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Divergierende Notenbankpolitik


20.08.21 10:51
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Lange Zeit setzte die chinesische Regierung darauf, ein möglichst hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen, so Bastian Ernst von der Weberbank.

Allerdings habe bisher lediglich ein kleiner Teil der Bevölkerung überproportional von diesem Wachstum profitieren können. So liege die Einkommensungleichheit in China auf einem vergleichbaren Niveau mit den USA und deutlich oberhalb der Europas. Nun würden die Regierungsverantwortlichen in Peking versuchen, dieses Problem zu lösen und die gesamte Bevölkerung profitieren zu lassen. In der Sitzung der Finanz- und Wirtschaftskommission seiner Partei habe Staatspräsident Xi Jinping am Dienstag versprochen, dass man "exzessiv hohe Einkommen" künftig regulieren und vernünftig anpassen werde und reiche Unternehmen dazu animiere, mehr an die Gesellschaft zurückzugeben.

Die chinesische Führung fordere damit eine Umverteilung von Vermögen, eine Systemfrage scheine jedoch unwahrscheinlich. Der Beschluss der kommunistischen Partei besage, dass man die Bevölkerung weiterhin ermutigen wolle, durch harte Arbeit und Innovation reich zu werden. Jedoch sollten diese Erfolgreichen verstärkt dabei helfen, dass auch andere reich würden. Konkrete Maßnahmen habe die chinesische Regierung bisher nicht verkündet. Im Raum stünden allerdings die Einführung einer Erbschaftssteuer, einer Kapitalertragssteuer sowie einer Besteuerung von Immobilienerträgen. Erste Unternehmen seien dem Aufruf bereits gefolgt. So habe der Internetkonzern Tencent am Mittwoch bekannt gegeben, umgerechnet rund 130 Millionen Euro für Bildungsprojekte, Gesundheitsförderung sowie die Förderung ländlicher Regionen zu spenden.

Infolge der Nachrichten hätten chinesische Aktien ihren Negativtrend fortgesetzt und auch Aktien einiger Branchen in den entwickelten Volkswirtschaften hätten mit roten Vorzeichen reagiert. Besonders betroffen seien Hersteller von Luxusartikeln sowie Autos. Diese würden einen Großteil ihrer Umsätze im Reich der Mitte erzielen und hätten in den vergangenen Jahren vom gestiegenen Wohlstand der chinesischen Konsumenten profitiert. Da derzeit unklar sei, welche konkreten Auswirkungen die geplanten Maßnahmen haben würden, hätten die Investoren diese Aktien verkauft. Sofern die Maßnahmen der chinesischen Regierung dazu führen würden, dass die obere Mittelschicht wachse, könnten diese Unternehmen jedoch gar profitieren.

Während sich die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) darauf vorbereite, ihre ultralockere Geldpolitik zu verlangsamen, stehe die Europäische Zentralbank (EZB) weiterhin auf dem geldpolitischen Gaspedal. Die FED diskutiere derzeit intensiv über den Zeitplan für eine geldpolitische Normalisierung. Diese "Tapering"-Diskussionen würden vom Markt eng verfolgt, hätten sie letztmalig im Jahr 2018 doch dazu geführt, dass die Kapitalmärkte deutlich korrigiert hätten. Die Analysten der Weberbank würden nicht erwarten, dass die FED bereits im laufenden Jahr eine Reduktion ihrer Anleihekäufe vornehmen werde, sondern erst Anfang 2022 hiermit beginne. Eine Anhebung der Leitzinsen scheine erst in den Jahren 2023 bis 2025 realistisch.

Die EZB dagegen habe jüngst ihre Strategie überprüft und dabei ihr Inflationsziel angepasst. So ziele sie künftig, ähnlich wie bereits die US-Notenbank FED, darauf ab, nur "im Durchschnitt" eine Inflation von unter 2% zu erreichen. Das bedeute, dass kurzfristig ein Über- oder Unterschießen der Inflation toleriert werde. Damit sei auch Klarheit geschaffen worden, dass eine Leitzinserhöhung in der Eurozone in weitere Ferne gerückt sei und Zinsen noch auf längere Zeit niedrig bleiben würden. Nicht adressiert habe die EZB jedoch, wie sie mit ihren Kaufprogrammen verfahren werde. Die Analysten der Weberbank würden erwarten, dass das in der Covid-19-Krise eingeführte Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) in das reguläre Kaufprogramm überführt werden dürfte. Anders als die FED werde die EZB ihre Anleihekäufe damit vorerst weiter fortsetzen.

Die Unternehmen hätten im vergangenen Jahr einen Rückgang ihrer Gewinnmargen hinnehmen müssen, nachdem sie diese zuvor Jahr für Jahr hätten steigern können. Die abgelaufene Berichtssaison für die Ergebnisse im zweiten Quartal habe gezeigt, dass die Unternehmen nicht nur ihre Umsätze nach den Rückgängen im Covid-19-Jahr wieder hätten steigern können, sondern insbesondere auch ihre Gewinnmargen wieder hätten ausbauen können. Angesichts gestiegener Preise für Vorprodukte und globaler Lieferengpässe bei wichtigen Bauteilen stünden die Unternehmen jedoch vor der Herausforderung, die steigenden Kosten an ihre Kunden weiterzugeben, um erneut rückläufige Gewinnmargen zu vermeiden. Dies zeige sich auch daran, dass die Stichworte "Inflation" und "Lieferengpass" in den Aussagen der Unternehmen bei Vorlage der Quartalszahlen so häufig gefallen seien wie nie zuvor.

Analysten seien jedoch optimistisch, dass die Unternehmen in der Lage sein würden, die nötigen Preiserhöhungen durchzusetzen. So sei damit zu rechnen, dass das Gros der Unternehmen trotz höherer Inputkosten und Lieferengpässen 2021 einen neuen Rekord hinsichtlich ihrer Gewinnmargen vermelden könne. Dies werde aber nicht für alle Unternehmen gelten. Der Selektion komme im aktuellen Marktumfeld eine besondere Bedeutung zu. Die Analysten der Weberbank würden Unternehmen präferieren, welche aufgrund ihrer Marktpositionierung eine hohe Preismacht aufweisen und steigende Kosten in Form von Preiserhöhungen weitergeben könnten. (20.08.2021/alc/a/a)