Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Regierungen vieler Industrieländer haben bisher wenig Handlungsbedarf gesehen, ihre Staatsverschuldung aus der Zeit der globalen Finanzkrise aktiv abzubauen, so die Experten von J.P. Morgan Asset Management.
Dies werfe die Frage auf, ob die hohe Schuldenlast den politischen Druck auf Zentralbanken erhöhe. Die Experten hätten untersucht, welche Maßnahmen in der Vergangenheit zu einem erfolgreichen Schuldenabbau geführt hätten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass diese Problematik in den Industrienationen in den nächsten zehn bis 15 Jahren angegangen werde und wie sich diese Entwicklung auf den Ausblick für das Wachstum und die Finanzmärkte auswirken werde.
In ihrem langfristigen Kapitalmarktausblick "Long Term Capital Market Assumptions" (kurz: LTCMA) komme das Team um Karen Ward, Chief Market Strategist EMEA bei J.P. Morgan Asset Management, zu dem Schluss, dass der demografische Druck einen erfolgreichen Schuldenabbau sehr schwierig machen dürfte. Zentralbanken würden demnach nicht umhinkommen, weiterhin eine lockere Geldpolitik zu betreiben, um den Regierungen die Last der Schuldendienste zu erleichtern. Dies könnte dazu führen, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken eingeschränkt werde.
In der Vergangenheit habe es einige erfolgreiche Beispiele für einen massiven Abbau von staatlicher Verschuldung gegeben, die einige gemeinsame Merkmale aufweisen würden: Neben einem positiven Wachstumsumfeld seien dies vor allem harte politische Entscheidungen zur Kürzung von Leistungen und Sozialausgaben - beispielsweise in Belgien und Kanada in den 1990er Jahren - und eine lockere Geldpolitik, wie etwa in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg, gewesen.
In den Industrieländern werde es nach Einschätzung von Karen Ward zunehmend schwierig, den erforderlichen Überschuss für einen Schuldenabbau zu erzielen. Das derzeit größte Problem sei dabei der demografische Wandel: Die Wachstumsrate der Erwerbsbevölkerung gehe zurück, während die Bevölkerung im Rentenalter rapide zunehme. Dies werde erhebliche Folgen für die öffentlichen Finanzen haben. "Die Steuerabgaben erreichen ihren Höchststand um das 50. Lebensjahr und gehen dann erheblich zurück. Die Staatsausgaben pro Person für Gesundheit und Sozialleistungen steigen spätestens ab dem 70. Lebensjahr massiv in die Höhe. In den Industrieländern ist rund die Hälfte der Wähler über 50 Jahre alt - eine alternde Wählerschaft, die üblicherweise ihre Ansprüche an der Wahlurne verteidigt", erkläre Karen Ward.
Zudem dürfte es schwierig sein, die Abgaben der jüngeren Generation zu erhöhen, wenn bereits jetzt die Realeinkommen sinken würden. "Das Einkommenswachstum der Haushalte von Personen im erwerbsfähigen Alter mit mittleren und geringen Einkommen fiel in diesem Aufschwung mager aus - dies trug zu einem enormen populistischen Druck und den Gegenreaktionen auf die Migration bei. Die Regierungen haben also die Herausforderung, die Haushalte mit geringeren Einkommen aufgrund der gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit der Globalisierung und Automatisierung einhergehen, eher stärker zu unterstützen", so Karen Ward.
Eine Verbesserung der haushaltspolitischen Dynamik wie sie in der Vergangenheit zum Schuldenabbau erfolgreich gewesen sei, dürfte daher eine große Herausforderung sein. "Wenn die hohe Schuldenlast die Staatshaushalte weiter belastet, werden die fiskalpolitischen Entscheidungsträger im nächsten Abschwung weniger Spielraum haben. So wird es für Regierungen ohne finanzielle Reserven schwieriger, die Wirtschaft bei einer Abkühlung zu unterstützen, beispielsweise die Produktionskapazität der Wirtschaft durch Investitionen oder zusätzliche Ausbildungsmaßnahmen zu stärken", führe die Expertin aus.
Laut Karen Ward sollten die Länder die größten Erfolgschancen beim Schuldenabbau haben, die die niedrigsten Zinsen im Vergleich zum Wachstum aufweisen würden, und bei denen sich eine Währungsabwertung günstig auswirke. Damit würde der Großteil der Last des Schuldenabbaus allerdings durch die Zentralbanken getragen. "Sinkende Zinsen sind für Regierungen also sehr günstig, wenn diese versuchen, ihre Schulden zu tilgen. Folglich könnten die Zentralbanken zunehmend unter Druck geraten, die Zinsen niedrig zu halten. Doch Zentralbanken sollten sich durch Unabhängigkeit auszeichnen und auf ihre Kernaufgaben wie die Eindämmung der Inflation und in manchen Fällen auf eine möglichst hohe Beschäftigungsquote konzentrieren. Dies könnte sich aufgrund politischen Drucks in der Realität zukünftig als schwieriger erweisen", so Karen Wards Fazit. (27.03.2019/alc/a/a)
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