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Anleihemärkte: Auch nach Richtungswechsel noch Chancen


24.06.20 09:15
Berenberg

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Kombination aus einer sich zunehmend entspannenden Situation hinsichtlich der Corona-Pandemie und politischem Willen zur Bewältigung der Krise löste im zweiten Quartal einen klaren Richtungswechsel in den Anleihemärkten aus, so Martin Mayer, Senior Portfolio Manager Multi Asset, Christian Bettinger, Leiter Fixed Income, und Robert Reichle, Leiter Emerging Markets Selection von der Privatbank Berenberg in der aktuellen Ausgabe von "Horizonte".

Renditen sicherer Staatsanleihen hätten leicht aufwärts tendiert, während die Risikoaufschläge von Unternehmens- und Schwellenländeranleihen deutlich gesunken seien. Aber auch nach teilweise deutlichen Wertaufholungen risikobehafteter Anleihesegmente würden die kommenden Monate noch interessante Chancen bieten.

Die extremen Turbulenzen des Monats März, der von einem Auf und Ab zwischen den Polen "Flucht in die Sicherheit" mit stark fallenden und "Liquiditätspräferenz der Investoren" mit ebenso stark steigenden Renditen gekennzeichnet gewesen sei, hätten sich im zweiten Quartal in dieser Form nicht wiederholt. Vielmehr sind wir - und das sollte auch die kommenden Monate kennzeichnen - in eine Phase eingetreten, in der in erster Linie andere Faktoren wirken, so die Analysten der Privatbank Berenberg. Einerseits würden steigende öffentliche Defizite sowie die Hoffnung auf eine weiter voranschreitende Normalisierung des Wirtschaftslebens Staatsanleihen unattraktiver werden lassen, andererseits seien die großen Zentralbanken mit massiven Kaufprogrammen aktiv und würden damit einem übermäßig schnellen und starken Renditeanstieg entgegen arbeiten.

Per Saldo würden die Analysten der Privatbank Berenberg damit rechnen, dass im weiteren Jahresverlauf der renditeerhöhende Einfluss konjunktureller Erholungstendenzen überwiege. Relativ interessant aufgrund ihres Renditevorsprungs gegenüber Bundesanleihen würden Papiere aus Spanien und Portugal bleiben. Zur Absicherung in Multi-Asset-Portfolios würden US-Staatsanleihen eine ebenfalls höhere laufende Rendite bieten, dürften aber durch einen schwächelnden US-Dollar belastet werden.

Nach den massiven Kursverlusten im ersten Quartal hätten die europäischen Märkte für Unternehmensanleihen eine deutliche Erholungsrally gestartet. Speziell riskantere Anlageklassen, wie beispielsweise CoCo- oder High-Yield-Papiere (bedingte Pflichtwandel- bzw. Hochzinsanleihen), hätten sich überdurchschnittlich entwickelt und bereits große Teile ihrer vorangegangenen Verluste kompensiert.

Die Analysten der Privatbank Berenberg würden europäische Unternehmensanleihen weiterhin als interessant erachten. Selbst wenn sich die Risikoaufschläge bereits ein gutes Stück erholt hätten, seien sie im historischen Vergleich immer noch attraktiv. Für dieses Segment spreche darüber hinaus, dass Unternehmen in Rezessionsphasen bemüht seien, ihre Bilanzen zu stärken, die Verschuldung zu reduzieren und Liquiditätsabflüsse mithilfe von Sparprogrammen und Dividendenkürzungen einzuschränken. Das vorteilhafte Sentiment spiegele sich in den seit nunmehr zehn Wochen anhaltenden Zuflüssen für Investmentgrade-Fonds wider, die das Segment in einem sich schrittweise verbessernden Umfeld neben fortgesetzten Zentralbankkäufen auch weiterhin unterstützen dürften.

Nach einer Qualitätsrally besserer Bonitäten könne es künftig sinnvoll sein, sich selektiv im BBB-Bereich nach Chancen umzuschauen. Die Analysten der Privatbank Berenberg würden aktuell defensive Industrien präferieren, wie beispielsweise Telekommunikation, Pharma oder Versorger. Dagegen widerstünden die Analysten der Privatbank Berenberg weiterhin den Verlockungen hoher Renditen in den besonders Corona-anfälligen Bereichen Tourismus, Hotels oder Airlines und würden zunächst eine visible und nachhaltige Stabilisierung der Geschäftsmodelle abwarten.

Das zweite Quartal habe sowohl in Hart- als auch in Lokalwährungsanleihen eine positive Entwicklung gezeigt, mit der noch wenige Wochen zuvor kaum ein Marktteilnehmer gerechnet habe. Zusätzlich zu den sich allgemein verbessernden Rahmenbedingungen hätten insbesondere wenig schwankende US-Treasury-Renditen sowie der sich abschwächende US-Dollar gute Voraussetzungen geboten. Vor allem Hartwährungsanleihen hätten profitiert, am stärksten dabei der Hochzinsbereich. Hätten sich die Marktteilnehmer zunächst noch vorsichtig verhalten, was sich in Kapitalabflüssen gespiegelt habe, habe sich dieses Bild anschließend geändert. Die positive Performance habe zum größten Teil aus der starken Einengung der Risikoaufschläge in der zweiten Quartalshälfte resultiert.

Trotz Gewinnen im teilweise zweistelligen Prozentbereich, vor allem im bonitätsschwächeren Segment, müsse weiterhin auf idiosynkratische Risiken geachtet werden. Gegenwärtig prominente Beispiele seien der Default in Argentinien sowie extrem gestiegene Kreditrisiken beispielsweise in Sri Lanka, Ecuador und Angola. Die aktuellen Risikoaufschläge für Staats- und Unternehmensanleihen in Hartwährungen sähen die Analysten der Privatbank Berenberg weiterhin als attraktiv an, die Renditen von Lokalwährungspapieren dagegen als eher unattraktiv. Bei Letzteren reiche das aktuelle Niveau der bereits stark gefallenen Lokalzinsen nicht aus, um das potenzielle Risiko der Währungsvolatilität zu kompensieren. Dennoch hätten Schwellenländerwährungen mittelfristig weiterhin Aufwertungspotenzial.

"Die Ersten werden die Letzten sein", hätten die Analysten der Privatbank Berenberg in der vorigen Ausgabe an dieser Stelle geschrieben und damit den Verlust des Favoritenstatus sicherer Staatsanleihen im Zuge einer schrittweisen Erholung von der Corona-Krise prognostiziert. Diese Erwartung sei jüngst eingetroffen, und dass die Tendenz anhalte, sei das Hauptszenario der Analysten für das kommende Quartal. Staatsanleihen aus dem Top-Bonitätssegment würden sich nur noch zu Absicherungszwecken anbieten, speziell US-Treasuries. Europäische Unternehmensanleihen dagegen würden besonders im Bereich des unteren Investmentgrades (BBB+ bis BBB-) über bessere Ertragsaussichten verfügen. Ausdrücklich optimistisch würden die Analysten der Privatbank Berenberg auch auf die Schwellenländer schauen und dort Staatsanleihen in Hartwährungen präferieren. Ihre Risikoprämien hätten ihr faires Niveau insbesondere im Gegensatz zu US-Unternehmensanleihen noch nicht wieder erreicht. (Ausgabe Q3/2020) (24.06.2020/alc/a/a)