Brasilien: Starkes Wachstum im ersten Quartal, Inflationsrate fällt weiter


14.06.23 10:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Regierung des linksgerichteten Präsidenten Lula hat in den vergangenen Wochen große Fortschritte gemacht, so die Analysten der DekaBank.

Das neue fiskalische Verantwortungsgesetz habe wichtige Hürden genommen und dürfte zügig verabschiedet werden. Wichtig sei gewesen, dass die Mehrheiten in den zwei Kammern des Parlaments sehr deutlich ausgefallen seien, denn dies verbessere die Aussichten für die aktuell diskutierte Steuerreform. Diese Reform sei äußerst wichtig, um endlich das extrem bürokratische Steuersystem zu vereinfachen und die Attraktivität des Landes für Investitionen zu verbessern. In den vergangenen Jahrzehnten seien viele Regierungen an dieser Reform gescheitert, doch nun stünden die Zeichen gut. Nach schwierigem Start in die Amtszeit sei Präsident Lula in letzter Zeit Vieles gelungen. Die brasilianische Wirtschaft habe im ersten Quartal ein Wachstumsfeuerwerk verzeichnet. Das Bruttoinlandsprodukt sei gegenüber dem Vorquartal um 1,9% gewachsen. Allerdings sei der größte Beitrag von der landwirtschaftlichen Produktion gekommen, während andere Sektoren deutlich schwächer ausgefallen seien. Das starke Wachstum wirke sich über die Angebotsausweitung von Agrargütern inflationsdämpfend aus. Gleichzeitig reduziere auch die schwache Konsum- und Investitionsnachfrage den Preisdruck. Das mache sich in der Inflationsentwicklung bemerkbar, die zuletzt im Mai auf ein neues Rekordtief (bei 3,9%) gefallen sei. Dieser Rückgang der Inflation, die Stärke des brasilianischen Reals (BRL) und die Tatsache, dass Präsident Lula seine verbalen Angriffe gegen die Zentralbank eingestellt habe, würden Spielraum für erste Zinssenkungen eröffnen, die die Analysten der DekaBank bereits im dritten Quartal erwarten würden. Allerdings wolle die Regierung die günstige Gelegenheit als Folge des deutlichen Rückgangs der Inflation nutzen, um Anpassungen bei regulierten Preisen oder Steueranhebungen vorzunehmen, was den Spielraum für weitere Inflationsrückgänge begrenze.

Perspektiven: Brasilien habe in den vergangenen Jahren wichtige Reformen verabschiedet, allerdings habe zuletzt das Reformtempo deutlich nachgelassen. Auch unter der neuen linksgerichteten Regierung stünden strukturelle Reformen nicht immer auf der Tagesordnung. Präsident Lula habe sich in der Vergangenheit interventionistisch gezeigt, allerdings beteuere er jetzt eine moderatere Haltung. Der Wachstumsausblick werde durch die die straffe Geldpolitik belastet. Die Rahmenbedingungen für Investitionen würden schwierig bleiben; besonders würden die überbordende Bürokratie, das trotz der Anstrengungen der letzten Regierungen noch komplexe Steuersystem, die hohe Steuerquote und die schlechte Infrastruktur belasten. Problematisch sei zudem die politische Polarisierung, die unter der Präsidentschaft Bolsonaros deutlich zugenommen habe. Lula zeige sich versöhnlicher. Auch hinsichtlich der Außenpolitik zeige sich Lula kompromissbereiter als sein Vorgänger, wie etwa bei der Bekämpfung der Klimakrise.

Länderrisiko: Der Ratingtrend Brasiliens habe sich bereits seit 2014 aufgrund der Reformunfähigkeit früherer Regierungen, der schwachen fiskalischen Verfassung und des langfristigen Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit deutlich verschlechtert. Die Vorgängerregierung habe nach dem Meilenstein der Rentenreform ihren Reformeifer verloren und die neue Regierung zeige sich bislang nicht handlungsfreudig. Die hohe öffentliche Verschuldung mit fast 80% des Bruttoinlandsprodukts sowie die geringe fiskalische Flexibilität würden die größte Belastung für die Bonität darstellen. Brasilien dürfte in den kommenden Jahren unterdurchschnittlich wachsen, was die fiskalische Position weiter verschlechtern sollte. (Emerging Markets Trends vom 13.06.2023) (14.06.2023/alc/a/a)