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Chinas Zentralbank: Ein Schatten ihrer selbst?


20.09.24 09:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Chinas Wirtschaft steht wegen akuter und struktureller Probleme oft im Fokus, doch kaum beachtet wird die Schwäche seiner Zentralbank, so Dr. Tariq Chaudhry, Analyst der Hamburg Commercial Bank.

Ohne echte geldpolitische Autorität leide das weltweite Vertrauen in den Renminbi erheblich.

Geldpolitik möge für viele westliche Beobachter oft unspektakulär erscheinen, doch derzeit befinde man sich in einer Phase, in der die Zentralbanken große Aufmerksamkeit erregen würden: Marktteilnehmer würden die Zinsentscheidungen der US-Notenbank FED oder der Europäischen Zentralbank genau verfolgen. Dahinter stecke die Hoffnung, dass die Zentralbanken angemessene Maßnahmen ergreifen würden, um sowohl die Inflation in Schach zu halten als auch das schwächelnde Wachstum in den USA und der Eurozone zu stützen. Jede Äußerung und jeder Datenpunkt würden dabei genau analysiert.

Doch wie oft fiebere der Einzelne einer Sitzung der Chinesischen Zentralbank (People’s Bank of China, PBoC) entgegen? Wahrscheinlich nie. Das geringe Interesse an der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt lasse sich jedoch nicht nur auf eine generelle westliche Zurückhaltung gegenüber China zurückführen, sondern habe auch strukturelle Gründe. Anders als andere große Zentralbanken folge die PBoC keinem festen, vorhersehbaren Sitzungszyklus. Geldpolitische Entscheidungen würden ad hoc getroffen und per Pressemitteilung kommuniziert. Insofern sei das verhaltene Interesse an den Sitzungen der PBoC durchaus nachvollziehbar.

Dies sollte jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass die Geldpolitik für die chinesische Wirtschaft nicht nützlich sein könne - im Gegenteil: Der Handlungsbedarf seitens der PBoC sei enorm, da die chinesische Volkswirtschaft derzeit eine deutliche Abkühlung erfahre. Im Gegensatz zu den früheren zweistelligen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) habe sich das Wachstum inzwischen auf etwa 5% verlangsamt, und es gebe Anzeichen für einen weiteren Rückgang. Für dieses Jahr werde von uns ein BIP-Wachstum von 4,9% erwartet, jedoch mit erheblichen Abwärtsrisiken. Ab 2025 könnte das Wachstum auf nur noch 3,7% sinken.

Diese Entwicklung sei teilweise auf zu erwartende ökonomische Effekte wie das Gesetz der abnehmenden Grenzerträge zurückzuführen, wonach zusätzlicher Einsatz von Kapital immer geringere Erträge abwerfe - von einer hohen Basis aus wachse es sich einfach langsamer. Doch auch strukturelle Probleme würden die chinesische Wirtschaft belasten, wie eine ungünstige Demografie, hohe Unternehmens- und Provinzverschuldung sowie zunehmende geopolitische Spannungen, vor allem mit dem Handelspartner USA.

Obwohl die PBoC auf diese langfristigen Herausforderungen nur begrenzt Einfluss habe, gebe es akute konjunkturelle Probleme, die eine stärkere geldpolitische Unterstützung erfordern würden. Dazu gehöre der angeschlagene Immobilienmarkt, der durch notwendige, aber abrupt umgesetzte Regulierungen destabilisiert worden sei, sowie der chinesische Binnenmarkt, der seit der COVID-Pandemie unter einem Vertrauensverlust seitens der privaten Unternehmen und Haushalte leide. Um die aktuelle Krise zu bewältigen, seien nicht nur regulatorische Maßnahmen zur Wiederherstellung des Vertrauens nötig, sondern auch gezielte geldpolitische Stimuli durch die PBoC.

Es wäre jedoch falsch, zu behaupten, dass die PBoC in den letzten Jahren der akuten Krise tatenlos zugeschaut hätte. Im Vergleich zu etablierten Zentralbanken, die meist eine überschaubare Anzahl von Leitzinsen zur Steuerung verwenden würden, nutze die PBoC eine Vielzahl von Zinssätzen, um gezielt auf verschiedene Sektoren der Wirtschaft einzuwirken.

Seit Beginn der COVID-Krise im Jahr 2020 habe die PBoC dadurch mehrere bedeutende geldpolitische Maßnahmen ergriffen: Der einjährige Darlehens-Leitzins (LPR), der für Unternehmen und Haushalte wichtig sei, sei von 4,8% auf 3,85% gesenkt worden. Auch der fünfjährige Darlehens-Leitzins, entscheidend für Hypothekenbanken und -kunden, sei von 4,8% auf 3,85% reduziert worden. Zusätzlich sei die mittelfristige Kreditfazilität (MLF), über die Banken Kredite von der PBoC erhalten könnten, von 3,25% auf 2,3% gesenkt worden. Der Mindestreservesatz (RRR), den Banken halten müssten, sei von 13% auf aktuell 10% reduziert worden.

Trotz dieser Maßnahmen würden sich die geldpolitischen Schritte der PBoC angesichts der Schwere der wirtschaftlichen Probleme als eher zurückhaltend bezeichnen lassen. Die zumeist nur kleinen Zinsschritte von etwa 10 Basispunkten würden sich jedoch teilweise strategisch begründen lassen: Erstens sei die Abkühlung des überhitzten Immobilienmarktes, der klare Anzeichen einer Blasenbildung zeige, von der chinesischen Regierung bewusst eingeleitet worden. Eine zu starke Senkung des Darlehens-Leitzinses hätte die regulatorischen Bemühungen zur Marktberuhigung konterkariert.

Zweitens hätte eine stärkere Veränderung der MLF den Zinsunterschied zwischen langfristigen Staatsanleihen der USA und Chinas vergrößert und so die ohnehin bereits starke Kapitalflucht aus China verstärkt. Dies hätte auch auf den Währungsmärkten gravierende Folgen gehabt. Insgesamt also ein schwieriger Balanceakt für die PBoC.

Nichtsdestotrotz müsse an dieser Stelle auch die begrenzte Handlungsfähigkeit der PBoC im Umgang mit den aktuellen Krisen thematisiert werden. Diese Unfähigkeit resultiere jedoch nicht zwangsläufig aus mangelndem Fachwissen der chinesischen Zentralbanker, sondern vielmehr aus der fehlenden Unabhängigkeit der PBoC von der politischen Führung des Landes. Selbst wenn die Währungshüter einen schlüssigen Plan zur Bewältigung der konjunkturellen Herausforderungen hätten, seien ihre Möglichkeiten durch politische Vorgaben der Regierung stark eingeschränkt.

Vor jeder geldpolitischen Entscheidung über die jährliche Geldmenge, Zinssätze, Wechselkurse und andere wichtige Fragen, müsse der Staatsrat der Volksrepublik, das zentrale Verwaltungsorgan in China, seine Zustimmung geben. Zwar habe die PBoC schon immer unter der Aufsicht des Staatsrats gestanden, doch ihre Autorität in Finanzfragen sei bislang relativ unangetastet gewesen. Diese Unabhängigkeit habe sich jedoch weiter verringert.

Seit März 2023 unterliege die PBoC faktisch der Kontrolle eines neuen Aufsichtsgremiums, der Zentralen Finanzkommission, die direkt der Kommunistischen Partei untergeordnet sei. Diese Entwicklung markiere einen signifikanten Machtverlust und weiteren Verlust der Unabhängigkeit der PBoC. Peking ziele zunehmend darauf ab, die Kontrolle der Partei über die Finanzregulierung zu zentralisieren. Der Handlungsspielraum der einst mächtigen Zentralbank werde somit immer weiter beschnitten.

China habe sich in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ehrgeizige Ziele für die kommenden Jahre gesetzt. Die Kommunistische Partei Chinas strebe bis 2049, dem einhundertjährigen Jubiläum der Gründung der Volksrepublik, die "große Wiederbelebung der chinesischen Nation" an. Ein zentraler Bestandteil dieser Vision sei das Erreichen einer wirtschaftlichen Überlegenheit gegenüber den USA. Ein entscheidendes Element der bisherigen ökonomischen Dominanz der USA werde dabei im US-Dollar gesehen, dessen Status als globaler Leitwährung sich in Krisenzeiten als besonders vorteilhaft erwiesen habe.

China versuche seit einiger Zeit, diesen Status herauszufordern. Besonders seit den US-Sanktionen gegen Russland nach dem Überfall auf die Ukraine habe China seine Bemühungen verstärkt - wenn auch bisher ohne großen Erfolg -, den Anteil des US-Dollars am globalen Devisenhandel zu reduzieren. Der US-Dollar bleibe mit 88,5% aller Transaktionen (laut "Bank for International Settlements" (BIS) 2022) die dominierende Währung im internationalen Handel, gefolgt vom Euro mit 30,5%. Der chinesische Renminbi, der derzeit nur 7% der globalen Devisentransaktionen ausmache, wachse zwar, bleibe jedoch hinter den Währungen der etablierten Volkswirtschaften zurück.

China unternehme bereits Schritte, um die Dollar-Dominanz zu schwächen: Trotz der vorherrschenden Devisenkontrollen, die ein Problem für die Verbreitung des Renminbi darstellen würden, würden erste Währungsswaps mit Zentralbanken in Lateinamerika, Afrika und Asien sowie eine Erhöhung des Goldanteils in den Devisenreserven organisiert. Jedoch müsse China, um noch größere Anteile am weltweiten Finanzfluss zu gewinnen, bedeutende Schritte unternehmen, um die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit seiner Währung zu stärken. Dies würde nicht zwangsläufig dazu führen, dass die Sitzungen der PBoC spektakulärer würden, aber sie würden an Bedeutung gewinnen. (Ausgabe vom 19.09.2024) (20.09.2024/alc/a/a)