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Anleihen vorübergehend politikgetrieben


27.06.18 13:00
Berenberg

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Mit 20 Basispunkten (Bp)-Anstieg seit Jahresbeginn bewegte sich die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen auf dem von uns erwarteten Pfad der "Zinswende", bis sich im letzten Drittel des Monats Mai fast vergessen geglaubte Probleme in Italien zurückmeldeten, so Martin Mayer, Senior Portfolio Manager Multi Asset, Christian Bettinger, Leiter Fixed Income, und Robert Reichle, Leiter Emerging Markets Selection von der Privatbank Berenberg in der aktuellen Ausgabe von "Horizonte".

Vor allem die Aussicht auf eine möglicherweise deutlich expansivere Fiskalpolitik mit spürbar steigenden Haushaltsdefiziten habe vorerst für eine Trendwende sowohl in Kern- als auch in "Peripherie"-Europa gesorgt. Die Rendite 10-jähriger italienischer Staatspapiere sei von weniger als 1,8% auf zwischenzeitlich mehr als 3,4% (im Tagesverlauf) in die Höhe geschnellt - am kürzeren Ende der Zinskurve sei es sogar zu einem Anstieg von rund 280 Bp gekommen - während Kapitalflüsse sicherheitsorientierter Investoren die Verzinsung 10-jähriger Bunds auf weniger als 0,2% gedrückt hätten. Auch spanische und portugiesische Papiere hätten Spreadausweitungen gegenüber Deutschland und dem übrigen Kerneuropa verzeichnet, wenngleich deutlich geringere.

Die Analysten der Privatbank Berenberg halten die Entwicklung in Italien und die Reaktion der Finanzmärkte darauf zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher für einen Husten denn für einen Infarkt und sind angesichts unserer Untergewichtung in italienischen Papieren gut aufgestellt. Gemäß dieser Einschätzung sollte es zu einer Beruhigung der Situation kommen und konjunkturelle Aspekte sowie moderate Inflationsängste dürften gegenüber politischen Treibern das Ruder übernehmen. Das Abebben der Flucht in Qualität würde einen Wiederanstieg der Renditen von deutschen Bundesanleihen, britischen Gilts und US-Treasuries auslösen, weshalb die Analysten der Privatbank Berenberg südeuropäische Staatspapiere den "sicheren Häfen" vorziehen.

Zudem dürfte es noch in diesem Jahr zu (weiteren) Leitzinserhöhungen in den USA und in Großbritannien kommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen werde sich mit ihrem erstem Zinsschritt zwar noch bis 2019 Zeit lassen, aber bereits im Herbst ihr Anleihekaufprogramm weiter reduzieren. Geldpolitisch würden die Zeichen daher auf Kurs "Zinswende" bleiben.

Dass die Marschrichtung von Risikoaufschlägen für Unternehmensanleihen keine Einbahnstraße sei, habe man eindrucksvoll im Mai beobachten können. Eine explosive Mischung aus dem globalen Handelsstreit mit den USA, der Lage in Nordkorea und erneut aufkeimenden Sorgen um die politische Lage im Süden Europas habe europäische Investoren verunsichert. Bei dem Versuch, Exposure abzubauen, hätten viele Marktteilnehmer feststellen müssen, dass zahlreiche Banken und Broker kaum aufnahmebereit reagiert hätten. Folglich seien die Risikoprämien im Mai im europäischen Investmentgrade (+12 Bp) und High Yield (+51 Bp) merklich gestiegen.

Nach vorne blickend scheine die Entwicklung von europäischen Unternehmensanleihen maßgeblich durch die politische Nachrichtenlage geprägt zu werden. Bei nach wie vor guter Makro- und ruhiger Nachrichtenlage seien in den nächsten Monaten - trotz Reduzierung des EZB-Ankaufprogramms - sinkende Risikoaufschläge denkbar. Schließlich würden immer noch viele Unternehmen mit positiven Gewinnentwicklungen und moderater Verschuldung sowie der Markt per se durch niedrige Ausfallraten überzeugen. Während jedoch das EZB-Ankaufprogramm in den vergangenen zwei Jahren den Anleihemarkt als Ganzes angehoben hat, gehen die Analysten der Privatbank Berenberg für die nächsten Monate von teils merklich divergierenden Wertentwicklungen in verschiedenen Wirtschaftsbranchen aus.

Die Analysten der Privatbank Berenberg erwarten beispielsweise, dass sich Anleihen aus dem Automobil- und Stahlsektor eher unterdurchschnittlich entwickeln werden, solange der Handelsstreit mit den USA anhält. Anfällig zeigen sollten sich auch Immobilienunternehmen, die im Umfeld steigender Zinsen mit anziehenden Refinanzierungskosten und gleichzeitig fallenden Bewertungen ihrer Immobilienportfolios zu kämpfen hätten. Von steigenden Zinsen profitieren sollten dagegen Bankanleihen. Dazu hätten Finanzinstitute in Europa, dank strengerer Regulierung, ihr Eigenkapital gestärkt und notleidende Kredite abgebaut. Aufgrund der unsicheren Nachrichtenlage in Südeuropa würden die Analysten der Privatbank Berenberg diesbezüglich solide Finanzinstitute aus Kerneuropa und Skandinavien bevorzugen.

Die Märkte für Schwellenländeranleihen seien in den vergangenen Wochen weiter unter Druck geraten. Sei die negative Performance im ersten Quartal größtenteils durch steigende US-Renditen zustande gekommen, seien im zweiten Quartal sich ausweitende Risikoaufschläge ursächlich gewesen. Der Wertverlust aus US-Investoren-Sicht habe bei Hartwährungsanleihen 6,0% betragen, während Lokalwährungsanleihen, die im ersten Quartal noch positiv performt hätten, einen Verlust von 6,8% aufgewiesen hätten. Insbesondere Letztgenannte hätten signifikant unter der US-Dollar-Stärke gelitten und im zweiten Quartal zu den schwächsten Anlageklassen gehört. Trotz Kapitalabflüssen in den vergangenen Wochen würden jedoch beide Segmente seit Jahresbeginn noch immer Nettomittelzuflüsse aufweisen. Von diesen würden knapp zwei Drittel auf Lokalwährungsanleihen entfallen.

Auf Hartwährungsseite seien mittlerweile attraktive Einstiegsrenditen von ca. 6,7% zu erzielen, zudem scheine die volatilste Phase am US-Staatsanleihemarkt überstanden. Auch sei der Refinanzierungsbedarf für 2018 bereits größtenteils abgeschlossen, was sich positiv auf den Sekundärmarkt auswirken sollte. Lokalwährungsanleihen würden ebenfalls Aufholpotenzial besitzen, da die massiven Kursabschläge der vergangenen Wochen extrem ausgefallen seien, die meisten Schwellenländer aber fundamental deutlich besser aufgestellt seien als in der Vergangenheit. Aufgrund der aktuell erhöhten Volatilität sei allerdings weiterhin Vorsicht geboten. Gerade die Performance von Lokalwährungsanleihen könne durch politische Einflüsse, wie beispielsweise die Wahlen in der Türkei und in Mexiko oder den immer wieder aufkeimenden Handelsdisput zwischen den USA und China, auch im bevorstehenden dritten Quartal noch merklich schwanken. (Ausgabe Q3/2018) (27.06.2018/alc/a/a)