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2021 festigt sich der Regimewechsel an den Anleihenmärkten


18.12.20 12:30
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Während die Anleihenmärkte zwischen 2009 und 2019 von der Dominanz der Geldpolitik lebten, wird 2020 das entscheidende Jahr gewesen sein, das ein echtes kooperierendes Modell zwischen Fiskal- und Geldpolitik vorangetrieben hat - dies bedeutet nach Ansicht von Peter De Coensel, Chef-Anleihenstratege bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM), dass die offiziellen Leitzinsen mittelfristig auf dem aktuellen Niveau oder niedriger bleiben werden.

Peter De Coensel begründe dies mit dem Konsens der Markterwartungen in Bezug auf das zukünftige Handeln der Notenbanken. Demnach werde z.B. die FED die Leitzinsen im ersten Halbjahr 2024 ein erstes Mal straffen. Aber noch interessanter ist, dass uns der Pfad der Leitzinsen selbst bis zum Ende dieses Jahrzehnts nur auf 1,50% führen wird, so die Experten von DPAM. In Europa werde er sogar noch langwieriger sein. Die Märkte würden voraussagen, dass die Einlagenfazilität, die derzeit bei -50 Basispunkten liege, bis Ende 2025, Anfang 2026 in Richtung -40 Basispunkte steigen werde. Wir könnten es somit bis 2029 bis 2030 gerade mal auf 0,00% schaffen, so die Experten von DPAM.

Da temporäre Programme der Notenbanken mittlerweile zu permanenten Programmen geworden seien, würden die Zentralbankbilanzen weiter wachsen. Das Unkonventionelle sei zum Konventionellen geworden. Die Zentralbanken würden im Laufe der Zeit immer mehr des ausstehenden Bestands an Staats- und Unternehmensanleihen erwerben. Der Streubesitz sinke immer weiter, die freien Märkte hätten aufgegeben. 10-jährige Bundesanleihen und sogar 10-jährige US-Treasuries würden ein ähnliches Schicksal wie japanische 10-jährige Staatsanleihen seit dem Beginn des massiven Kaufprogramms der Bank of Japan bereits im Jahr 2016 erleiden. Aktuell liege der 5-Jahres-Forward 10-jähriger deutscher Bundesanleihen bei -0,27%. Für US-Treasuries liege dieser Wert bei 1,72%. Wenn man heute in 10-jährige Bundesanleihen oder Treasuries investiere, sei der Gesamtertrag solange in Ordnung, wie diese Renditen bis Dezember 2025 unter den zuvor genannten Niveaus bleiben würden.

Globale Anleiheinvestoren sollten nicht so pessimistisch sein, was das aktuelle Kapitalerhaltungspotenzial der Staatsanleihensektoren innerhalb der EWWU und den USA angehe. Bei EUR-Staatsanleihen würden die Experten von DPAM eine weitere Konvergenz der Zinssätze erwarten. Rating-Agenturen könnten dabei eine zentrale Rolle spielen, da sie die Finanzierungskapazitäten der EU in die Stärke der einzelnen nationalen Staatsfinanzprofile einfließen lassen würden. Dies werde eine positive Rating-Migration über die südeuropäischen Märkte hinweg vorantreiben. Im Laufe des Jahres 2021 werde das flexible Ankaufprogramm der EZB insgesamt ein negatives Nettoangebot an Staatsanleihen in der EWWU erzeugen. Man könne nur hoffen, dass eine positive Konjunkturdynamik einen Aufwärtsdruck auf die Renditen ausübe und die erwarteten Erträge der EUR-Staatsanleihen erhöhe. Diese würden Anlegern unter Berücksichtigung einer negativen Indexrendite, aber positiver Rolldown-Renditen, einen erwarteten annualisierten Ertrag von rund 0,30% über einen Anlagehorizont von etwa acht Jahren bieten.

Über den Erwartungen liegende Erträge könnten gesteigert werden, wenn man Investitionen in realen statt in nominalen Renditen betrachte. Im Durchschnitt werde eine höhere Inflation im Vergleich zu den letzten zehn Jahren Teil des Lösungsmix werden. Anleger sollten sich in Bezug auf Inflation aber keine Angst machen lassen. Wir sollten uns auf 2,5% bis 3,5% Inflationsdruck in den nächsten fünf Jahren einstellen, so die Experten von DPAM. In Europa scheine das Inflationsziel von 2% angesichts einer offiziell erwarteten Gesamtinflation von 1,4% bis 2023 ein langfristiger Traum zu sein. Mehr finanzielle Repression könnte ein Teil der Antwort sein, um Kapital weg von der Sicherheit von Staatsanleihen hin zu produktiven öffentlichen und privaten Investitionen zu lenken.

Die oben beschriebene Realität werde institutionelle Anleger dazu bewegen, ihre Allokation in Staatsanleihen der Schwellenländer in lokaler und harter Währung zu überdenken. Die Zentralbanken der Schwellenländer hätten die letzte Phase ihrer akkommodierenden Zinssenkungspolitik erreicht. Für 2021 und darüber hinaus seien die Aussichten gut, da sich Schwellenländerwährungen infolge der globalen Reflationsbemühungen der Geld- und Fiskalinstitutionen stabilisieren bzw. stärken würden. Die Selektivität des Länderengagements werde über den Erfolg oder Misserfolg des Schwellenländer-Exposure innerhalb der eigenen Allokation entscheiden. Die erwarteten Gesamterträge von Schwellenländer-Staatsanleihen lägen bei attraktiven 4,5% über einen Anlagehorizont von fünf bis sechs Jahren. Dies liege begründet in einem attraktiven Anstieg der Realrenditen gegenüber den durchschnittlichen Realrenditen der entwickelten Länder.

Das 2,5 Billionen Euro schwere IG-Universum sei zu einem Instrument der EZB-Politik geworden. Das habe mehr als 40% dieses wachsenden Marktsegmentes in den Bereich negativer Renditen getrieben. Bei einer Indexrendite von nur 0,25% lägen die Gesamterträge, einschließlich der Roll-Down-Rendite, bei knapp 0,50% auf Jahresbasis über einen Anlagehorizont von fünf Jahren. Unter Berücksichtigung einer erhöhten Liquiditätsprämie infolge wiederholter Marktschocks in den letzten zehn Jahren sei der Puffer der Kreditrisikoprämie um die 100 Basispunkte gegenüber 5-jährigen Bundesanleihen an der unteren Grenze. IG-Unternehmensanleihen in Europa seien nicht billig und die Bewertungen entsprächen auch nicht dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Mit Blick auf das Jahr 2021 sind wir gegenüber diesem Anleihensektor neutral eingestellt, mit einer gewissen Portion Vorsicht, so die Experten von DPAM.

Der europäische HY-Sektor werde das Jahr 2020 positiv beenden. Aktuell würden HY-Indices seit Jahresanfang ähnliche Renditen wie EUR IG von etwa 2,5% aufweisen. Zur Erinnerung: Das sei weniger als die Hälfte der Gesamtrenditen, die im EUR-Staatsanleihensektor erzielt würden. Es handle sich um einen schwierigen Sektor, da die Unternehmen dank staatlicher Unterstützungsprogramme oder einer weniger anspruchsvollen Investorenbasis überleben könnten. "Zombifizierung" werde oft als Argument für oder gegen HY-Investitionen verwendet bzw. missbraucht. Am Ende des Tages bleibe HY eine weitgehend unverstandene Anlageklasse. Die langfristige Erfolgsbilanz, bereinigt um die Volatilität, übertreffe bei weitem die der Anlageklasse Aktien. Eine Realität, die es nie ins Rampenlicht schaffen werde.

Globale Wandelanleihen hätten im Jahr 2020 eine hervorragende Performance erzielt: +25%. Europäische Wandelanleihen würden das Jahr 2020 mit etwa +6% beenden. Wandelanleihen würden unter den Bedingungen eines frühen Erholungszyklus gedeihen. Auch 2021 und 2022 werde das Segment florieren. Die Nachfrage-/Angebotsdynamik sei gesund. Dies sei immer eine notwendige Bedingung, damit sich ein Sektor gut entwickeln könne. Die globalen Neuemissionen von Wandelanleihen seien in diesem Jahr um fast 50% gestiegen. Der moderate Anstieg der Neuemissionstätigkeit bei europäischen Wandelanleihen sei ein Vorgeschmack auf einen Wachstumsschub im Jahr 2021. Die Unternehmen würden von niedrigen Finanzierungskosten angezogen, während sie gleichzeitig ihre potenzielle Aktionärsbasis erweitern würden, um innovative zukünftige Geschäftsmodelle oder Technologien umzusetzen. Die Experten von DPAM würden für 2021 Renditen erwarten, die mindestens im mittleren einstelligen Bereich liegen würden. (Ausgabe vom 17.12.2020) (18.12.2020/alc/a/a)