Anleihen: "EZB dürfte die Zinsen noch vor der FED senken"


05.04.24 17:23
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die falkenhaften Aussagen einiger US-Notenbanker haben den Hoffnungen auf schnelle und deutliche Zinssenkungen in dieser Woche einen herben Dämpfer verpasst, so die Deutsche Börse AG.

Vor allem das Statement von Neel Kashkari, Präsident der Federal Reserve Bank of Minneapolis, habe aufhorchen lassen. Er stelle sinkende Zinsen in diesem Jahr grundsätzlich in Frage, falls sich die Inflation weiter seitwärts bewegen sollte. Arthur Brunner von der ICF Bank sehe zumindest für ein vorschnelles Agieren der US-amerikanischen Währungshüter keinen Grund. "Der Arbeitsmarkt beruhigt sich und die Löhne werden erhöht, das ist aktuell ein solides Fundament für die USA", erkläre der Händler. Mit Blick auf den steigenden Ölpreis müsse man zudem gegebenenfalls wieder mit einer etwas höheren Inflation rechnen.

Die Rentenmärkte hätten - anders als die Aktienmärkte - auf die jüngsten Aussagen zu etwaigen Zinsschritten kaum reagiert. Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen sei auf Wochensicht nur leicht von 4,20 auf 4,31 Prozent gestiegen, wobei der Trend in der zweiten Wochenhälfte nach einem Hoch bei 4,42 Prozent sogar schon wieder nach unten gezeigt habe. Etwas mehr Bewegung könnte heute Nachmittag entstehen, wenn der US-Arbeitsmarktbericht für den März veröffentlicht werde. Nach Meinung der Helaba werde sich an der Einschätzung, dass sich die FED mit der Zinswende noch etwas Zeit lassen könne, aber "wohl kaum etwas ändern".

An den Märkten verfestige sich damit mehr und mehr die Ansicht, dass die EZB die Leitzinsen noch vor den Amerikanern senken werde. "Während die FED auf der Bremse steht und die Erwartungen runter kühlt, hat sich EZB-Chefin Christine Lagarde weit aus dem Fenster gelehnt", bemerke Klaus Stopp von der Baader Bank. Der Anleihenhändler gehe ebenfalls davon aus, dass der erste Zinsschritt in der Eurozone bereits im Juni erfolgen werde. Darauf deute auch das gerade veröffentlichte EZB-Protokoll der letzten Sitzung hin.

Zudem drohe der EZB laut Stopp bei einem noch längeren Warten ein gewisser Reputationsverlust. Martin Hallmann von der Commerzbank ergänze, dass am Markt momentan bis zum Jahresende fast vier Lockerungen um jeweils 25 Basispunkte eingepreist seien.

Passend zu diesen Prognosen würden sowohl Brunner als auch Stopp von einer starken Nachfrage nach kurzlaufenden Bundespapieren (ISIN DE0001141810 / WKN 114181 oder ISIN DE0001141802 / WKN 114180) berichten. "Solche Anleihen dürften am meisten von etwaigen Zinssenkungen profitieren", erkläre der Renten-Spezialist der ICF Bank. Bei der aktuell noch inversen Zinskurve würden sich die Anlegerinnen und Anleger jetzt noch schnell die vergleichsweise hohen Zinsen sichern.

Bei der Baader Bank herrsche zudem große Nachfrage nach US-Dollar-Bonds, wie einer bis März 2026 laufenden Staatsanleihe mit einer Rendite von 4,6 Prozent (ISIN US91282CKH33 / WKN A3LWRU). Hintergrund könnte neben den im Vergleich zur Eurozone noch etwas höheren Zinsen auch eine mit Blick auf die Leizinsentwicklung positive Währungserwartung für den US-Dollar sein.

Im Segment der Unternehmensanleihen beobachte Tim Oechsner von der Steubing AG gute Stimmung und reges Kaufinteresse. "Gefragt sind zur Renditebeimischung oder Diversifikation vor allem Bonds von deutschen Firmen mit 1.000er-Stückelung". Gute Umsätze melde der Händler zum Beispiel für zwei in den Jahren 2030 bzw. 2031 fällige Anleihen (ISIN XS2374594823 / WKN A2LQ6S und ISIN XS2694874533 / WKN A3514V) von Volkswagen, die Renditen von 3,3 bzw. 3,7 Prozent ermöglichen würden. Bei der Baader Bank stehe ebenfalls ein Bond (ISIN XS1893631769 / WKN A2LQ6C) des Autobauers auf den Einkaufslisten, allerdings mit einer bereits im Herbst 2026 endenden Laufzeit und einer Rendite von 3,1 Prozent.

Die Kundschaft der ICF Bank frage eine frisch emittierte Anleihe (ISIN NO0013185835 / WKN A3LW0K) der Mutares-Tochter GoCollective nach. Der unter Berücksichtigung eines Aufschlags von 850 Basispunkten an den 3-Monats-Euribor gekoppelte Kupon von derzeit 12,35 Prozent sorge in Kombination mit einer 1.000er-Stückelung für rege Nachfrage. Ähnlich sehe es bei einer Ende 2025 fälligen und nach einem ähnlichen Ansatz verzinsten Anleihe (ISIN NO0012702549 / WKN A3LBT7) von Multitude aus. Der bereits Ende 2022 emittierte Bond biete aktuell eine Renditechance von 10 Prozent. "Das Papier hat sich in den vergangenen Wochen gut nach oben entwickelt und wird weiterhin stark nachgefragt", erkläre Brunner.

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank verweise indes auf ungewöhnlich starke Kursbewegungen bei einer Anleihe (ISIN DE000A2TSB16 / WKN A2TSB1) von FCR Immobilien, nachdem das Unternehmen die Vorlage der vorläufigen Zahlen für 2023 habe verschieben müssen. "Die Anleihe ist Ende April fällig und bei Notierungen von nur noch gut 90 Prozent ziemlich schwach". Andere Anleihen des Emittenten (zum Beispiel ISIN DE000A352AX7 / WKN A352AX) würden bei einer Laufzeit bis 2028 ebenfalls um die 90 Prozent notieren.

"Ständig gekauft" werde auf der anderen Seite die bis Herbst 2025 laufende Anleihe (ISIN XS2078696866 / WKN A2R98B) von Grenke Finance, die sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich aufwärts entwickelt habe und zurzeit eine Rendite von 3,7 Prozent abwerfe. (05.04.2024/alc/a/a)