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EZB: Kleiner Zinsschritt in Aussicht


06.12.24 12:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Bei ihrer letzten Sitzung dieses Jahres wird die Europäische Zentralbank (EZB) am 12. Dezember die Leitzinsen vermutlich senken, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Etwa 86% der stimmberechtigten EZB-Ratsmitglieder dürften eine solche Maßnahme befürworten, wie aus unserer Analyse der jeweiligen Reden und Interviews hervorgeht, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Damit würde die EZB nach ihren Zinsentscheidungen im Juni, September und Oktober das vierte Mal in diesem Jahr die Zinsen senken.

Die Analysten würden erwarten, dass die EZB ihrem graduellen Ansatz treu bleiben würde und nur eine Senkung von 25 Basispunkten (BP) vorgenommen würde. Dadurch würde der Satz für die Einlagenfazilität (derzeit bei 3,25%) auf 3,0% und der Hauptrefinanzierungssatz (derzeit bei 3,40%) auf 3,15% gesenkt werden.

Zusätzlich würden die Analysten erwarten, dass die EZB im Januar sowie im März 2025 die Zinsen jeweils um weitere 25 BP senken würde, um dann das damit erreichte Zinsniveau von 2,50% bis zum Ende des Jahres 2025 beizubehalten. Dass die EZB den Zinssenkungskurs dann vermutlich nicht fortführen würde, sähen die Analysten darin begründet, dass die jahresdurchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone im nächsten Jahr wahrscheinlich auf über 2,5% steigen würde, wodurch sie dann deutlich über der von der EZB angestrebten Zielmarke von 2% liegen würde.

Auslöser für einen steigenden Inflationsdruck würden die Analysten in einem nachhaltig schwächeren Euro, möglichen Gegenzöllen der EU gegenüber den USA und weiterhin überdurchschnittlich steigenden Lohnstückkosten sehen. Höhere Erdgaspreise und höhere Lebensmittelpreise, die durch neue Extremwetterereignisse ins Kalkül gezogen werden müssten, seien weitere Faktoren, die zu einem Anstieg der Inflation beitragen könnten.

Im November sei die Gesamtinflation (YoY) der Eurozone weiter auf 2,3% gegenüber 2,0% im Oktober gestiegen. Für Dezember würde das Nowcasting-Modell der Analysten einen erneuten Anstieg auf 2,5% prognostizieren.

Obwohl zeitweise auch eine stärkere Zinssenkung um 50 BP von einigen Vertretern des EZB-Rats nicht ausgeschlossen worden sei, habe es in den letzten Wochen klar koordinierte Bemühungen der Mehrzahl der EZB-Mitglieder gegeben, die Erwartungen eines größeren Zinsschrittes in der nächsten Woche zu dämpfen. Die meisten Ratsmitglieder scheinen einen kleinen Schritt von 25 BP zu unterstützen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Gerade die "hawkishen" Mitglieder des EZB-Rats hätten "ein schrittweises und vorsichtiges Vorgehen bei weiteren Zinssenkungen" befürwortet, so beispielsweise Bundesbankchef Joachim Nagel Anfang Dezember. Ähnliche Äußerungen hätten unter anderem Pierre Wunsch (Belgien), Gabriel Makhlouf (Irland), Robert Holzmann (Österreich) und das Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel tätigen müssen.

Holzmann habe seinen Standpunkt Ende November unter anderem damit begründet, dass "der Preisdruck im Dienstleistungssektor nach wie vor hoch ist, einige der jüngsten Lohnabschlüsse noch nicht unserem Ziel entsprechen und die Geopolitik zusätzliche Risiken birgt". Auch die Finanzmärkte würden eine moderate Anpassung der Zinspolitik von 25 BP aktuell mit etwa 93% einpreisen, während eine Senkung um 50 BP nur mit etwa 8% eingepreist werde.

Zu den potenziellen Befürwortern einer Senkung um 50 BP würden die Analysten François Villeroy de Galhau (Frankreich), Fabio Panetta (Italien), Yannis Stournaras (Griechenland), Mário Centeno (Portugal) und Mārtiņš Kazāks (Lettland) zählen. Der griechische Vertreter im EZB-Rat Stournaras habe stellvertretend für diese Gruppe begründet: "Ein zu langer, zu restriktiver geldpolitischer Kurs könnte mittelfristig zu einer Unterschreitung unseres Inflationsziels führen und das Wachstum behindern. Sollte dies geschehen, würden wir riskieren, unsere Glaubwürdigkeit zu beschädigen."

Auch mögliche Folgen der US-Wahlen in Hinblick auf Zölle oder gar einen Handelskrieg zwischen den USA und der exportabhängigen Eurozone, seien von den Ratsmitgliedern in ihren Reden thematisiert worden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe betont: "Dies kann in niemandes Interesse sein, weder für die Vereinigten Staaten noch für Europa oder sonst jemanden. Dies würde zu einem weltweiten Rückgang des BIP führen."

Unser Lieblingszitat stamme vom kroatischen Zentralbankpräsidenten Boris Vujčić: "When the road is slippery, you make small steps and this is what we are doing." (06.12.2024/alc/a/a)