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Auf der Suche nach dem Kaufkrafterhalt
11.07.23 15:00
Allianz Global Investors
Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die US-Zentralbank Federal Reserve (FED) hat zwar fürs nächste eine Pause eingelegt beim Erhöhen der Zinsen, aber die Europäische Zentralbank (EZB) und auch die Bank of England (BoE) lassen keinen Zweifel: Für sie ist das Ende der Fahnenstange im Kampf gegen die Inflation noch nicht erreicht, so Dr. Hans-Jörg Naumer, Director, Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors.
Selbst die Türkische Zentralbank, die bisher einen ganz eigenen Weg beim Bändigen der Inflation gegangen sei, habe die Zinsen angehoben. Gut so. Die "große Rebalancierung", der Weg zurück zum Gleichgewicht der Weltwirtschaft, finde statt, und die entstandenen Ungleichgewichte würden sich zuerst in den Preisen entladen. Da sei es umso wichtiger, dass die Währungshüter mit Wort und Tat die Inflationserwartungen brechen würden. Auch die FED dürfte nicht lange untätig bleiben. Sie habe mit der Pause offensichtlich nur einen ohnehin schon von den Problemen bei den US-Regionalbanken aufgewühlten Markt nicht noch weiter aufwühlen wollen.
Für die Anleger gehe derweil der Kampf gegen den Wertverlust weiter. Zwar würden die wieder positiven Renditen beruhigend wirken, aber Grund zum Ausruhen gebe es keinen. Im Gegenteil. Gemessen an den Realzinsen, also dem, was von den Nominalzinsen nach Abzug der Inflation noch übrigbleibe, habe sich die Lage sogar deutlich verschlechtert. Wie langfristig historische Betrachtungen zeigen würden, seien negative Realzinsen selten, aber leider keine Unbekannten. Man müsse aber bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgehen, um ein ähnlich tiefes - negatives - Niveau zu finden. Anders ausgedrückt: Die Renditen seien wieder da, aber die Inflation einberechnet seien diese tiefrot.
Natürlich lasse sich einwenden, dass dies nur eine Momentaufnahme sei. Die Nominalrenditen sollten langsam zulegen, während der Gipfel der Inflation bereits überschritten zu sein scheine. Es komme also auf die zukünftige Entwicklung der Inflation an. Hier sei aber kaum zu erwarten, dass die von der EZB angestrebten 2% im Durchschnitt der Jahre so schnell wieder erreicht würden. Auch hier seien die Lehren aus der Vergangenheit hilfreich.
Hohe Inflationsraten hätten lange gebraucht, um auf niedrige Niveaus zurückzufallen, wie die Berechnungen der Experten ergeben würden. Dafür seien die seit 1971 zu beobachtenden Inflationsregime der G7 Staaten, sowie weiterer Länder (Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark, Neuseeland, Hong Kong, Singapur), betrachtet worden. Was sich zeige, sei: Ca. zwei Jahre nachdem der Gipfel überschritten worden sei, habe sich die Inflation im Durchschnitt noch immer auf der Hälfte des Gipfelniveaus bewegt. Nach fünf Jahren sei sie auf etwas mehr als ein Drittel zurückgegangen. Inflation scheine nachzuhallen.
Doch damit nicht genug. Zumindest sollten wichtige Disruptoren dazu beitragen, dass uns ein latenter Inflationsdruck begleite: Während die Digitalisierung dafür sorgen sollte, dass es zu Effizienzsteigerungen in der Wirtschaft komme, und die immer knapper werdenden Arbeitsplätze, zumindest zum Teil, durch Technologie ersetzt werden könnten, sollten Demographie, Dekarbonisierung (also die Transformation der Weltwirtschaft auf Klimaneutralität) und Deglobalisierung dafür sorgen, dass die Preise eher steigen würden.
Das lege folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen nahe:
Aus Investorensicht heiße das: Die Inflation dürfte uns länger begleiten. Damit werde der Kaufkrafterhalt zur untersten Verteidigungslinie bei der Kapitalanlage. Es liege nahe, Vermögensklassen, die bei erhöhter Inflation eine positive Realrendite würden erwarten lassen, bei der langfristigen/strategischen Ausrichtung höher zu gewichten.
Spätestens mit dem Handlungsdruck der Dekarbonisierung sei die Nachhaltigkeit endgültig zum Anlagetrend geworden. Dass die Inklusion von Nachhaltigkeitskriterien dabei nicht nachteilig sein müsse, zeige eine Fülle akademischer Studien.
Aus kürzerfristiger/ taktischer Sicht erscheine mehr Vorsicht angebracht. Es falle auf, dass es an den Aktienmärkten an Marktbreite fehle. Die Kursavancen der letzten Wochen seien von vergleichsweise wenigen Titeln getragen worden. Der Technologiesektor habe das Marktgeschehen dominiert.
Auch scheine sich der Markt selbst nicht zu trauen. Die Anlegerstimmung, gemessen am Sentix, sei unverändert verhalten für Aktien, während gleichzeitig die Anleihenmärkte die Rezession einpreisen würden, wie es z.B. die Zinsstrukturkurven für die USA und Deutschland bzw. das Euroland zeigen würden.
Eine Rezession in den USA zum Jahreswechsel hin sei noch nicht vom Tisch. Sie wäre für die US-Zentralbank auch ein wichtiges Signal, um die Inflationserwartungen zu brechen.
Während der Wachstumsausblick für die Aktienmärkte ein Belastungsfaktor bleiben sollte, dürften die Staatsanleihenmärkte davon eher profitieren.
Investmentthema: Dimensionen der Disruption
Die Welt verändere sich in einer nie gekannten Geschwindigkeit. Technologische, politische und ökonomische Treiber würden ineinander greifen und das schaffen, was man unter "Disruption" kenne. Diese Disruption habe gleich mehrere Dimensionen.
Demografie: Demografisch wachse die Welt zwar weiter, werde dabei aber älter, und die Zuwachsraten würden abnehmen. Bereits seit 2013 würden in den Industriestaaten mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, als neue hinzutreten. Auch auf der Welt insgesamt nehme der Anteil der 15- bis 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bereits ab. Der Faktor Arbeit werde knapper - und voraussichtlich teurer.
Da komme die Digitalisierung gerade rechtzeitig, um zumindest einen Teil der entfallenden Arbeitskräfte zu ersetzen.
Dazu der Kampf gegen den Klimawandel: Die Weltwirtschaft müsse treibhausgasneutral werden. Dekarbonisierung sei das große Ziel. Für die Transformation würden riesige Summen an Investitionen benötigt. Damit Treibhausgase emittiert werden könnten, müssten z. B. in der EU Emissionsrechte vorgewiesen und möglicherweise zugekauft werden. Was ökonomisch ein höchst effizienter Mechanismus für das Klima sei, heiße für die Verbraucher: Treibhausgase würden zum Kostenfaktor, während sie davor noch umsonst gewesen seien.
Nicht zu vergessen die Deglobalisierung. Schon aus Risikovorsorge müssten Lieferketten durch Liefernetzwerke ersetzt werden. Ökonomisch sei klar: Wenn Standortvorteile weniger genutzt werden könnten, wirke sich das auf die Preise aus. Nicht zum Besseren.
Aus Investorensicht heiße das: Mit Ausnahme der Digitalisierung sollten diese disruptiven Faktoren für länger anhaltend hohe Inflationsraten sorgen. Die Verteidigung des Kaufkrafterhalts sei damit die drängendste Aufgabe der Kapitalanlage. "Warum also nicht in jene Marktsegmente investieren, die von der Disruption selbst profitieren bzw. diese vorantreiben?" - fragt Dr. Hans-Jörg Naumer. (Halbjahresausblick 2023) (11.07.2023/alc/a/a)
Selbst die Türkische Zentralbank, die bisher einen ganz eigenen Weg beim Bändigen der Inflation gegangen sei, habe die Zinsen angehoben. Gut so. Die "große Rebalancierung", der Weg zurück zum Gleichgewicht der Weltwirtschaft, finde statt, und die entstandenen Ungleichgewichte würden sich zuerst in den Preisen entladen. Da sei es umso wichtiger, dass die Währungshüter mit Wort und Tat die Inflationserwartungen brechen würden. Auch die FED dürfte nicht lange untätig bleiben. Sie habe mit der Pause offensichtlich nur einen ohnehin schon von den Problemen bei den US-Regionalbanken aufgewühlten Markt nicht noch weiter aufwühlen wollen.
Für die Anleger gehe derweil der Kampf gegen den Wertverlust weiter. Zwar würden die wieder positiven Renditen beruhigend wirken, aber Grund zum Ausruhen gebe es keinen. Im Gegenteil. Gemessen an den Realzinsen, also dem, was von den Nominalzinsen nach Abzug der Inflation noch übrigbleibe, habe sich die Lage sogar deutlich verschlechtert. Wie langfristig historische Betrachtungen zeigen würden, seien negative Realzinsen selten, aber leider keine Unbekannten. Man müsse aber bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgehen, um ein ähnlich tiefes - negatives - Niveau zu finden. Anders ausgedrückt: Die Renditen seien wieder da, aber die Inflation einberechnet seien diese tiefrot.
Natürlich lasse sich einwenden, dass dies nur eine Momentaufnahme sei. Die Nominalrenditen sollten langsam zulegen, während der Gipfel der Inflation bereits überschritten zu sein scheine. Es komme also auf die zukünftige Entwicklung der Inflation an. Hier sei aber kaum zu erwarten, dass die von der EZB angestrebten 2% im Durchschnitt der Jahre so schnell wieder erreicht würden. Auch hier seien die Lehren aus der Vergangenheit hilfreich.
Hohe Inflationsraten hätten lange gebraucht, um auf niedrige Niveaus zurückzufallen, wie die Berechnungen der Experten ergeben würden. Dafür seien die seit 1971 zu beobachtenden Inflationsregime der G7 Staaten, sowie weiterer Länder (Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark, Neuseeland, Hong Kong, Singapur), betrachtet worden. Was sich zeige, sei: Ca. zwei Jahre nachdem der Gipfel überschritten worden sei, habe sich die Inflation im Durchschnitt noch immer auf der Hälfte des Gipfelniveaus bewegt. Nach fünf Jahren sei sie auf etwas mehr als ein Drittel zurückgegangen. Inflation scheine nachzuhallen.
Doch damit nicht genug. Zumindest sollten wichtige Disruptoren dazu beitragen, dass uns ein latenter Inflationsdruck begleite: Während die Digitalisierung dafür sorgen sollte, dass es zu Effizienzsteigerungen in der Wirtschaft komme, und die immer knapper werdenden Arbeitsplätze, zumindest zum Teil, durch Technologie ersetzt werden könnten, sollten Demographie, Dekarbonisierung (also die Transformation der Weltwirtschaft auf Klimaneutralität) und Deglobalisierung dafür sorgen, dass die Preise eher steigen würden.
Das lege folgende taktische Allokation für Aktien und Anleihen nahe:
Aus Investorensicht heiße das: Die Inflation dürfte uns länger begleiten. Damit werde der Kaufkrafterhalt zur untersten Verteidigungslinie bei der Kapitalanlage. Es liege nahe, Vermögensklassen, die bei erhöhter Inflation eine positive Realrendite würden erwarten lassen, bei der langfristigen/strategischen Ausrichtung höher zu gewichten.
Spätestens mit dem Handlungsdruck der Dekarbonisierung sei die Nachhaltigkeit endgültig zum Anlagetrend geworden. Dass die Inklusion von Nachhaltigkeitskriterien dabei nicht nachteilig sein müsse, zeige eine Fülle akademischer Studien.
Auch scheine sich der Markt selbst nicht zu trauen. Die Anlegerstimmung, gemessen am Sentix, sei unverändert verhalten für Aktien, während gleichzeitig die Anleihenmärkte die Rezession einpreisen würden, wie es z.B. die Zinsstrukturkurven für die USA und Deutschland bzw. das Euroland zeigen würden.
Eine Rezession in den USA zum Jahreswechsel hin sei noch nicht vom Tisch. Sie wäre für die US-Zentralbank auch ein wichtiges Signal, um die Inflationserwartungen zu brechen.
Während der Wachstumsausblick für die Aktienmärkte ein Belastungsfaktor bleiben sollte, dürften die Staatsanleihenmärkte davon eher profitieren.
Investmentthema: Dimensionen der Disruption
Die Welt verändere sich in einer nie gekannten Geschwindigkeit. Technologische, politische und ökonomische Treiber würden ineinander greifen und das schaffen, was man unter "Disruption" kenne. Diese Disruption habe gleich mehrere Dimensionen.
Demografie: Demografisch wachse die Welt zwar weiter, werde dabei aber älter, und die Zuwachsraten würden abnehmen. Bereits seit 2013 würden in den Industriestaaten mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, als neue hinzutreten. Auch auf der Welt insgesamt nehme der Anteil der 15- bis 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bereits ab. Der Faktor Arbeit werde knapper - und voraussichtlich teurer.
Da komme die Digitalisierung gerade rechtzeitig, um zumindest einen Teil der entfallenden Arbeitskräfte zu ersetzen.
Dazu der Kampf gegen den Klimawandel: Die Weltwirtschaft müsse treibhausgasneutral werden. Dekarbonisierung sei das große Ziel. Für die Transformation würden riesige Summen an Investitionen benötigt. Damit Treibhausgase emittiert werden könnten, müssten z. B. in der EU Emissionsrechte vorgewiesen und möglicherweise zugekauft werden. Was ökonomisch ein höchst effizienter Mechanismus für das Klima sei, heiße für die Verbraucher: Treibhausgase würden zum Kostenfaktor, während sie davor noch umsonst gewesen seien.
Nicht zu vergessen die Deglobalisierung. Schon aus Risikovorsorge müssten Lieferketten durch Liefernetzwerke ersetzt werden. Ökonomisch sei klar: Wenn Standortvorteile weniger genutzt werden könnten, wirke sich das auf die Preise aus. Nicht zum Besseren.
Aus Investorensicht heiße das: Mit Ausnahme der Digitalisierung sollten diese disruptiven Faktoren für länger anhaltend hohe Inflationsraten sorgen. Die Verteidigung des Kaufkrafterhalts sei damit die drängendste Aufgabe der Kapitalanlage. "Warum also nicht in jene Marktsegmente investieren, die von der Disruption selbst profitieren bzw. diese vorantreiben?" - fragt Dr. Hans-Jörg Naumer. (Halbjahresausblick 2023) (11.07.2023/alc/a/a)


