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EZB: Noch keine Entwarnung


06.09.24 11:21
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Mitglieder des EZB-Rats haben in den letzten Wochen deutlich zurückhaltender für eine Lockerung der Geldpolitik geworben als noch vor der Sitzung im Juni, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Dennoch würden die Analysten erwarten, dass sich bei der bevorstehenden Sitzung am 12. September eine Mehrheit der Ratsmitglieder für eine Senkung der Leitzinsen einsetzen werde. Unsere Analyse der Reden und Interviews der Ratsmitglieder hat ergeben, dass etwa 76% der stimmberechtigten Ratsmitglieder eine Zinssenkung befürworten könnten, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Aktuell lägen die Leitzinsen der EZB bei 4,25% (Hauptrefinanzierungszinssatz) und 3,75% (Einlagesatz). Nach Prognose der Analysten, die seit Dezember letzten Jahres unverändert sei, werde die EZB bei der anstehenden Sitzung das Zinsniveau um 25 Basispunkte senken und danach für den Rest des Jahres konstant lassen. Dabei werde der Hauptrefinanzierungssatz dieses Mal stärker gesenkt, weil der Abstand zum Einlagenzinssatz gemäß Beschlusslage der EZB auf 15 Basispunkte reduziert werde.

Die Einschätzung der Analysten stütze sich neben den Aussagen der Ratsmitglieder auch auf die aktuelle Datenlage, die es dem EZB-Gremium erleichtern sollte, die Zinsen im September einen Schritt nach unten zu schrauben. Insbesondere die Inflation in der Eurozone habe im August mit 2,18% (Gesamtrate, YoY) nur noch knapp über der von der EZB gesetzten Zielmarke von 2% gelegen. Zudem hätten Konjunkturindikatoren wie die HCOB Composite PMIs für die Eurozone, der im August bei 51 Punkten gelegen habe, auf eine stagnierende Wachstumsdynamik hingedeutet. Auch das YoY-Wachstum der Tariflöhne habe sich verlangsamt und im zweiten Quartal 3,55% betragen, verglichen mit 4,47% im Vorquartal.

Wichtig sei aber, dass diese Daten nur Momentaufnahmen darstellen würden. Die Inflation dürfte in den kommenden Monaten wieder ansteigen, unter anderem wegen Basiseffekten, sodass bis zum Jahresende die 3% wieder in Sichtweite kommen könnte. Für den September etwa prognostiziere das hauseigene Nowcasting-Modell der Analysten schon wieder einen Wert von 2,3% für die Gesamtinflationsrate.

Auch das Lohnwachstum könnte in der zweiten Jahreshälfte wieder zulegen. Der EZB-Chefvolkswirt Philip Lane etwa habe Ende August argumentiert, dass laut dem "ECB Wage Tracker" in der zweiten Jahreshälfte 2024 noch mit weiteren Lohnerhöhungen zu rechnen sei. Gleichzeitig habe er aber entwarnt, dass die Aufholjagd der Löhne dann erreicht und auf dem Höhepunkt angelangt sei und sich das Tempo in den nächsten zwei Jahren deutlich verlangsamen dürfte.

Der EZB-Rat sei noch immer weitestgehend "hawkish" eingestellt. Der zum "hawkishen"-Lager gehörende Bundesbankchef Joachim Nagel habe in den letzten Wochen davor gewarnt, dass "eine rechtzeitige Rückkehr zur Preisstabilität nicht selbstverständlich ist" und dass die EZB deshalb "vorsichtig sein und die Leitzinsen nicht zu schnell senken" dürfe. Besonders besorgt habe er sich über die Kerninflation gezeigt, insbesondere im Dienstleistungssektor, die weiterhin hoch sei und "ein Grund zur Sorge" bleibe. Zudem sehe Nagel das Risiko, dass "eine etwas stärkere wirtschaftliche Erholung die Rückkehr (zum 2%-Ziel) weiter verzögern könnte".

Im Gegensatz zu den eher restriktiven Stimmen habe sich der finnische Notenbankchef Olli Rehn "dovisher" geäußert. Rehn habe betont, dass es Abwärtsrisiken für die Wachstumsaussichten gebe und der Prozess der Disinflation bereits im Gange sei. Gleichzeitig sei die Wachstumsprognose gedämpfter, was seiner Meinung nach den Fall für eine Zinssenkung im September verstärke. "Das ist, wie ich die geldpolitische Lage angesichts der derzeit verfügbaren Daten und Analysen sehe", habe Rehn erklärt und damit seine Unterstützung für eine lockerere Geldpolitik unterstrichen. (06.09.2024/alc/a/a)