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EZB-Entscheidung: Klare Signale für weitere Zinssenkungen


13.09.24 14:52
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat den Zinssatz für die Einlagefazilität, wie allgemein erwartet, um 25 Basispunkte auf 3,50% gesenkt (Hauptrefinanzierungssatz auf 3,65%), so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Diese Entscheidung sei einstimmig getroffen worden.

Die Erklärung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde und die Pressekonferenz hätten deutlich gemacht, dass in diesem Jahr mit weiteren Zinssenkungen zu rechnen sei. Dies sei deutlich geworden, als Lagarde die früheren Prognosen der Experten für die Gesamtinflation bestätigt habe (die besagen würden, dass das Inflationsziel bis Ende 2025 erreicht werde) und die Prognose für die Kerninflation nahezu unverändert gelassen habe (nur um 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert). Allerdings sei Lagarde nicht ganz zufrieden gewesen und habe eine gewisse Nervosität gezeigt, als sie über die Dienstleistungsinflation gesprochen habe, die mit über 4% sehr hartnäckig bleibe.

Die Analysten würden davon ausgehen, dass die nächsten Zinssenkungen im Oktober und Dezember erfolgen würden und damit ihre frühere Einschätzung ändern, dass es aufgrund der überraschend schlechten Wirtschaftsdaten im Euroraum keine weiteren Zinssenkungen geben werde. Die Analysten seien jedoch nach wie vor skeptisch, ob die Inflation im Jahr 2025 wirklich zurückgehen werde - wie in den EZB-Projektionen erwartet - um eine Reihe weiterer Zinssenkungen im nächsten Jahr zu rechtfertigen.

Die Ankündigungen im Einzelnen
(Zitate seien in Anführungszeichen und von Christine Lagarde, es sei denn, es werde auf jemand anderen verwiesen)

Neue von den EZB-Experten erstellte Projektionen für Inflation und Wachstum:

Einordnung: Diese neuen Prognosen der Experten würden den Wunsch der EZB unterstreichen, die Zinssätze weiter zu senken. Die Experten hätten an ihrer Prognose für die Gesamtinflation festgehalten, was bedeute, dass sie zuversichtlich seien, dass die Inflation bis Ende nächsten Jahres das Ziel erreichen werde. Noch wichtiger sei, dass die prognostizierte Kernrate, die weiterhin sehr hoch sei und im September 2024 wahrscheinlich auf über 3% steigen werde, für 2025 nur um 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert worden sei. Somit biete die Prognose der Kernrate kein Futter für Kritiker von Zinssenkungen.

Auf die Frage nach der Entwicklung der Dienstleistungsinflation, die einen wesentlichen Einfluss auf die Kerninflation habe, habe Lagarde jedoch etwas nervös reagiert, da diese Inflation weiterhin über 4% liege. Es werde sehr stark von der Entwicklung dieser Komponente der Gesamtinflation abhängen, ob das Inflationsziel erreicht werden könne. Eine Disinflation im Dienstleistungssektor werde nur dann eintreten, wenn es eine "Mäßigung der Löhne, ... sinkende Gewinnmargen und eine Steigerung der Produktivität" gebe. Lagarde behaupte, dass die Trends in die richtige Richtung weisen würden, habe aber nicht völlig überzeugt geklungen.

Ansatz "Meeting by Meeting"? "Wir werden auch weiterhin einen datenabhängigen und Meeting-by-Meeting-Ansatz verfolgen ..."

Einordnung: Dies klinge nicht sehr glaubwürdig, da die neuen Prognosen von Lagarde sehr stark hervorgehoben worden seien. Um es in den Kontext zu setzen: In den Jahren 2021/2022 habe sich die EZB in hohem Maße auf die Prognose verlassen, dass die Inflation zurückgehen und dass der Inflationsschub nur vorübergehend sein würde. Dies habe sich als falsch erwiesen. Die EZB habe reagiert und die Zinsen angehoben und seitdem deutlich gemacht, dass sie datenabhängig sei und sich nicht mehr so sehr auf Prognosen verlasse.

Das scheine sich jetzt zu ändern, so wie Zentralbanken sich bei ihrer Geldpolitik üblicherweise auf Prognosen stützen würden. Dennoch berge diese Politik einige Risiken, insbesondere die Gefahr, dass die Inflation aufgrund externer Faktoren wie einem Ölpreisanstieg wieder anziehe. Das sei vielleicht der Grund, warum die EZB diesen Systemwechsel nicht so aggressiv kommuniziere (der vielleicht außerdem noch nicht von allen EZB-Ratsmitgliedern geteilt werde).

Zu den Risiken: "Die Risiken für das Wirtschaftswachstum sind nach wie vor eher abwärts gerichtet"

Einordnung: Dies unterstreiche die Sicht, dass die EZB weitere Zinssenkungen durchführen möchte.

Zum neutralen Zinssatz (d.h. dem Zinssatz, der weder expansiv noch restriktiv wirke): "Ich werde Ihnen keine Vorstellung davon geben, wo r* (der natürliche Zinssatz) liegt ... Wir werden es, je näher wir ihm kommen, sicherlich besser wissen."

Einordnung: Andere Mitglieder der EZB seien offener, was den neutralen Zinssatz angehe, und würden ihn bei 2 bis 2,5% sehen. Dies würde bedeuten, dass es noch Spielraum für Senkungen gebe, aber nur, wenn sich die Inflation so verhalte, wie von der EZB erwartet (was die Analysten für zu optimistisch halten würden).

Über den Draghi-Bericht (der diese Woche mit Vorschlägen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der EU veröffentlicht worden sei): "Es ist ein beeindruckender Bericht ... er weist auf strukturelle Reformen hin, ... die äußerst hilfreich sein könnten, um Europa zu stärken, aber auch für uns als Zentralbank, um bessere Ergebnisse in unserer Geldpolitik zu erzielen."

Einordnung: Lagarde habe sich ungefragt zu diesem Thema geäußert, was zeige, dass sie diesem Bericht große Bedeutung beimesse. Ihre Befürwortung zeige auch, dass sie Draghis Vorschlag von "Safe Assets" zu befürworten scheine, bei denen es sich im Grunde um Eurobonds oder gemeinsame Schulden handele. Für den Fall, dass die EZB wieder auf die QE-Politik setze, würden solche Anleihen für geldpolitische Zwecke viel besser funktionieren als die nationalen Anleihen. Mit der derzeitigen deutschen Regierung und insbesondere mit der Haltung der FDP gebe es jedoch keine Chance, "Safe Assets" durchzusetzen. (13.09.2024/alc/a/a)