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Ausblick 2021: Lichtblicke trotz niedriger Anleiherenditen


18.12.20 13:30
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Rettungspakete der Notenbanken zementieren auf lange Zeit die Niedrigzinsen, so die Experten von "FONDS professionell".

Doch die Verwerfungen an den Bondmärkten im Frühjahr 2020 aufgrund der Pandemie hätten auch Chancen eröffnet. Einige davon bestünden fort - und würden auch im nächsten Jahr noch Potenzial bieten.

Das hätten selbst altgediente Bondinvestoren so noch nicht erlebt: Im Zuge des Börsenbebens nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 sei der Rentenmarkt zeitweilig eingefroren. Nicht nur Hochzins-, oder Schwellenländerpapiere hätten sich kaum mehr handeln lassen - oder nur zu enormen Abschlägen. Sogar bei hochliquiden, soliden Staatsanleihen hätten viele Broker bei größeren Handelsaufträgen abgewinkt. Mit den Zuschüssen der Zentralbanken habe sich die Lage im Großen und Ganzen wieder eingependelt. Bei Staatsanleihen etwa hätten die Märkte rasch in ihren Normalmodus zurückgefunden.

Die Notfallmaßnahmen der Notenbanken hätten die Renditen wieder auf niedriges bis negatives Niveau gedrückt. Doch die Schockstarre habe in anderen Segmenten anhaltende Preisverzerrungen hervorgerufen - die geschickte Investoren zu nutzen wissen würden. So würden sich nach wie vor Felder finden, in denen Anleihenanleger attraktive Risikoprämien einheimsen würden. Einige Beobachter würden glauben, dass sich hier auch 2021 höhere Renditen erzielen lassen würden. Wenngleich eine Frage Bondprofis umtreibe: Stehe eine Inflation an - und wenn ja wann?

Die Notenbanken würden die Finanzmärkte als Reaktion auf die Coronakrise mit noch mehr Liquidität fluten. Die Zinsen würden damit wohl auf Dauer niedrig bleiben. Dennoch würden Bondstrategen Chancen in bestimmten Bereichen sehen:

Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management
Unternehmens- und Schwellenländeranleihen würden ein Lichtblick bleiben, meine Tilmann Galler von J.P. Morgan Asset Management. Angesichts der extrem niedrigen Anfangsrenditen sei jedoch zu erwarten, dass die meisten Staatsanleihen in den nächsten 10 bis 15 Jahren negative Realrenditen erzielen würden. "Da die globalen Zentralbanken für einen längeren Zeitraum niedrige Zinssätze festgeschrieben haben, erwarten wir eine Normalisierung der Zinssätze frühestens im Jahr 2024. Sobald die Zinssätze jedoch angehoben werden, dürften sie rasch steigen, vor allem wenn infolge der fiskalischen Anreize eine gewisse Reflation eingetreten ist", meine Galler.

Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International
"Wir haben eine enorme Ausweitung der Geldmengen erlebt, die in dieser Form historisch immer zu einer Inflation geführt haben. Auch die Fiskalprogramme tun ihr Übriges, um inflationäre Effekte anzufachen. Das alles steht im starken Kontrast zu den enormen disinflationären säkularen Trends, die wir seit einigen Jahren sehen: Demografie, Technologie, Zombifizierung etc. In Kombination mit dem neuen Regime der Fed, kurzfristige Anstiege der Inflationsraten erst einmal laufen zu lassen, könnte dies gerade für den Anleihebereich im neuen Jahr interessant werden. Hier sind höhere Schwankungen zu erwarten. Die Jagd nach Renditen wird uns ansonsten erhalten bleiben, daher dürften Unternehmensanleihen weiter gefragt sein, auch durch den anhaltenden Kaufdruck der Zentralbanken."

Alejandro Arevalo, Fondsmanager bei Jupiter Asset Management
"Kurz vor dem Jahreswechsel sind wir optimistisch, was den Ausblick für Schwellenländeranleihen im Jahr 2021 angeht. Viele Investoren scheinen unseren Optimismus zu teilen: Inzwischen verzeichnete diese Anlageklasse in 20 aufeinanderfolgenden Wochen Nettozuflüsse. Nach der kurz bevorstehenden Anwendung wirksamer Covid-19-Impfstoffe rechnen wir mit einer breiteren und tieferen weltweiten Erholung. Für die Schwellenländer, die nicht im gleichen Maße wie viele Industrieländer Kredite aufnehmen und Geld drucken können, ist das besonders wichtig. Die expansive Geldpolitik der globalen Notenbanken und die enormen staatlichen Hilfspakete sollten für gute Unterstützung an den Schwellen- und Rohstoffmärkten sorgen."

Karen Watkin, Portfoliomanagerin bei Alliance Bernstein
"Anleihen aus Schwellenländern dürften im Verlauf des nächsten Jahres bei Anlegern auf zunehmendes Interesse stoßen: Ihre fundamentalen Aussichten verbessern sich zusehends - bei Bewertungen, die im Vergleich zu Wertpapieren aus Industrieländern günstig sind", meine Karen Watkin von Alliance-Bernstein. Trotz Niedrigzinsen sollten Anleger auch Anleihen aus den Industrieländern nicht links liegen lassen. "Die Duration von Staatsanleihen aus Industrieländern bleibt unserer Ansicht nach weiterhin von Bedeutung. Denn falls die Unsicherheit erneut zunehmen sollte, könnten diese Wertpapiere auf mittlere Sicht zu einer Streuung von Aktienrisiken beitragen", so die Expertin.

Michaël Lok, Investmentchef und Co-Leiter Asset Management bei der Union Bancaire Privée
"Die Staats- und Privatverschuldung befindet sich auf einem Allzeithoch und negative inflationsbereinigte Renditen sollten den Schuldenabbau unterstützen. Da mit einem Anstieg der Inflation zu rechnen ist, sollten sich Anleihenanleger nach Osten orientieren und dabei chinesischen Staatstiteln zuwenden. Ebenso bieten asiatische Investment-Grade-Unternehmenspapiere weite Spreads. Und europäische Banken bieten, trotz eines impliziten Sicherheitsnetzes der Europäischen Zentralbank, renditestarke Hybridanleihen."

William Davies, Investmentchef für Europa, Nahost und Afrika bei Columbia Threadneedle
Bei Unternehmensanleihen sei Columbia Threadneedle einem gewissen Risiko nicht abgeneigt, bevorzuge jedoch Investmentgrade-Anleihen gegenüber Hochzinspapieren. "Hier sehen wir ein größeres Risiko aufgrund der höheren Verschuldung, und diese ist in Verbindung mit einem hohen operativen Einsatz von Fremdkapital besonders gefährlich", meine William Davies von Columbia Threadneedle.

Sébastien Galy, Makrostratege bei Nordea Asset Management
"Im nächsten Jahr dürfte sich die Weltwirtschaft, angeführt von China und mit einer moderaten Erholung in Europa und den Vereinigten Staaten, in einem risikofreudigen Umfeld befinden, wenngleich es bereits einige Bereiche mit sehr enger Kursspanne bei Investment-Grade-Anleihen gibt. Das Umfeld im kommenden Jahr dürfte Risikofreude weitgehend unterstützen, doch es gibt bereits Anzeichen für eine übermäßig enge Preispolitik bei Investment-Grade-Anleihen. Wir gehen davon aus, dass sich daraus phasenweise eine stärkere Volatilität ergibt, ebenso wie Phasen mit niedrigeren Wachstumserwartungen."

Sandra Holdsworth, Leiterin Rentenmärkte, Aegon Asset Management
Die Impfungen gegen Covid-19 würden 2021 zu einer ganz anderen wirtschaftlichen Situation führen, meine Sandra Holdsworth von Aegon Asset Management. "Das Wirtschaftswachstum dürfte kräftig ausfallen, da das Vertrauen von Unternehmen und Verbrauchern zunimmt", sage Holdsworth. Es sei durchaus anzunehmen, dass das Jahr 2021 den im Jahr 2020 entstandenen Verlust nicht vollständig ausgleichen könne. "Daher erwarten wir, dass alle großen Zentralbanken ihre expansive Haltung im Laufe des Jahres beibehalten werden", meine die Expertin. Eine Änderung der Haltung werde aber wahrscheinlicher. "Wir gehen davon aus, dass die Renditen langlaufender Staatsanleihen dies widerspiegeln und daher im Jahr 2021 moderat steigen werden."

Andrew Jackson, Leiter Anleihen bei Federated Hermes
"Das Ausmaß der Turbulenzen, die in diesem Jahr an den Anleihemärkten herrschten, kann nicht genug betont werden. Hauptursache für die Marktbewegungen waren die Pandemie und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Das Tempo und die Ausschläge dieser Bewegungen wären allerdings weitaus geringer ausgefallen, wenn wir das Jahr 2020 nicht bereits unter unsicheren Bedingungen begonnen hätten. Nach Jahren der Zentralbankeingriffe und sich verschlechternder Anleihebedingungen konnten wir in einigen Sektoren so etwas wie eine Abrechnung beobachten, da die Spannungen zu Notlagen und Verlusten führten. Aus diesem Grund bin ich nach wie vor überzeugt, dass die Volatilität an den Anleihemärkten andauern dürfte."

Peter van der Welle, Multi-Asset-Stratege bei Robeco
"Eine Erholung der Unternehmensgewinne würde bedeuten, dass der Anstieg der Zahlungsausfälle bei Hochzinsanleihen zum Stillstand käme. Da die aktuellen Spreads etwas über dem langfristigen Durchschnitt liegen, besteht Spielraum für eine weitere Einengung. Dennoch erscheinen hochverzinsliche Anleihen aus Risiko-Ertrags-Perspektive etwas weniger attraktiv als Aktien. Die Spreads von Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating werden sich voraussichtlich einengen. Außerdem dürfte es zu gewissen Umschichtungen von Staatsanleihen in Unternehmensanleihen bei Anlegern kommen, die auf Rendite aus sind, aber ihr Gesamtrisiko nicht erhöhen wollen. Die Renditen von Staatsanleihen dürften sich weiter schrittweise erhöhen, vor allem in den USA." (18.12.2020/alc/a/a)