Berlin (www.anleihencheck.de) - In der Vergangenheit wurde die Lage für Schwellenländer (Emerging Markets, EM) regelmäßig dann schwierig, wenn die Außenbeiträge außer Kontrolle gerieten, so die Experten von GAM.
Es sei daher kein Zufall, dass über die Türkei und Argentinien in diesem Jahr am häufigsten berichtet worden sei: Beide Länder würden die größten Außenhandelsdefizite aufweisen. Insgesamt habe sich der Außenbeitrag der Schwellenländer von einem monatlichen Überschuss von rund fünf Milliarden US-Dollar auf ein Defizit von etwa 15 Milliarden US-Dollar monatlich verschlechtert.
"Für diese Verschlechterung ist vor allem Asien, und hier insbesondere Indien, verantwortlich", sage Paul McNamara, Investment Director bei GAM Investments. "Die Lage in Indien ist zwar nicht so drastisch wie in der Türkei oder Argentinien, aber unserer Einschätzung nach steht dem Land eine signifikante Korrektur bevor." Der höhere Ölpreis stelle die Wirtschaft vor Herausforderungen und es gebe Probleme im Finanzsystem, außerhalb der Banken. "Trotzdem sehen wir Indien nicht als einen Krisenmarkt."
Im wichtigsten Schwellenland China stehe die Verschuldung wieder ganz oben auf der politischen Tagesordnung: Die Verschuldung des Privatsektors an nichtfinanziellen Krediten belaufe sich auf 240 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). "Zwar wird sich das Wachstum nicht unendlich im bisherigen Tempo fortsetzen", sage McNamara. "Es scheint jedoch so, als sei der aktuelle Versuch der chinesischen Regierung, das Kreditwachstum einzudämmen, ähnlich gescheitert wie andere Versuche in der Vergangenheit." Alle Indikatoren hätten darauf hingedeutet, dass die Kreditvergabe weiter zunehme. "Dies wird unseren Erwartungen zufolge eine Verlangsamung der Realwirtschaft nach sich ziehen, weshalb das Thema Wachstum im vierten Quartal 2018 oder im ersten Quartal 2019 problematisch werden könnte. Irgendwann wird China stark abbremsen müssen. Diesen Schritt erwarten wir jedoch nicht innerhalb der nächsten zwölf Monate."
Weitere taktische Anlagechancen sehe der Experte in Brasilien und Argentinien. "Argentinien liegt vermutlich drei bis vier Monate hinter der Türkei zurück. Eine starke Abwertung und den Einbruch der Binnennachfrage hat es bereits hinter sich. Die Wirtschaft Argentiniens ist viel weniger offen und die Exportbasis ist kleiner. Exportiert werden vorwiegend Sojabohnen. Daher wird das Land wahrscheinlich nicht in gleichem Maße profitieren, es sei denn, der Sojapreis steigt", so McNamara.
Die wirtschaftliche Lage in Brasilien werde nach der letzten Wahl noch aufmerksamer von den Märkten beobachtet. Da die realen Zinsen bei 5,5 Prozent lägen, könne Brasilien sich keine größeren Haushaltsdefizite leisten. "Das Land muss seine Ausgaben in den Griff bekommen. Dies kann nur durch enorme politische Anstrengungen gelingen. Viel mehr als eine stimmungsbedingte Erholung in Brasilien werden wir vermutlich nicht erleben."
Der Haupttreiber für EM-Währungen sei und bleibe der US-Dollar. "Solange das US-Wachstum den Rest der Welt überflügelt, dürfte der Dollar kaum an Schwung verlieren. Der jüngste Rückgang von US-Aktien wirkt sich allerdings günstig für die Schwellenländer aus", berichte McNamara.
Da die Bewertungen an den Aktienmärkten ohne die USA relativ niedrig seien, fehle es nur noch an einem kleinen Wachstumsschub in der übrigen Welt, um die Dinge in Bewegung zu setzen. "Ich bin daher überzeugt, dass die Schwellenländer momentan eher eine Gelegenheit mit hohem Potenzial als ein offensichtliches Schnäppchen darstellen", schließe der Experte. (14.11.2018/alc/a/a)
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