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Anleihemarkt: 2020 wird anders


23.12.19 09:30
Berenberg

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Ein allgemein starkes Anleihejahr liegt hinter uns - wird sich das 2020 wiederholen? Höchstwahrscheinlich nicht, zumindest nicht im gleichen Ausmaß und in jedem Teilsegment, so die Analysten von Berenberg.

Leicht fallende Kurse bei sicheren Staatsanleihen, zumindest phasenweise Chancen bei Unternehmensanleihen und grundsätzlich attraktive Schwellenländer seien die Erwartungen der Analysten.

Seit den Rekordtiefs vom Sommer seien die Renditen im europäischen Staatsanleihesegment spürbar gestiegen. Hätten beispielsweise Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit im August noch bei -0,71% rentiert, sei die Rendite in den darauf folgenden Wochen zeitweise auf bis zu -0,22% gestiegen. Vergleichbare Bewegungen seien für andere Länder der Eurozone zu verzeichnen gewesen. Unter bestimmten Bedingungen könne sich diese Entwicklung zu Jahresbeginn 2020 zunächst fortsetzen. So werde bei Eintritt makroökonomischer Verbesserungen die Risikofreude der Anleger zu- und die Nachfrage nach Sicherheit bietenden Papieren abnehmen. Damit könnte es im ersten Halbjahr zu taktischen Kaufgelegenheiten kommen, bevor Unsicherheiten im Vorfeld der US-Wahl und über den weiteren Konjunkturverlauf Volatilität aufkommen lassen würden.

Die Geldpolitik bleibt nach Erwartung der Analysten von Berenberg unverändert, weder hierzulande noch seitens der FED rechnen sie mit einer (weiteren) Zinssenkung. Im Falle des (Risiko-)Falles würden die Zentralbanken gleichwohl noch einmal einen expansiveren Kurs einschlagen. Größtes dieser Risiken bleibe die US-Handelspolitik, denn eskalierende Konflikte würden die Nachfrage nach Sicherheit zügig wieder erhöhen und für deutlich fallende Renditen sorgen.

Entgegen zahlreichen düsteren Jahresausblicken blicke man auf ein sehr erfreuliches Rentenjahr 2019 zurück. Hybrid- und Pflichtwandelanleihen (sogenannte Contingent Convertible Bonds) würden mit zweistelligen Wertzuwächsen die Ranglisten der europäischen Rentensegmente an (+12,5% bzw. +17,5%) führen. Auch Unternehmensanleihen des Investmentgrade-Bereichs (+6,5%) würden bis dato solide Wertzuwächse aufweisen. Wie gehe es nun weiter? Unterstützt durch die EZB-Anleihekäufe und die Erwartung auf weniger Neuemissionstätigkeit gehen die Analysten von Berenberg von einem positiven Jahresstart mit sich moderat einengenden Spreads aus. Zeitgleich müssten sie zur Kenntnis nehmen, dass sich der Konjunkturzyklus eher im letzten Drittel befinde - viele Analysten würden sich eintrübende Kreditkennzahlen erwarten.

Zusätzlich seien zahlreiche Kreditsegmente nach der Erholungsrallye nicht mehr übermäßig attraktiv bewertet. Unter der Annahme eines freundlichen Jahresstarts und gleichzeitig moderat steigender Zinsen sei es sinnvoll, Spread-sensitivere Segmente mit hohen laufenden Erträgen zu bevorzugen. Zunächst präferieren die Analysten von Berenberg selektiv Nachrang- und europäische Hochzinsanleihen sowie für defensivere Mandate Unternehmensanleihen mit BBB-Rating. Im Jahresverlauf würden sie planen, vorsichtiger zu werden und im Tausch gegen die genannten Kreditsegmente höhere Qualitäten mit etwas mehr Duration aufzubauen.

Nach einem starken ersten Halbjahr hätten in lokaler wie auch in Hartwährung denominierte Schwellenländeranleihen im Verlauf der zweiten Jahreshälfte konsolidiert, ohne jedoch deutlich an Performance einbüßen zu müssen. Der US-amerikanisch-chinesische Handelskonflikt sowie aufkeimende politische Risiken, insbesondere in Lateinamerika, seien die Haupttreiber dieser Entwicklung gewesen. Bei genauer Betrachtung der positiven Jahresperformance sei festzustellen, dass diese größtenteils auf die expansive Zentralbankpolitik zurückzuführen gewesen sei. Gegenwärtig dagegen sei vor allem im Lokalwährungsbereich wie auch bei bonitätsschwächeren Ländern auf idiosynkratrische Risiken zu achten. Prominente Beispiele hierfür seien u. a. Argentinien, Chile und der Libanon sowie Ecuador. Entsprechend ziehen die Analysten von Berenberg aktuell volatilitätsärmere Hartwährungsanleihen ihren Pendants in lokaler Währung vor. Nicht nur auf Länder- und Unternehmensebene, sondern auch regional sollte sorgfältig differenziert und der zunehmenden Heterogenität des Segments verstärkt Rechnung getragen werden.

Aktuell meiden die Analysten von Berenberg die lateinamerikanische Region und suchen stattdessen Chancen im afrikanischen Raum und in Asien. Insgesamt jedoch würden sowohl Hart- als auch Lokalwährungspapiere aus Schwellenländern attraktiv bleiben, insbesondere gegenüber möglichen Alternativen. Die aktuellen Risikoaufschläge für Staatsanleihen in Hartwährungen würden die Analysten als fair, diejenigen von Unternehmenspapieren - bei besserem Durchschnittsrating sowie geringerer Duration - gar als attraktiv ansehen. Im Fall weiterhin erhöhter politischer Länderrisiken oder einer erneuten Eskalation internationaler Handelskonflikte würden sie angesichts des besseren Risiko-Rendite-Verhältnisses das Segment der Unternehmensanleihen bevorzugen.

Wer mit Anleihen positive Erträge erwirtschaften wolle, sollte sich im Jahr 2020 an Risikoaufschlägen orientieren, anstatt auf sinkende Renditen und lange Laufzeiten zu setzen. Zumindest zu Beginn des Jahres würden sich daher Beimischungen in nachrangigen und hochverzinslichen Unternehmensanleihen anbieten. Darüber hinaus würden Schwellenländer ein attraktives Segment bleiben, wobei es wichtiger als zuletzt sein werde, genau hinzusehen und strikt zwischen vertretbaren und zu meidenden Risiken zu differenzieren. Das Segment der sicheren Staatsanleihen dagegen lasse Wertverluste befürchten - es sollte allerdings dann positive Beiträge im Rahmen der Portfoliodiversifikation liefern, wenn konjunkturelle Sorgen aufkommen oder sich politische Risiken verschärfen würden und erhöhte Nachfrage nach "Safe Havens" aufkomme. (Ausgabe Q1 2020) (23.12.2019/alc/a/a)