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EZB-Sitzung: Neue Haltung, die überrascht


03.02.23 12:45
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Dass die EZB gestern ihren Leitzins um 50 Basispunkte anhob, war bereits erwartet worden, so Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income bei dem US-amerikanischen Vermögensverwalter Neuberger Berman.

Die große Überraschung sei jedoch gewesen, dass sie ihre "Forward Guidance" deutlich abgeschwächt habe. Es sei nicht mehr die Rede davon gewesen, den Leitzinsen in Zukunft in gleichmäßigem Tempo anheben zu "müssen", sondern nur noch, dies zu "beabsichtigen". Um eine ausgewogenere Analyse zu präsentieren, habe Frau Lagarde mehr Erläuterungen zu Aktivität und Inflation gegeben und sei letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass die EZB ihre Geldpolitik auf der Grundlage ihrer Wirtschaftsprognosen bewerten werde. Der Markt werde daher sein angestrebtes Zinsziel wohl um 15 Basispunkte senken. In diesem Zuge werde sich die zehnjährige Bundesanleihe bei einer Handelsspanne von 2 bis 2,5 Prozent positionieren.

Der weniger aggressive Ausblick der EZB zeige, dass die Währungshüter bereit seien, die Konjunktur nicht zu stark zu beanspruchen und so das Risiko einer Rezession zu vermeiden. Dennoch dürfte ihre Entscheidung, die Zinssätze zu erhöhen, die Geschäftsbanken zu einer weiteren Verschärfung ihrer Kreditkonditionen veranlassen. Dies werde sicher den Verbrauch der privaten Haushalte und die Unternehmensinvestitionen weiter dämpfen. Die Experten würden daher mit einer schleppenden Konjunktur im Jahr 2023 rechnen, was sich auf die inländische Inflation auswirken werde, insbesondere auch, weil der Dienstleistungssektor stark mit der Nachfrage der Haushalte verknüpft sei.

Bei Anleihen werde die veränderte Analyse der EZB kurz- bis mittelfristige Titel wohl weniger risikoreich und in Relation attraktiver machen - insbesondere nichtstaatliche Anleihen, im Vergleich zu Anleihen mit langen Laufzeiten. Hier würden die Experten von einem Ende der Inversion der Renditekurve ausgehen.

Insgesamt unterscheide sich die Botschaft der EZB deutlich von der "hawkishen" Haltung, die sie auf ihrer Dezembersitzung gezeigt habe und die auch noch in den Interviews der Währungshüter in den vergangenen Wochen zu spüren gewesen sei. Die EZB habe schnell auf die niedrigeren Energiepreise und die strengeren Kreditvergabestandards reagiert, was der Markt unterschätzt habe. Bemerkenswert sei, dass die Zentralbank angekündigt habe, fällig werdende Unternehmensanleihen in Wertpapiere zu reinvestieren, die stärker auf Emittenten mit besserer Klimabilanz ausgerichtet seien. (03.02.2023/alc/a/a)