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Anleihen tendieren weiter zur Schwäche


27.05.22 10:45
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Nach zweieinhalb Jahren Pandemiepause versammeln sich in diesen Tagen wieder die globale Wirtschaftselite und zahlreiche Regierungsvertreterinnen und -vertreter beim Weltwirtschaftsforum in Davos, so Marthel Edouard von der Weberbank.

Wie bei jedem der 51 Treffen zuvor solle es auch in diesem Jahr um die ganz großen Themen rund um Politik und Wirtschaft gehen. Es sei zu erwarten gewesen, dass die Konferenz ganz im Zeichen des Ukraine-Krieges und seiner sicherheitspolitischen sowie wirtschaftlichen Auswirkungen stehen würde. Insofern habe man gespannt sein dürfen zu erfahren, welche neuen Einschätzungen die anwesenden Notenbanker und Volkswirte zum Verlauf der globalen Konjunktur in diesem Jahr haben würden. Die Vertreter des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank hätten ihre Aussagen aus den vergangenen Wochen erneuert, wonach sie keine globale Rezession erwarten würden. Die Konjunktur sei robust und könne steigende Leitzinsen gut verkraften, so der Tenor in Davos.

Wie eine Bestätigung dieser Aussagen habe einem die jüngste Veröffentlichung des wichtigen deutschen Konjunkturbarometers, dem ifo-Index, vorkommen müssen. Der ifo habe im Mai überraschend zulegen können und zudem den zweiten Anstieg in Folge verzeichnet. Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Konzerne scheine sich nach dem kriegsbedingten Stimmungstief im März wieder etwas zu verbessern. Das allein sollte noch keinen Anlass für einen übertriebenen Konjunkturoptimismus bieten, aber doch zumindest als Zeichen gedeutet werden, dass sich die Wirtschaft hierzulande trotz Inflationssorgen, Materialknappheit und Ukraine-Krieg als äußerst robust erweise. Eine gewisse Konjunkturabschwächung schließe das natürlich nicht aus, jedoch gebe es aktuell keine Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende Rezession.

Die Rentenmärkte würden in diesem Jahr eine äußerst schwierige Marktphase durchlaufen. Daran habe sich auch in den vergangenen Wochen nichts geändert. Die Rendite der richtungsweisenden 10-jährigen Bundesanleihe habe sich nach einem kurzen Rücksetzer Mitte Mai zuletzt wieder über der psychologisch wichtigen Marke von 1% etabliert. Damit habe sich seit Jahresanfang ein deutlicher Renditeanstieg von rund 1,2%-Punkten vollzogen. Die sich gegenläufig entwickelnden Anleihekurse hätten sich entsprechend stark abwärts bewegt. Hierbei lasse sich festhalten, dass die Kursentwicklung in diesem Jahr umso schlechter verlaufen sei, je länger die Laufzeit der betreffenden Anleihe sei.

Im Gegensatz dazu hätten sich Rentenpapiere mit kürzeren Laufzeiten und Renditeaufschlägen, wie sie etwa im Segment der Unternehmensanleihen zu finden seien, vergleichsweise gut behaupten können. Sie hätten zwar auch Kursabschläge verzeichnet, diese seien aber deutlich geringer ausgefallen als bei Langläufern. Aus Sicht der Analysten der Weberbank sei der Renditeanstieg am Markt schon weit fortgeschritten, zumal sich die Konjunktur aufgrund der restriktiver werdenden Geldpolitik in den USA und in Europa abschwächen sollte. Ein rückläufiges Wirtschaftswachstum spräche dann für einen nachlassenden Inflationsdruck, wieder fallende Anleiherenditen und infolgedessen steigende Anleihekurse am Rentenmarkt.

Die Analysten der Weberbank sähen den jüngsten Renditeanstieg bei Top-Bonitäten im Staatsanleihe- und Pfandbriefbereich als Chance, die Laufzeitenrisiken in den Portfolien in einem ersten Schritt etwas zu erhöhen. Im Gegenzug dazu würden sie eine Reduzierung der Segmente Wandelanleihen und Hochzinsanleihen für angebracht halten, die von einer Konjunkturabschwächung deutlicher in Mitleidenschaft gezogen werden dürften.

Der Kursverlauf an den Aktienmärkten in diesem Jahr passe zur Stimmung vieler Investoren: Beides sei auffallend schlecht. Seit Jahresanfang würden die Kursabschläge in den USA und in Europa, je nach betrachtetem Aktienindex, von 10% bis 20% betragen. Nun seien Kursrückgänge eines solchen Ausmaßes bei Aktien keine Seltenheit, aber aktuell passe die schwache Kursbewegung nicht so recht zur starken fundamentalen Lage vieler Unternehmen. Ein Blick auf die europäische und US-amerikanische Unternehmensberichtssaison zum ersten Quartal 2022 zeige im Jahresvergleich einen deutlichen Gewinnzuwachs im mittleren zweistelligen Prozentbereich. Und auch die Gewinnaussichten seien trotz aller Konjunkturunwägbarkeiten weiterhin gut. Die Konsensprognose gehe für das Gesamtjahr 2022 von einem Gewinnanstieg bei den globalen Unternehmen des MSCI Weltindex von rund 11% aus.

Die Analysten der Weberbank würden insbesondere für Unternehmen aus den Branchen Energie, Gesundheit und Technologie ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum erwarten, was die entsprechenden Aktien attraktiv mache. Zudem sollten sich Aktien aus den genannten Bereichen als widerstandsfähiger im aktuellen Marktumfeld erweisen, welches von steigenden Teuerungsraten und einem hohen Druck auf die Gewinnmargen der Unternehmen gekennzeichnet sei.

Im Zuge der Kurskorrektur der letzten Wochen hätten sich die Aktienbewertungen deutlich reduziert. Die relative Attraktivität von Aktien habe sich dadurch erhöht und die Kursentwicklung könnte dadurch mittelfristig wieder nach oben zeigen. Kurzfristig bleibe den Aktienmärkten allerdings das Spannungsfeld aus restriktiver Geldpolitik und konjunktureller Unsicherheit erhalten. Erneute Kursschwankungen sollten damit in den nächsten Wochen vorprogrammiert sein. (27.05.2022/alc/a/a)