Erweiterte Funktionen
Covid-19 und Geldwertstabilität: Wer Inflation erwartet, wird enttäuscht
21.07.20 12:15
Schroders
London (www.anleihencheck.de) - Viele Kapitalmarktakteure denken, wenn sich die Wirtschaftsaktivität wieder normalisiert, wird die Inflation ansteigen, so Keith Wade, Chefvolkswirt bei Schroders.
Die Treiber: Eine stärkere Nachfrage infolge der anhaltend lockeren Geld- und Fiskalpolitik gekoppelt mit einem beschränkten Angebot, das durch die Auswirkungen von Covid-19 auf die Lieferketten bedingt sei. Doch die Experten seien anderer Meinung.
Erste Indikatoren würden zeigen: Sowohl die Konjunktur als auch die Preissteigerungen würden deutlich nachlassen - die Coronavirus-Krise habe stark deflationäre Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Der Einbruch der Nachfrage habe die Ölpreise in Mitleidenschaft gezogen und zu niedrigeren Energiekosten geführt. In den USA seien die Rohstoffpreise auch während der vergangenen Rezession und der Abkühlung zur Zyklusmitte im Jahr 2015 gefallen - und sie würden auch jetzt eine anhaltend schwache Inflation in den kommenden Monaten signalisieren.
Gleichzeitig erleben wir eine Flut von Schnäppchenangeboten im Einzelhandel, wo Anbieter bemüht sind, die infolge des Lockdown voll gebliebenen Lager zu räumen, so die Experten von Schroders. Wenn Fluggesellschaften und Hotels allmählich wieder den Betrieb aufnehmen würden, würden die Experten weitere Preisnachlässe erwarten und wären nicht überrascht, in Europa und den USA in den kommenden Monaten eine negative Gesamtinflation zu sehen.
Werde die Lockerung der Fiskal- und Geldpolitik die Nachfrage - und damit die Preise - nach oben treiben? Marktteilnehmer würden insbesondere im beschleunigten Wachstum der Geldmenge in den USA einen Vorboten für steigende Preise sehen. In der Tat würden die Experten ein außergewöhnliches Wachstum der Geldmenge M2 beobachten, welche ein Maß für Bareinlagen und sonstige liquide Instrumente, einschließlich Publikumsfonds, sei.
Mit Blick auf die potenziell disruptiven Auswirkungen von Covid-19 für die Angebotsseite der Wirtschaft würden einige Marktbeobachter nun einen Wendepunkt hin zu mehr Volatilität und einer höheren Inflation erkennen. Der Handlungsspielraum der Notenbanken für lockere Geldpolitik und Niedrigzinsen, den die geringe Teuerungsrate ermöglicht habe, wäre damit weg - und die Unterstützung für Risikoanlagen entfiele.
Doch das Risiko hierfür sei gering. Denn: Die Beziehung zwischen den Kennzahlen zur Bestimmung der Geldmenge und der Inflation sei bestenfalls lose - trotz des berühmten Sprichworts von Milton Friedman, die Inflation sei immer und überall ein monetäres Phänomen. Eine rapide Beschleunigung der Geldmenge gehe häufig mit einem entsprechend deutlichen Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in der Wirtschaft einher. Die Gesamtaktivität ändere sich hingegen kaum. Das zeige die Erfahrung der globalen Finanzkrise: Trotz steigender Geldmenge habe quantitative Lockerung weder die Inflation zunehmen lassen noch habe sie die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes beschleunigt. Stattdessen sei das geschaffene zusätzliche Kapital im Bankensystem verblieben, wo die Reserven nach der Krise in die Höhe geschnellt seien - die zusätzliche Liquidität habe keinen Weg in die Wirtschaft gefunden und sich nicht in Preiserhöhungen niedergeschlagen.
Könnte es dieses Mal anders sein und das durch die quantitative Lockerung geschaffene Geld fließe durch erhöhte haushaltspolitische Ausgaben direkt in die Wirtschaft? Zweifelsohne treffe es zu, dass die Zentralbanken Geld schaffen und Staatsanleihen beinahe so schnell aufkaufen würden, wie die Staatsverschuldung wachse. Jedoch würden diese Wertpapierkäufe an den Sekundärmärkten erfolgen. Gekauft werde also von Anlegern - und nicht direkt von Regierungen an den Primärmärkten. Die zusätzliche Liquidität fließe folglich, wie schon zuvor, auf Anlegerkonten und in Bankreserven.
Sowohl die extreme geldpolitische Lockerung als auch die hohe Staatsverschuldung müssten dabei im Kontext eines wesentlich stärkeren Nachfrageeinbruchs bewertet werden. Die Regierungen seien eingesprungen, um Löhne fortzuzahlen und Kredite bereitzustellen - andernfalls müssten viele Unternehmen wegen des Lockdown und ausbleibender Zahlungsströme Insolvenz anmelden. Die Maßnahmen der Regierungen würden darauf abzielen, die Wirtschaft vor den Auswirkungen des Lockdown zu schützen - und nicht die Nachfrage zusätzlich zu befeuern.
Ebenso wenig seien die gestiegenen Emissionen von Unternehmensanleihen und die höheren Kreditvergaben an Unternehmen eine Reaktion auf eine stärkere Unternehmensaktivität. Vielmehr würden sich darin die Bemühungen widerspiegeln, ausbleibende Cashflows zu kompensieren, um Fixkosten zu decken und Reserven zu schaffen und so den Zeitraum des Lockdown zu überstehen.
Quantitative Lockerung veranlasse die Privathaushalte und Unternehmen nicht zu mehr Ausgaben. Ausgabenentscheidungen würden größtenteils vom Vertrauen in die Zukunft beeinflusst - und das hänge maßgeblich davon ab, wie hoch die Einkommen und wie solide die Unternehmensbilanzen seien. Die Inflationserwartungen der Privathaushalte seien auch in der Ära von ultralockerer Geldpolitik rückläufig. Das trage wesentlich dazu bei, dass das Lohnwachstum begrenzt bleibe.
Eine höhere Inflation in der Zukunft sei keineswegs völlig ausgeschlossen. Sollte sich die Konjunktur erholen, könnten zu langanhaltende Maßnahmen fiskal- oder geldpolitischer Art allzu starke Anreize für die Wirtschaft schaffen. Gleichzeitig könnte die Politik in Versuchung geraten, Haushaltsdefizite ausufern zu lassen, um die Pandemie abzuschütteln und die Wirtschaft wieder auf Vollbeschäftigung zu trimmen. Allerdings würde es schon erheblicher und anhaltender Ausgaben bedürfen, um die Produktionslücke (die Differenz zwischen dem Potenzial einer Volkswirtschaft und der tatsächlichen Wirtschaftsleistung) zu schließen und so Inflation zu erzeugen.
Der wirtschaftliche Leerlauf sei dagegen erheblich: Die Arbeitslosigkeit sei in den USA auf Nachkriegshochs von 13,3 Prozent (Stand: Mai 2020) angestiegen und die Produktionslücke dürfte in diesem Jahr mit 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) jene von 6,5 Prozent während des letzten Tiefs in der globalen Finanzkrise noch übersteigen. Zwar sei die Arbeitslosigkeit in Europa geringer, jedoch sei das in erster Linie Beurlaubungen und Kurzarbeitergeld zu verdanken - die Flaute am Arbeitsmarkt werde hier also womöglich nur verschleiert.
Mit der allmählichen Aufhebung der Kontaktsperren dürften die Arbeitslosenquoten deutlich sinken. Allerdings würden überschüssige Kapazitäten höchstwahrscheinlich bestehen bleiben: Befürchtungen über eine zweite Infektionswelle und geringere Arbeitsplatzsicherheit dürften Verbraucher und Unternehmen beunruhigen und die Erholung bei den Konsumausgaben bremsen.
Hinzu würden strukturelle Verlagerungen kommen: Sektoren wie Reisen, Tourismus und das Gastgewerbe könnten infolge neuer Vorschriften nach der Pandemie weniger wirtschaftlich arbeiten. So würden Fluggesellschaften schon jetzt die langfristigen Auswirkungen auf ihren Betrieb erkennen und Stellenkürzungen vornehmen. Die Auswirkungen von Auftragsstornierungen auf das Verarbeitende Gewerbe würden unterdessen zu nachgelagerten Effekten für die Beschäftigung in der gesamten Wirtschaft führen. Derart negative Nachwirkungen würden bedeuten, dass auch weiterhin überschüssige Kapazität vorhanden sein dürfte, was die Inflation unter Druck setze.
Ein weiteres Argument zugunsten des Inflationswachstums sei, dass Covid-19 den bereits bestehenden Trend zur "Deglobalisierung" - und damit den Aufwärtsdruck auf die Inflation - beschleunigen könnte. Denn: Um ihre Lieferketten gegen Ausfälle zu sichern, könnten Unternehmen auf kleinere, aber geografisch breiter gestreute Fertigungsstrukturen setzen und gleichzeitig wieder größere Lagerbestände halten. Beides verringere jedoch die Effizienz und erhöhe die Kosten, die die Unternehmen an ihre Kunden weitergeben würden - was wiederum zu einem Preisanstieg führe.
Auch im Dienstleistungssektor werde die Arbeitsproduktivität geringer und damit die Lohnkosten höher: Durch soziale Distanzierung verringere sich die Kundenfrequenz im Einzelhandel, in der Gastronomie oder etwa bei Fluggesellschaften. Dies könnte zu höheren Preisen und einer geringeren Produktion führen - es drohe eine Stagflation, bei der ein geringeres Wirtschaftswachstum mit einer höheren Inflation einhergehe. Infolge einer geringeren Migration könnte sich zudem das Lohnwachstum beschleunigen, da dadurch das Angebot an Arbeitskräften abnehme. Besonders stark würden hiervon Volkswirtschaften wie Großbritannien betroffen sein.
Aber auch hierzu gebe es einen Gegentrend: Die zunehmende Automatisierung. Die Technologie sei und bleibe eine stark deflationäre Kraft und habe während der Pandemie Aufwind erfahren. Um robustere Lieferketten aufzubauen, ohne an Effizienz einzubüßen, würden sich Unternehmen zunehmend auf die Automatisierung und insbesondere die Kombination von Robotik und künstlicher Intelligenz konzentrieren.
Solche Maßnahmen könnten auch das Problem eines potenziellen Arbeitskräftemangels infolge einer geringeren Migration lösen. All das werde Zeit brauchen, aber letztlich könnte der erhöhte Einsatz von Technologie zu mehr Produktivität in der Wirtschaft und zu niedrigeren Preisen führen. Unmittelbar gesehen schreite der deflationäre Effekt der Technologie unaufhaltsam voran: Laut Empirical Research Partners habe Amazon sein Kapazitätswachstum beschleunigt, um die während der Pandemie gestiegene Nachfrage zu bedienen.
Alle Faktoren, die mittelfristig auf einen gewissen Aufwärtsdruck für die Inflation hindeuten würden, sollten jedoch im Kontext einer schwächeren Nachfrage bewertet werden. Laut Prognosen des Internationalen Währungsfonds dürften die Staatsschulden der G20-Industrienationen in diesem Jahr mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen. Wenn die Regierungen die massive Staatsverschuldung abbauen müssten, die sie während der Pandemie angehäuft hätten, werde das die Konjunktur erheblich belasten. Neben zunehmenden Anforderungen an die Staatsfinanzen wird das unweigerlich dazu führen, dass Regierungen Inflation erzeugen werden, um ihre Schuldenlast zu erodieren - zumindest scheinen viele das zu denken, so die Experten von Schroders.
Denn: Weder haushaltspolitische Einsparungen noch Steuererhöhungen würden politisch durchsetzbar sein, insbesondere angesichts des zunehmenden populistischen Drucks. Die Regierungen würden folglich keine andere Wahl haben, als die Geldpressen anzuwerfen und ihre Defizite direkt zu finanzieren, so die Erwartung.
Ein solches Ergebnis sei durchaus möglich, wäre jedoch ein bedenklicher Schritt. Er würde das Ende der unabhängigen Zentralbanken und Inflationsziele einläuten und die Moderne Geldtheorie (Modern Monetary Theory, MMT) und fiskalische Souveränität würden Zentralbanken und die von ihnen verfolgte Geldpolitik ersetzen. Der Verlust unabhängiger Zentralbanken wäre kritisch. Oder wie der Internationale Währungsfonds IWF an einem ähnlichen Punkt im letzten Wirtschaftszyklus korrekt angemerkt habe: "Unsere Analysen lassen vermuten, dass eine anhaltende geldpolitische Lockerung kaum Folgen für die Inflation haben dürfte, solange die Inflationserwartungen verankert bleiben. Dafür ist jedoch ausschlaggebend, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken gewahrt wird."
Nach Erachten der Experten sei finanzielle Repression ein besserer Weg zum Schuldenabbau als Inflation. Ferner erfreue sich die Inflation nie politischer Popularität - das würden die Erfahrungen in den 1970er Jahren in Großbritannien und in zahlreichen Schwellenländern zeigen. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der politischen Bedeutung der Wählerstimmen aus der Gruppe der Rentner treffe dies aktuell mehr denn je zu, denn Rentner treffe die Inflation besonders empfindlich. Wer sich also eine höhere Inflation zur Lösung des Schuldenproblems wünsche, sollte sich die möglichen Konsequenzen genau vor Augen führen. (21.07.2020/alc/a/a)
Die Treiber: Eine stärkere Nachfrage infolge der anhaltend lockeren Geld- und Fiskalpolitik gekoppelt mit einem beschränkten Angebot, das durch die Auswirkungen von Covid-19 auf die Lieferketten bedingt sei. Doch die Experten seien anderer Meinung.
Erste Indikatoren würden zeigen: Sowohl die Konjunktur als auch die Preissteigerungen würden deutlich nachlassen - die Coronavirus-Krise habe stark deflationäre Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Der Einbruch der Nachfrage habe die Ölpreise in Mitleidenschaft gezogen und zu niedrigeren Energiekosten geführt. In den USA seien die Rohstoffpreise auch während der vergangenen Rezession und der Abkühlung zur Zyklusmitte im Jahr 2015 gefallen - und sie würden auch jetzt eine anhaltend schwache Inflation in den kommenden Monaten signalisieren.
Gleichzeitig erleben wir eine Flut von Schnäppchenangeboten im Einzelhandel, wo Anbieter bemüht sind, die infolge des Lockdown voll gebliebenen Lager zu räumen, so die Experten von Schroders. Wenn Fluggesellschaften und Hotels allmählich wieder den Betrieb aufnehmen würden, würden die Experten weitere Preisnachlässe erwarten und wären nicht überrascht, in Europa und den USA in den kommenden Monaten eine negative Gesamtinflation zu sehen.
Werde die Lockerung der Fiskal- und Geldpolitik die Nachfrage - und damit die Preise - nach oben treiben? Marktteilnehmer würden insbesondere im beschleunigten Wachstum der Geldmenge in den USA einen Vorboten für steigende Preise sehen. In der Tat würden die Experten ein außergewöhnliches Wachstum der Geldmenge M2 beobachten, welche ein Maß für Bareinlagen und sonstige liquide Instrumente, einschließlich Publikumsfonds, sei.
Mit Blick auf die potenziell disruptiven Auswirkungen von Covid-19 für die Angebotsseite der Wirtschaft würden einige Marktbeobachter nun einen Wendepunkt hin zu mehr Volatilität und einer höheren Inflation erkennen. Der Handlungsspielraum der Notenbanken für lockere Geldpolitik und Niedrigzinsen, den die geringe Teuerungsrate ermöglicht habe, wäre damit weg - und die Unterstützung für Risikoanlagen entfiele.
Doch das Risiko hierfür sei gering. Denn: Die Beziehung zwischen den Kennzahlen zur Bestimmung der Geldmenge und der Inflation sei bestenfalls lose - trotz des berühmten Sprichworts von Milton Friedman, die Inflation sei immer und überall ein monetäres Phänomen. Eine rapide Beschleunigung der Geldmenge gehe häufig mit einem entsprechend deutlichen Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in der Wirtschaft einher. Die Gesamtaktivität ändere sich hingegen kaum. Das zeige die Erfahrung der globalen Finanzkrise: Trotz steigender Geldmenge habe quantitative Lockerung weder die Inflation zunehmen lassen noch habe sie die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes beschleunigt. Stattdessen sei das geschaffene zusätzliche Kapital im Bankensystem verblieben, wo die Reserven nach der Krise in die Höhe geschnellt seien - die zusätzliche Liquidität habe keinen Weg in die Wirtschaft gefunden und sich nicht in Preiserhöhungen niedergeschlagen.
Könnte es dieses Mal anders sein und das durch die quantitative Lockerung geschaffene Geld fließe durch erhöhte haushaltspolitische Ausgaben direkt in die Wirtschaft? Zweifelsohne treffe es zu, dass die Zentralbanken Geld schaffen und Staatsanleihen beinahe so schnell aufkaufen würden, wie die Staatsverschuldung wachse. Jedoch würden diese Wertpapierkäufe an den Sekundärmärkten erfolgen. Gekauft werde also von Anlegern - und nicht direkt von Regierungen an den Primärmärkten. Die zusätzliche Liquidität fließe folglich, wie schon zuvor, auf Anlegerkonten und in Bankreserven.
Sowohl die extreme geldpolitische Lockerung als auch die hohe Staatsverschuldung müssten dabei im Kontext eines wesentlich stärkeren Nachfrageeinbruchs bewertet werden. Die Regierungen seien eingesprungen, um Löhne fortzuzahlen und Kredite bereitzustellen - andernfalls müssten viele Unternehmen wegen des Lockdown und ausbleibender Zahlungsströme Insolvenz anmelden. Die Maßnahmen der Regierungen würden darauf abzielen, die Wirtschaft vor den Auswirkungen des Lockdown zu schützen - und nicht die Nachfrage zusätzlich zu befeuern.
Ebenso wenig seien die gestiegenen Emissionen von Unternehmensanleihen und die höheren Kreditvergaben an Unternehmen eine Reaktion auf eine stärkere Unternehmensaktivität. Vielmehr würden sich darin die Bemühungen widerspiegeln, ausbleibende Cashflows zu kompensieren, um Fixkosten zu decken und Reserven zu schaffen und so den Zeitraum des Lockdown zu überstehen.
Quantitative Lockerung veranlasse die Privathaushalte und Unternehmen nicht zu mehr Ausgaben. Ausgabenentscheidungen würden größtenteils vom Vertrauen in die Zukunft beeinflusst - und das hänge maßgeblich davon ab, wie hoch die Einkommen und wie solide die Unternehmensbilanzen seien. Die Inflationserwartungen der Privathaushalte seien auch in der Ära von ultralockerer Geldpolitik rückläufig. Das trage wesentlich dazu bei, dass das Lohnwachstum begrenzt bleibe.
Der wirtschaftliche Leerlauf sei dagegen erheblich: Die Arbeitslosigkeit sei in den USA auf Nachkriegshochs von 13,3 Prozent (Stand: Mai 2020) angestiegen und die Produktionslücke dürfte in diesem Jahr mit 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) jene von 6,5 Prozent während des letzten Tiefs in der globalen Finanzkrise noch übersteigen. Zwar sei die Arbeitslosigkeit in Europa geringer, jedoch sei das in erster Linie Beurlaubungen und Kurzarbeitergeld zu verdanken - die Flaute am Arbeitsmarkt werde hier also womöglich nur verschleiert.
Mit der allmählichen Aufhebung der Kontaktsperren dürften die Arbeitslosenquoten deutlich sinken. Allerdings würden überschüssige Kapazitäten höchstwahrscheinlich bestehen bleiben: Befürchtungen über eine zweite Infektionswelle und geringere Arbeitsplatzsicherheit dürften Verbraucher und Unternehmen beunruhigen und die Erholung bei den Konsumausgaben bremsen.
Hinzu würden strukturelle Verlagerungen kommen: Sektoren wie Reisen, Tourismus und das Gastgewerbe könnten infolge neuer Vorschriften nach der Pandemie weniger wirtschaftlich arbeiten. So würden Fluggesellschaften schon jetzt die langfristigen Auswirkungen auf ihren Betrieb erkennen und Stellenkürzungen vornehmen. Die Auswirkungen von Auftragsstornierungen auf das Verarbeitende Gewerbe würden unterdessen zu nachgelagerten Effekten für die Beschäftigung in der gesamten Wirtschaft führen. Derart negative Nachwirkungen würden bedeuten, dass auch weiterhin überschüssige Kapazität vorhanden sein dürfte, was die Inflation unter Druck setze.
Ein weiteres Argument zugunsten des Inflationswachstums sei, dass Covid-19 den bereits bestehenden Trend zur "Deglobalisierung" - und damit den Aufwärtsdruck auf die Inflation - beschleunigen könnte. Denn: Um ihre Lieferketten gegen Ausfälle zu sichern, könnten Unternehmen auf kleinere, aber geografisch breiter gestreute Fertigungsstrukturen setzen und gleichzeitig wieder größere Lagerbestände halten. Beides verringere jedoch die Effizienz und erhöhe die Kosten, die die Unternehmen an ihre Kunden weitergeben würden - was wiederum zu einem Preisanstieg führe.
Auch im Dienstleistungssektor werde die Arbeitsproduktivität geringer und damit die Lohnkosten höher: Durch soziale Distanzierung verringere sich die Kundenfrequenz im Einzelhandel, in der Gastronomie oder etwa bei Fluggesellschaften. Dies könnte zu höheren Preisen und einer geringeren Produktion führen - es drohe eine Stagflation, bei der ein geringeres Wirtschaftswachstum mit einer höheren Inflation einhergehe. Infolge einer geringeren Migration könnte sich zudem das Lohnwachstum beschleunigen, da dadurch das Angebot an Arbeitskräften abnehme. Besonders stark würden hiervon Volkswirtschaften wie Großbritannien betroffen sein.
Aber auch hierzu gebe es einen Gegentrend: Die zunehmende Automatisierung. Die Technologie sei und bleibe eine stark deflationäre Kraft und habe während der Pandemie Aufwind erfahren. Um robustere Lieferketten aufzubauen, ohne an Effizienz einzubüßen, würden sich Unternehmen zunehmend auf die Automatisierung und insbesondere die Kombination von Robotik und künstlicher Intelligenz konzentrieren.
Solche Maßnahmen könnten auch das Problem eines potenziellen Arbeitskräftemangels infolge einer geringeren Migration lösen. All das werde Zeit brauchen, aber letztlich könnte der erhöhte Einsatz von Technologie zu mehr Produktivität in der Wirtschaft und zu niedrigeren Preisen führen. Unmittelbar gesehen schreite der deflationäre Effekt der Technologie unaufhaltsam voran: Laut Empirical Research Partners habe Amazon sein Kapazitätswachstum beschleunigt, um die während der Pandemie gestiegene Nachfrage zu bedienen.
Alle Faktoren, die mittelfristig auf einen gewissen Aufwärtsdruck für die Inflation hindeuten würden, sollten jedoch im Kontext einer schwächeren Nachfrage bewertet werden. Laut Prognosen des Internationalen Währungsfonds dürften die Staatsschulden der G20-Industrienationen in diesem Jahr mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen. Wenn die Regierungen die massive Staatsverschuldung abbauen müssten, die sie während der Pandemie angehäuft hätten, werde das die Konjunktur erheblich belasten. Neben zunehmenden Anforderungen an die Staatsfinanzen wird das unweigerlich dazu führen, dass Regierungen Inflation erzeugen werden, um ihre Schuldenlast zu erodieren - zumindest scheinen viele das zu denken, so die Experten von Schroders.
Denn: Weder haushaltspolitische Einsparungen noch Steuererhöhungen würden politisch durchsetzbar sein, insbesondere angesichts des zunehmenden populistischen Drucks. Die Regierungen würden folglich keine andere Wahl haben, als die Geldpressen anzuwerfen und ihre Defizite direkt zu finanzieren, so die Erwartung.
Ein solches Ergebnis sei durchaus möglich, wäre jedoch ein bedenklicher Schritt. Er würde das Ende der unabhängigen Zentralbanken und Inflationsziele einläuten und die Moderne Geldtheorie (Modern Monetary Theory, MMT) und fiskalische Souveränität würden Zentralbanken und die von ihnen verfolgte Geldpolitik ersetzen. Der Verlust unabhängiger Zentralbanken wäre kritisch. Oder wie der Internationale Währungsfonds IWF an einem ähnlichen Punkt im letzten Wirtschaftszyklus korrekt angemerkt habe: "Unsere Analysen lassen vermuten, dass eine anhaltende geldpolitische Lockerung kaum Folgen für die Inflation haben dürfte, solange die Inflationserwartungen verankert bleiben. Dafür ist jedoch ausschlaggebend, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken gewahrt wird."
Nach Erachten der Experten sei finanzielle Repression ein besserer Weg zum Schuldenabbau als Inflation. Ferner erfreue sich die Inflation nie politischer Popularität - das würden die Erfahrungen in den 1970er Jahren in Großbritannien und in zahlreichen Schwellenländern zeigen. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der politischen Bedeutung der Wählerstimmen aus der Gruppe der Rentner treffe dies aktuell mehr denn je zu, denn Rentner treffe die Inflation besonders empfindlich. Wer sich also eine höhere Inflation zur Lösung des Schuldenproblems wünsche, sollte sich die möglichen Konsequenzen genau vor Augen führen. (21.07.2020/alc/a/a)
Aktuelle Kursinformationen mehr >
| Kurs | Vortag | Veränderung | Datum/Zeit | |
| 2,70 % | 1,90 % | 0,80 % | +42,11% | 24.04./22:00 |
| ISIN | WKN | Jahreshoch | Jahrestief | |
| 2,70 % | 1,80 % | |||


