Erweiterte Funktionen

EZB-Kaufprogramm braucht mehr Flexibilität


06.12.16 10:35
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Das italienische Verfassungsreferendum hätte für EZB-Präsident Draghi nicht ungünstiger ausfallen können, so Karsten Junius, Chefökonom, Bank J. Safra Sarasin AG.

Die schwindende Aussicht auf Strukturreformen in Italien und die fast gleichgültige Marktreaktion würden nicht dafür sprechen, dass sich die EZB zugunsten der Euro-Peripherie zu weit aus dem Fenster lehnen sollte. Stattdessen zeige das Referendum, wie schwierig Reformen innerhalb der Währungsunion seien. Dies mache Markteingriffe der EZB eventuell über einen längeren Zeitpunkt notwendig. Damit sollte das EZB-Kaufprogramm vor allem flexibler werden.

Die EZB habe sich in den vergangenen Wochen verbal sehr stark zurückgehalten und kaum Hinweise gegeben, wie sie ihr Kaufprogramm zu verlängern gedenke. Vielleicht habe sich bislang kein Konsens ergeben; vielleicht habe sich keiner vor dem italienischen Referendum klar öffentlich positionieren wollen. Für diejenigen im EZB-Rat, die für eine lockerere Geldpolitik eintreten würden, sei es jedenfalls nicht einfacher geworden. Offensichtlich könne in Italien die Zeit nicht für Strukturreformen genutzt werden, die die EZB mittels ihrer Kaufprogramme den Mitgliedsländern erkaufe, in dem sie Zinsen und Zinsdifferenzen künstlich niedrig halte. Gleichzeitig würden die konjunkturellen Stimmungsindikatoren und die Inflationsraten in fast allen Ländern der Währungsunion ansteigen. Daraus lasse sich schließen, dass die akute Notwendigkeit für einen zusätzlichen geldpolitischen Stimulus gering sei, allerdings auch, dass die Währungsunion ein fragiles Gebilde bleibe.

Die EZB sollte sich nach Erachten der Analysten daher darauf einstellen, dass sie vermutlich länger als potenzieller Käufer von Staatsanleihen gebraucht werde, aber auch, dass sie derzeit nicht unbedingt aus dem Vollen schöpfen müsse. Am Donnerstag sollte sie daher ihr Anleihekaufprogramm vor allem flexibler gestalten und potenziell langfristiger ausrichten. Sie könnte dies erreichen, indem sie eine Verlängerung von mehr als den hauptsächlich erwarteten sechs Monaten beschließe. Gleichzeitig müsste sie allerdings das monatliche Kaufvolumen etwas reduzieren. Andernfalls würde sie zu stark zu der bereits bestehenden Anleiheknappheit betragen.

Sie müsse auch damit rechnen, dass politische Eventrisiken zeitweise größere Marktinterventionen sinnvoll machen könnten. Ein flexibleres Kaufprogramm, bei dem eine breitere Spanne monatlicher oder quartalsweiser Käufe bekannt gegeben würde, würde diesem gerecht werden. Bei Bedarf entstünde dadurch eine größere Interventionskraft, die Investoren oder Spekulanten davon abhalten könnte, auf eine massive Ausweitung von Zinsdifferenzen einzelner Länder zu setzen. Unabhängig davon werde sie über Anpassungen ihrer Programmkriterien die künstliche Anleiheknappheit etwas reduzieren müssen. Dazu würde auch gehören, die gekauften Anleihen zu günstigeren Konditionen, Finanzmarktteilnehmern wieder auszuleihen. (06.12.2016/alc/a/a)