 20 Milliarden Euro monatlich. In den vergangenen Jahren habe die Zentralbank mehr als 2,6 Billionen Euro in den Markt gepumpt, und trotz rekordtiefer Zinsen sei das Wirtschaftswachstum in der Eurozone fast zum Erliegen gekommen. Das Inflationsziel von 2 Prozent werde trotz der immensen Markteingriffe seit Jahren verfehlt. Einige Experten würden davon ausgehen, dass sowohl die demografische Entwicklung als auch die Digitalisierung dem Preisdruck entgegenwirke und die EZB daher immer weiter an der falschen Schraube drehe.

Und die kritischen Stimmen würden sich mehren. Im Euroraum gebe es zunehmend Widerstand gegen die Folgen der Negativzinspolitik. Neben der Belastung für Banken und Sparer werde auf den allgemeinen Anlagenotstand verwiesen, der zu immer riskanteren Anlagestrategien führen und zu einer Gefahr für die Finanzstabilität werden könne. Ein Beispiel sei der rasante Anstieg der Immobilienpreise in vielen Industrieländern.

Möglicherweise müsse die EZB umdenken. So wie bereits die Zentralbank in Schweden. Als erste Zentralbank habe sich die Schwedische Reichsbank von ihrer Negativzinspolitik verabschiedet und die Zinsen im Dezember von minus 0,25 Prozent auf 0,0 Prozent angehoben. Die Schwedische Reichsbank sei Vorreiter ins Sachen Negativzinsen gewesen und habe als erste Zentralbank überhaupt Strafzinsen auf Guthaben der Geschäftsbanken eingeführt. Diese seien in Schweden mit 1,25 Prozent zwischenzeitlich sogar die höchsten weltweit gewesen. Die Leitzinsen seien in der Spitze auf minus 0,50 Prozent gesunken.

Das Ziel der Zentralbank sei klar gewesen: Geschäftsbanken sollten angeregt werden, mehr Kredite zu vergeben, was letztlich in mehr Konsum durch den Endverbraucher münden sollte. Durch die an den Endkunden weitergereichten Negativzinsen sollte der Konsum weiter angeschoben werden, die Anleger sollten aufhören zu sparen. Doch das Experiment sei gescheitert. Weder hätten die Verbraucher mehr Kredite für Konsum aufgenommen, noch hätten sie weniger gespart. Zudem hätten auch die Unternehmen nicht mehr investiert, weshalb auch die Wirtschaft nicht aufgeblüht sei. Das Einzige, was passiert sei: Die Inflation sei in den Zielkorridor von etwa 2 Prozent geklettert, allerdings auf Kosten einer stark abwertenden Schwedischen Krone.

Betrachte man nur die Inflation, so sei das Beenden der Negativzinspolitik in Schweden durchaus nachvollziehbar. Allerdings habe sich die Wirtschaft Schwedens ähnlich wie in vielen anderen Ländern ebenfalls deutlich abgekühlt. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe befinde sich aktuell im Sturzflug. Und auch der Dienstleistungssektor sei mit zeitlichem Versatz zuletzt stark unter Druck geraten. Nach bisherigen geldpolitischen Ansätzen also eher Entwicklungen, die zu weiteren geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen führen müssten, sprich zu weiteren Zinssenkungen. Doch die Schwedische Reichsbank habe auf den öffentlichen Druck reagiert und nun einen anderen Weg gewählt.

Bleibe zu hoffen, dass sich die neue EZB-Chefin genug Zeit für die Überprüfung der geldpolitischen Ausrichtung der Europäischen Zentralbank nehmen werde und dann auch die richtigen Schlüsse ziehe. Am Szenario grundsätzlich niedriger Zinsen dürfte sich aber so schnell wenig ändern. Die fundamentalen Gründe, die das Zinsniveau niedrig halten würden, dürften auf absehbare Zeit bestehen bleiben. Nicht nur die Finanzbranche werde lernen müssen, mit niedrigen Zinsen zu leben. Auch diejenigen, die langfristig Kapital bilden möchten, würden erkennen müssen, dass das Sparbuch ein Auslaufmodell sei. Vermögen müsse künftig auf einem sehr viel breiteren Fundament aufgebaut werden. (Ausgabe Februar 2020) (04.02.2020/alc/a/a)