Erweiterte Funktionen

EZB-Sitzung: Zinssenkung im Juni beschlossene Sache?


12.04.24 11:27
AllianceBernstein

London (www.anleihencheck.de) - Der EZB-Rat hat am 11. April 2024 seine drei Leitzinsen wie erwartet unverändert bei 4,5%, 4% und 4,75% belassen, so Sandra Rhouma, European Economist - Fixed Income bei AllianceBernstein.

Die Sitzung selbst sei ereignislos verlaufen und das Ergebnis sei angesichts der wenigen zusätzlichen Informationen seit der März-Sitzung durchaus zu erwarten gewesen. In der Erklärung werde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine Zinssenkung auf der nächsten Sitzung (im Juni) beschlossen werde, sofern die Daten und die konjunkturellen Aussichten die Grundlage dafür schaffen würden. Tatsächlich seien einige Mitglieder sogar dafür gewesen, die Zinssätze bereits im April zu senken, sodass davon auszugehen sei, dass eine Zinssenkung im Juni bereits beschlossene Sache sei. Die EZB habe sich jedoch bewusst nicht auf einen Zinssenkungspfad für den Rest des Jahres festgelegt.

Das sei zwar allgemein erwartet worden, stelle aber eine eindeutige Änderung in der offiziellen Kommunikation der EZB dar. Die EZB habe ihre künftige Entscheidung von drei Faktoren abhängig gemacht: Der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation, den Inflationsaussichten und der Effizienz der geldpolitischen Transmission. Was den ersten Faktor betreffe, so würden die Experten erwarten, dass die Dienstleistungsinflation bis Juni zurückgehe und zum Rückgang der Kerninflation beitragen werde. Doch selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, werde die Disinflation im Kerngüterbereich die Kerninflation weiter nach unten drücken. Zweitens würden neue Projektionen veröffentlicht, die für den Ausblick aufschlussreich sein würden.

Die EZB gehe bereits davon aus, dass die Inflation in den Jahren 2025 und 2026 den Zielwert erreichen werde, wobei die Gefahr bestehe, dass sie weiter nach unten tendiere. Schließlich sei die geldpolitische Transmission zwar weniger stark ausgeprägt, die Finanzierungsbedingungen würden jedoch weiterhin restriktiv bleiben. Wie aus der Anfang dieser Woche veröffentlichten Bank Lending-Umfrage für das erste Quartal hervorgehe, sei das vor allem bei Unternehmen der Fall. Diese drei Kriterien würden für eine Zinssenkung im Juni sprechen, und die EZB scheine diese Einschätzung zu teilen.

Auch wenn der Zinssenkungszyklus beginne, werde die EZB datenabhängig entscheiden und sich nicht auf einen bestimmten Zinspfad festlegen. Sowohl das EZB-Statement selbst als auch Präsidentin Lagarde hätten diesen Punkt mehrmals unterstrichen. In der Kommunikation im Zusammenhang mit der Zinssenkung im Juni sei sogar von einer "Verringerung der gegenwärtigen Restriktionen" gesprochen worden, was darauf hindeute, dass die EZB in diesem Jahr trotz der Zinssenkungen recht restriktiv bleiben werde. Es sei davon auszugehen, dass sich die EZB bis zur Veröffentlichung weiterer Daten über ihre Absichten nach Juni ziemlich bedeckt halten werde.

Während die Gesamtdaten bisher ausreichen würden, um den Beginn des Zinssenkungszyklus zu bestätigen, werde die Dynamik der Dienstleistungsinflation der wichtigste Bestimmungsfaktor für das Tempo der Zinssenkungen sein. Angesichts der Hartnäckigkeit der Inflation, die fünf Monate in Folge bei 4% gelegen habe, müsse die Dienstleistungsinflation zurückgehen.

Das Basisszenario der Experten für vier Zinssenkungen in diesem Jahr mit einer Lockerung von insgesamt 100 Basispunkten bleibe unverändert, aber es lohne sich, die Risiken für dieses Szenario hervorzuheben. Die Inflationsdaten für die Eurozone vom März hätten den disinflationären Trend bestätigt, aber gleichzeitig gezeigt, dass die Dienstleistungsinflation weiterhin bestehen bleibe. Angesichts der Aussichten auf eine schwache Konjunktur und eine Verlangsamung des Lohnwachstums in diesem Jahr werde die Dienstleistungsinflation entsprechend reagieren und 2024 weiter zurückgehen.

Sollte sich die Dienstleistungsinflation jedoch auch in der zweiten Jahreshälfte als hartnäckig erweisen, könnte die EZB die Zinssätze nur auf den Prognosesitzungen im September und Dezember senken, was einer Gesamtsenkung von 75 Basispunkten in diesem Jahr entspreche. Zum jetzigen Zeitpunkt würden die Experten die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios als gering einschätzen, ausschließen könnten sie es jedoch nicht.

Bis zum 10. April 2024 habe der Markt mit fast vier Zinssenkungen für insgesamt 100 Basispunkte im Jahr 2024 gerechnet. Die stärker als erwartet ausgefallenen US-CPI-Daten hätten dazu geführt, dass der Markt nun auf insgesamt 75 Basispunkte an Zinssenkungen setze. Wie die Experten bereits erwähnt hätten, stelle dies ein Risiko dar, das jedoch hauptsächlich auf die Entwicklungen in der Eurozone zurückzuführen sei. Die Experten würden wiederholen, dass die EZB nicht von der FED abhängig sei und so handeln werde, wie es die Daten der Eurozone erfordern würden. Präsidentin Lagarde habe diesen Aspekt auch in ihrer Antwort auf Fragen zur stärkeren US-Inflation unterstrichen.

Eine besondere Sorge gelte den Auswirkungen der erwarteten Zinsdivergenz zwischen der Eurozone und den USA auf den EUR/USD-Kurs und folglich auf die Inflation. Das sei ein valider Punkt, denn ein schwächerer Euro bedeute eine höhere importierte Inflation, was sich in den Juni-Projektionen der EZB widerspiegeln würde. Sofern jedoch ein schwächerer EUR den disinflationären Prozess nicht zum Entgleisen bringe, gebe es keinen Grund, den Zinssenkungszyklus zu unterbrechen. So wie es aussehe, werde die EZB die Zinsen nicht nur vor der FED senken, sondern selbst im konservativsten Szenario wahrscheinlich sogar noch deutlicher. (12.04.2024/alc/a/a)