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EZB: Die Geldpolitik wird spürbar weniger restriktiv


10.03.25 09:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat wie erwartet eine Leitzinssenkung um 25 Basispunkte auf 2,50% (Einlagefazilitätssatz) bzw. auf 2,65% (Hauptrefinanzierungssatz) beschlossen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

HCOB Economics erwarte eine weitere Zinssenkung in der Jahresmitte, aber die Analysten seien weniger zuversichtlich, dass es danach weitere Zinssenkungen geben werde, da die Inflation weiterhin hartnäckig bleibe.

Die wichtigste Änderung des Statements bestehe darin, dass der geldpolitische Kurs nun als "deutlich weniger restriktiv" beschrieben werde, was bedeute, dass sich die EZB dem Zinsniveau zu nähern scheine, das als angemessen oder neutral (weder expansiv noch restriktiv) betrachtet werden könnte. Die EZB habe neue Stabsprojektionen veröffentlicht, die in Bezug auf das Wachstum nach unten und in Bezug auf die Inflation in unterschiedlicher Weise revidiert worden seien. Diese hätten jedoch nur begrenzte Bedeutung, da sie die jüngste Ankündigung der wahrscheinlichen Regierungskoalition in Deutschland nicht berücksichtigen, die Ausgaben für militärische Ausrüstung und Infrastruktur massiv zu erhöhen. Auf der Pressekonferenz habe EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutlich macht, dass dies ggf. zukünftig berücksichtigt werde und einen Wachstumsschub bedeute. HCOB Economics werde voraussichtlich insbesondere die BIP-Prognose für 2026 für Deutschland deutlich über 1% nach oben revidieren (aktuelle Prognose: 0,7%), wenn im Bundestag die Entscheidung über das Sondervermögen und die Änderung der Schuldenbremse gefallen sei.

In jedem Fall habe Lagarde betont, dass die EZB aufgrund der großen Unsicherheiten an ihrem "meeting by meeting"- und datenabhängigen Ansatz festhalten werde.

Es sei auch über den digitalen Euro gesprochen worden, der von Lagarde sehr gefördert werde, zumal die neue US-Regierung jegliche Forschung zu einem digitalen US-Dollar eingestellt habe.

Die Ankündigungen im Einzelnen (Zitate seien in Anführungszeichen und von Christine Lagarde, es sei denn, es werde auf jemand anderen verwiesen)

Änderung in der Kommunikation hin zu einer "hawkishen" Haltung: "Die Geldpolitik ist dabei, deutlich weniger restriktiv zu werden."

Einordnung: Die bisherige Formulierung habe gelautet: "die Geldpolitik bleibt restriktiv". Die geänderte Formulierung unterstreiche die Ansicht, dass der neutrale Zinssatz nahe ist oder sogar schon erreicht worden sei. In dieser Hinsicht scheine eine Pause bei der/den nächsten Sitzung(en) durchaus möglich zu sein (wie sie auch von Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel befürwortet zu werden scheine). Dazu passe, dass Lagarde bei der Pressekonferenz deutlich gemacht habe, dass die "Fahrtrichtung" (in Bezug auf die Zinsen) nicht mehr so klar sei.

Zu den Investitionsplänen der deutschen Regierung und dem möglichen 800-Milliarden-Euro-Programm "Europa aufrüsten" der EU: "Eine Erhöhung der Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben könnte ebenfalls zum Wachstum beitragen" und dies "könnte auch die Inflation durch die allgemeine Nachfrage erhöhen".

Einordnung: Die Vorschläge Deutschlands und der EU-Kommission seien von der EZB bei Prognosen und Zinsentscheidungen noch nicht berücksichtigt worden, da es sich eben noch um Vorschläge handle, die erst kurz vor der EZB-Sitzung bekannt gegeben worden seien. Es sei jedoch klar, dass die EZB diese geplanten Maßnahmen berücksichtigen werde, sobald eine Entscheidung darüber getroffen worden sei. Der zu erwartende expansive finanzpolitische Kurs werde dann ein klares Argument für eine Pause oder zumindest eine sehr begrenzte Anzahl von weiteren Zinssenkungen sein. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank gehen nur noch von einer weiteren Zinssenkung aus.

Kritik an ungenannten Zentralbankpräsidenten: Wenn es einige Gouverneure gebe, die etwas anderes gesagt hätten, "dann ist das ihre individuelle Überzeugung."

Einordnung: Normalerweise kritisiere Lagarde die Zentralbankpräsidenten nicht, und sie habe auch keine Namen genannt. Aber es deute darauf hin, dass es in der EZB weniger Einigkeit gebe, als sie es sich wünsche. Es gebe einige Gouverneure, wie Mario Centeno aus Portugal, aber auch François Villeroy de Galhau aus Frankreich, die eine eher dovishe Haltung einnehmen, sich also tendenziell eher für noch mehr Zinssenkungen aussprechen würden. Bei diesem Zinsniveau gerate die EZB also in der Tat in schwierigeres Fahrwasser.

Zum digitalen Euro: Lagarde sei gefragt worden, ob die Tatsache, dass die US-Regierung jegliche Forschung zum digitalen US-Dollar eingestellt habe, eine Chance für den digitalen Euro sein könnte. Lagarde zu der Fragestellerin: "Ich teile Ihre Ansichten."

Einordnung: Christine Lagarde habe sich immer sehr für den digitalen Euro eingesetzt, sie sehe sich selbst als diejenige, die dieses Projekt vor fünfeinhalb Jahren maßgeblich angestoßen habe. Sie habe darauf bestanden, dass es einen digitalen Euro sowohl auf Wholesale- Basis als auch auf Retail-Basis (also für alle Nutzenden) geben solle (und habe sich damit gegen einige Banken gewandt, die sich nur für einen digitalen Wholesale-Euro einsetzen würden). Lagarde habe deutlich gemacht, dass nach der Vorbereitungsphase, die im Oktober 2025 enden werde, die Zustimmung der anderen Beteiligten, also des Europäischen Parlaments, des EU-Rats und der EU-Kommission, erforderlich sei, um das Projekt fortzusetzen. HCOB Economics sehe eine 90%ige Chance, dass der digitale Euro spätestens 2028 eingeführt werde.

Neue Projektionen: BIP-Wachstum sei herunterrevidiert, Inflation teilweise hochrevidiert worden.

Einordnung: Diese Projektionen würden nicht die Vereinbarung der wahrscheinlichsten Koalitionspartner in Deutschland berücksichtigen, die Ausgaben für militärische Ausrüstung und Personal sowie für die Infrastruktur insgesamt zu erhöhen. Laut Lagarde würden sowohl das Wachstum als auch die Inflation durch das von der EU-Kommission koordinierte Rüstungspaket und die geplanten massiven Ausgabensteigerungen Deutschlands positiv beeinflusst werden. Darüber hinaus sei der jüngste Rückgang der Energiepreise in den Projektionen nicht berücksichtigt worden, was bedeute, dass die vorgenommene Aufwärtskorrektur der Inflation im Jahr 2025 nur von begrenzter Aussagekraft sei. (Ausgabe vom 07.03.2025) (10.03.2025/alc/a/a)