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Anleihen: Grundhaltung vorsichtig, doch Chancen vorhanden


21.09.21 12:15
Berenberg

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Obwohl die Konjunkturüberraschungen ihren Gipfel bereits überschritten zu haben scheinen, setzt sich die Normalisierung der Wirtschaftslage weltweit fort, so die Analysten der Privatbank Berenberg in der aktuellen Ausgabe von "Horizonte".

Die Kaufprogramme der Zentralbanken würden auch angesichts mehrjähriger Inflationshochs (vorerst) weitgehend unverändert fortgeführt und auch das Coronavirus sei trotz steigender Impfquoten noch nicht nachhaltig auf dem Rückmarsch. In dieser Gemengelage sei die Grundhaltung der Analysten der Privatbank Berenberg gegenüber Anleihen eine vorsichtige. Dennoch würden die Analysten auch Bereiche mit Aufwärtspotenzial erkennen - der differenzierte Blick auf die einzelnen Anleihesegmente bleibe unerlässlich.

Was Mitte des zweiten Quartals bereits begonnen habe, habe sich im dritten fortgesetzt, nämlich die Umkehr des in den Monaten zuvor steigenden Renditetrends. Deutsche Bundesanleihen, aber auch britische und US-Staatspapiere hätten im Sommer phasenweise um rund einen halben Prozentpunkt niedriger rentiert als zu ihren jeweiligen Höchstständen im Frühling. Den erneuten Wendepunkt, diesmal auf der Unterseite, dürfte man allerdings im August gesehen haben.

Bis zum Jahresende würden die Analysten der Privatbank Berenberg wieder anziehende Renditen erwarten. Auch wenn die Konjunktur einen kurzfristigen Dämpfer erlebe, würden die Analysten der Privatbank Berenberg die Wachstumssorgen im Markt als übertrieben erachten. Auch die aktuell hohen Preissteigerungsraten sollten sich nur schrittweise zurückbilden. Zudem verfolge die EZB seit ihrer Strategieanpassung im Juli ein symmetrisches Inflationsziel von 2% - ein gegenüber der bisherigen Marke von nahe, aber unter 2% leicht gelockerter Ansatz. Auch dürfte die FED ihre Anleihekäufe nur vorsichtig zurückfahren. Steigende Nominalrenditen im Zuge der zunächst anhaltenden Reflationstendenzen seien somit wahrscheinlich. Die Folge: Von sicheren Staatsanleihen würden die Analysten der Privatbank Berenberg auf Sicht Kursverluste und eine negative Gesamtentwicklung erwarten.

Der Blick in den Rückspiegel bestätige, dass Unternehmensanleihen über den Sommer eine wertstiftende Investition gewesen seien. Trotz nahezu unveränderter Risikoaufschläge hätten sowohl Papiere aus dem Investmentgrade-Segment als auch Hochzinsanleihen positive Wertbeiträge geliefert - dank sinkender Marktzinsen bzw. attraktiver Effektivverzinsung. Könne es noch besser werden? Gute Unternehmensergebnisse würden dafür sprechen. Zudem werde die verbesserte Profitabilität nach wie vor zu Bilanzreparaturen genutzt, während ein Übermaß an Investitionen oder Übernahmeaktivitäten noch nicht erkennbar sei, auch wenn man hier zukünftig mehr erwarte. Rückläufige Neuemissionen im Investmentgrade-Bereich würden zudem den Nachfrageüberhang unterstützen. Ein perfektes Umfeld, wären da nicht die historisch hohen Bewertungen, die auf den aktuellen Zins- und Spreadniveaus kaum noch Kursfantasie zulassen würden. Sowohl die Risikoprämien als auch die Renditen befänden sich nahe oder auf dem Tiefstand der letzten zehn Jahre.

Angesichts dieser ambitionierten Bewertung würden die Analysten der Privatbank Berenberg verhältnismäßig defensiv positioniert bleiben, womit sie ebenfalls potenziellen Risiken Rechnung tragen würden. Diese bestünden beispielsweise in deutlich steigenden Zinsen und Volatilitäten als Folge einer möglichen Misskommunikation der Zentralbanken, in überschießenden Inflationszahlen oder den Unsicherheiten rund um die Corona-Delta-Variante. Wir wählen vergleichsweise kurze bis mittlere Laufzeiten und sind speziell mit Beimischungen von Hochzinsanleihen vorsichtig, so die Analysten der Privatbank Berenberg. Liquidität würden die Analysten erst auf attraktiveren Einstiegsniveaus opportunistisch in Unternehmensanleihen investieren.

Während sowohl Hart- als auch Lokalwährungspapiere der Schwellenländer in der ersten Hälfte des abgelaufenen Quartals noch seitwärts tendiert hätten, seien sie in der zweiten deutlich angestiegen. Positive technische Faktoren, wie beispielsweise ein geringes Primärmarktangebot, hätten dieses Bild geprägt. Auch etwas schwächere Kapitalflüsse auf der Nachfrageseite hätten die Anlageklasse nicht aus der Bahn werfen können. Trotz der zuletzt positiven Marktbewegung würden die Analysten der Privatbank Berenberg die aktuellen Renditeniveaus für Staats- wie Unternehmenspapiere aus den Schwellenländern weiterhin als attraktiv erachten.

Während unsere präferierte Sub-Anlageklasse der hochverzinslichen Staatsanleihen in den Sommermonaten zunächst noch allein von der auskömmlichen laufenden Verzinsung lebte, entsprach die jüngste Einengung der Risikoprämien unseren Erwartungen, erachten. An ihnen würden die Analysten auch im vierten Quartal festhalten, denn noch seien die Renditeaufschläge deutlich von ihren Niveaus vor der Corona-Krise entfernt. Dieser Bewertungsvorteil sowie die spürbar geringere Sensitivität gegenüber US-Zinsbewegungen würden für den Rest des Jahres im Vergleich zu Staatspapieren aus dem Investmentgrade-Segment höheres Potenzial versprechen. Angesichts der in vielen Schwellenländern gestiegenen Zinsen, gepaart mit der Erwartung nicht sprunghaft anziehender US-Realrenditen, würden die Analysten der Privatbank Berenberg ebenfalls bei ihrer Empfehlung für Lokalwährungsanleihen als Portfoliobeimischung bleiben.

Sofern sich keine aus heutiger Sicht unerwarteten Risiken manifestieren würden (beispielsweise erneute flächendeckende Lockdowns infolge der Corona-Delta-Variante), dürften Reflationierung und steigende Nominalrenditen sichere Staatsanleihen belasten und zu Verlusten führen. Im Segment europäischer Unternehmensanleihen würden sich Renditen und Risikoprämien auf bzw. nahe ihrem Zehnjahrestief bewegen und entsprechend zur Vorsicht mahnen - erst nach Erreichen wieder höherer Niveaus würden die Analysten der Privatbank Berenberg hier neue Engagements für opportun halten. Was bleibe? Die Antwort laute "Schwellenländeranleihen", insbesondere hochverzinsliche Staatspapiere. Sie würden attraktive Renditeaufschläge bieten, die zudem weiteres Einengungspotenzial möglich erscheinen lassen würden. Lokalwährungsanleihen würden zudem von in vielen Schwellenländern zuletzt gestiegenen Zinsen profitieren und sich als Beimischung eignen. (Ausgabe Q4/2021) (21.09.2021/alc/a/a)