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Anleihen: Sieben Taktiken für den (Wieder)einstieg


30.10.24 09:54
AllianceBernstein

London (www.anleihencheck.de) - Mit der Entscheidung der Federal Reserve (Fed) vom September befinden nun die meisten der großen Zentralbanken in einer Lockerungsphase, so Scott Di Maggio, Head-Fixed Income bei AllianceBernstein.

Für Anleiheinvestoren bedeute dies jedoch nicht zwangsläufig einen Rückgang der Renditen. So sei die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihe nach der Zinssenkung der Fed sogar gestiegen. Scott DiMaggio gehe zwar von einem allmählichen Rückgang der globalen Renditen in den kommenden Monaten aus, jedoch erkläre er auch, wie sich die US-Wahlen auf die Märkte auswirken könnten und welche Strategien sich für Anleger beim Wiedereinstieg in die Anleihemärkte auszahlen könnten.

In den vergangenen Monaten hätten sowohl EZB als auch Fed den Lockerungszyklus ihrer Geldpolitik begonnen. Auch die Bank of China habe die Zinsen gesenkt, um das Wachstum anzukurbeln, das hinter dem Jahresziel von 5 Prozent zurückbleibe. Zwar sei es unwahrscheinlich, dass Zinssenkungen dem angeschlagenen Immobiliensektor des Landes helfen würden, doch bestehe durchaus die Möglichkeit, dass sie die Wachstumsaussichten in anderen Sektoren, die bereits eine gute Wertentwicklung aufwiesen, ankurbeln könnten.

Die Bemühungen der Marktteilnehmer, den Zeitpunkt und das Ausmaß der Zinssenkungen der Zentralbanken vorherzusagen, hätten die Volatilität auf den Märkten wieder erhöht, ebenso wie die geopolitische Unsicherheit, die sich aus regionalen Konflikten und Wahlen ergebe. Tatsächlich sei etwa die Hälfte der Weltbevölkerung im "Jahr der Wahlen" 2024 zum Urnengang aufgerufen. Und obwohl die Präsidentschaftswahlen in den USA selten bleibende Auswirkungen auf den Markt hätten, könnte die bevorstehende US-Wahl zumindest kurzfristig die Volatilität verstärken.

Anleger sollten sich darauf einstellen, dass sie aufgrund sich verändernder politischer Erwartungen und überraschender Daten in kurzfristige Turbulenzen geraten könnten. Breitere Trends wie ein moderates globales Wirtschaftswachstum und hohe Renditen blieben jedoch wichtiger. Das seien günstige Bedingungen für Anleiheanleger - insbesondere für diejenigen, die den Ansturm auf Anleihen überstehen würden.

Experten würden davon ausgehen, dass Anleihen einen Kursanstieg verzeichnen könnten, da die Renditen in den meisten Industrieländern in den kommenden Monaten sinken würden. Dieser Anstieg könnte besonders hoch ausfallen - insbesondere vor dem Hintergrund, dass aktuell noch viel Geld auf der Suche nach einem Einstiegspunkt on Hold stehe. Am 31. August habe sich eine Rekordsumme von 6,6 Billionen US-Dollar in US-Geldmarktfonds befunden, ein Relikt der "T-Bill and Chill"-Strategie, die sich großer Beliebtheit erfreut habe, als die Zentralbanken ihre Zinsen aggressiv angehoben hätten.

Erfahrungsgemäß fließe bei einer Lockerung der Geldpolitik durch die Zentralbanken Bargeld aus den Geldmärkten ab und zurück in längerfristige Schuldtitel. Der daraus resultierende Anstieg der Nachfrage nach Anleihen trage dazu bei, den mit Zinssenkungen der Zentralbanken einhergehenden Rückgang der Renditen zu verstärken. Da die Menge an Bargeld, die heute an der Seitenlinie stehe, beispiellos sei, sei der potenzielle Anstieg der Nachfrage nach Anleihen außergewöhnlich hoch. Aktuelle Schätzungen würden davon ausgehen, dass in den kommenden Jahren etwa 2,5 bis 3 Billionen US-Dollar an die Anleihenmärkte zurückkehren würden.

Sieben Taktiken für das aktuelle Umfeld

Für Anleiheinvestoren könnten sich insbesondere folgende Ratschläge im aktuellen günstigen Umfeld auszahlen:

1. Jetzt investieren: Wenn das Vermögen der Anleger immer noch in Tagesgeld geparkt sei, entgingen ihnen die täglichen Einnahmen aus Hochzinsanleihen sowie potenzielle Kursgewinne bei sinkenden Renditen. Der Schluss liege nahe, dass Anleger im heutigen Umfeld wahrscheinlich mehr in Anleihen investieren sollten als in der Vergangenheit.

2. Duration verlängern: Wenn die Duration des Portfolios der Anleger, das heiße seine Zinsempfindlichkeit, kürzer geworden sei, sollten sie eine Verlängerung in Betracht ziehen. Bei sinkenden Zinsen komme die Duration dem Portfolio zugute. Staatsanleihen, die reinste Quelle für Duration, böten zudem reichlich Liquidität und würden helfen, die Volatilität der Aktienmärkte auszugleichen.

3. Global denken: Die idiosynkratischen Chancen nähmen nicht nur weltweit zu, da das Timing (und die Richtung) der Zentralbanken voneinander abweiche, sondern der Vorteil der Diversifikation über verschiedene Zins- und Geschäftszyklen hinweg sei auch stärker.

4. In höher verzinste Anleihen investieren: Es sei nicht der richtige Zeitpunkt, um höher verzinste Papiere zu meiden oder unterzugewichten. Obwohl die Spreads eher eng seien, blieben die Renditen bei bonitätsempfindlichen Vermögenswerten in der Nähe historischer Höchststände. Die Fundamentaldaten der Unternehmen seien nach wie vor relativ gut. Sinkende Zinsen dürften dazu beitragen, den Refinanzierungsdruck auf die Emittenten zu verringern. Dennoch sollten Anleger selektiv vorgehen und auf die Liquidität achten. Zyklische Branchen, Unternehmen mit CCC-Rating und verbriefte Schuldtitel mit niedrigerem Rating seien bei einer Konjunkturabschwächung am anfälligsten.

5. Auf ausgewogenes Portfolio achten: Sowohl Staats- als auch Unternehmensanleihen sollten in Portfolios eine Rolle spielen. Zu den effektivsten Strategien gehörten solche, bei denen Staatsanleihen und andere zinsempfindliche Vermögenswerte mit wachstumsorientierten Anleihen in einem einzigen, dynamisch verwalteten Portfolio kombiniert würden. Dies trage dazu bei, Risiken zu mindern - wie zum Beispiel die Rückkehr extremer Inflation oder einer globalen Rezession.

6. Vor Inflation schützen: Anleger sollten angesichts des erhöhten Risikos künftiger Inflationsschübe und der Bezahlbarkeit eines expliziten Inflationsschutzes eine Erhöhung ihrer Allokationen in Inflationsstrategien in Betracht ziehen. In einer Analyse von AllianceBernstein sei der Inflationsschutz - der aktuell auf dem Markt für inflationsgeschützte US-Treasuries (TIPS) bei etwa 2,1 Prozent liege - günstig.

7. Systematischen Ansatz erwägen: Das heutige Umfeld erhöhe auch das potenzielle Alpha aus der Wertpapierauswahl. Aktive, systematische Anleiheansätze könnten Anlegern dabei helfen, diese Chancen zu nutzen. Systematische Strategien stützten sich auf eine Reihe von Prognosefaktoren, wie zum Beispiel die Dynamik, die durch traditionelle Investitionen nicht effizient erfasst würden. Da systematische Ansätze von unterschiedlichen Faktoren der Wertentwicklung abhingen, könnten ihre Erträge traditionelle aktive Strategien ergänzen.

Unabhängig davon, welche Strategien genutzt würden: Aktive Anleger sollten die Chancen nutzen, die sich in den kommenden Monaten aus der erhöhten Volatilität und dem Rückenwind des Marktes ergäben. Vor allem sei es wichtig, jetzt wieder in die Anleihenmärkte einzusteigen, um die heutigen hohen Renditen und das hohe Ertragspotenzial nicht zu verpassen. (30.10.2024/alc/a/a)