Basel (www.anleihencheck.de) - Die Nullinflationsperiode ist in den Industrieländern vorbei, so Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin AG.
Der starke globale Aufschwung, stabilere Rohstoffpreise, die niedrigen Arbeitslosenquoten und die hohen Kapitalrenditen der vergangenen Jahre würden für eine Periode steigender Löhne und Inflationsraten sprechen. Der globale Wettbewerb spreche dafür, dass ein solcher Anstieg im historischen Vergleich zunächst moderat bleibe und eine langsame Straffung der Geldpolitik ermögliche.
Inflationsgefahren könnten nach den Erfahrungen der letzten Jahre leicht unterschätzt werden. Zentralbanken hätten Mühe gehabt, ihre Inflationsziele zu erreichen, da Globalisierung, technologischer Wandel, fallende Rohstoffpreise und globale Überkapazitäten die Preisentwicklung gedämpft hätten. Eine Lehre dieser Zeit sei auch gewesen, dass Inflation inzwischen viel stärker von globalen als nationalen Faktoren beeinflusst werde. Dies habe erklären können, warum die Lohnsteigerungen auch in den Ländern moderat geblieben seien, in denen annähernd Vollbeschäftigung geherrscht habe. Ökonomen würden in dem Fall verwundert von flachen Philipps-Kurven sprechen.
Das Wirtschaftswachstum liege in den meisten Ländern deutlich über dem Potenzial, die Arbeitslosenquoten würden sinken, die Realzinsen seien sehr niedrig, daher hätten die Zentralbanken signalisiert, dass sie erwägen würden, die geldpolitischen Impulse zu reduzieren. Verständlich, dass der Finanzmarkt nervös reagiere. In den USA wachse die Wirtschaft bereits länger über ihrem Potenzial und werde dies dank der expansiven Fiskalpolitik voraussichtlich auch bis 2019 fortsetzen. So baue die Wirtschaft ihre Reservekapazitäten nach und nach ab. Die aktuell noch bei 4,1% liegende Arbeitslosenquote werde in den kommenden Monaten voraussichtlich sogar auf unter 4% sinken, was höhere Löhne wahrscheinlicher mache. Dazu komme, dass Energie- und Importpreise zu einer Aufwärtsüberraschung der Preise im späten Frühjahr in den USA beitragen dürften.
Im Euroraum dämpfe die Aufwertung des Euro von rund 7% gegenüber Vorjahr die Importpreise, sodass die Erzeugerpreise ohne Energie in den letzten sechs Monaten nicht angestiegen seien. Allerdings hätten sich mit der starken Konjunktur die Preiserwartungen der Verbraucher und der Unternehmen erholt. Die Arbeitskostenindikatoren würden eine gewisse Verbesserung zeigen, aber deutlich unter dem Niveau bleiben, das mit dem Inflationsziel der EZB übereinstimmen würde, was die nach wie vor hohen Arbeitslosenquoten in vielen europäischen Ländern widerspiegele: Pro Stunde seien die Arbeitskosten um lediglich 1,5% gegenüber Vorjahr gestiegen. Das führe bei einem Wachstum der Arbeitsproduktivität von nahezu 1% dazu, dass die Lohnstückkosten bisher nur wenig angestiegen seien. Das möge sich ändern, wie die jüngsten Tarifabschlüssen in Deutschland zeigen würden. Infolgedessen würden die Analysten damit rechnen, dass die Inflationsrate in der Währungsunion bis zum Jahresende auf 1,6% ansteige.
Für beunruhigend würden die Analysten die Preisentwicklungen weder in den USA noch im Euroraum halten. Bislang seien auch die Inflationsraten der Schwellenländer niedrig geblieben, wozu allgemein fallende Lebensmittelpreise und die Überschusskapazitäten bei den Rohstoffexporteuren beigetragen hätten. Die Analysten würden daraus schließen, dass die Gefahr die Inflationsziele der Zentralbanken überschießende Inflationsraten in den nächsten 18 Monaten vor allem im Euroraum gering sei. Stattdessen würden die Analysten eine Reflationierung hin zu den Inflationszielen der Zentralbanken erwarten. Die an den Anleihemärkten eingepreisten Inflationserwartungen würden dies angemessen reflektieren.
Gefahren für stärker steigende Inflationsraten seien von einer Eskalation der derzeitig strittigen Handelsfragen mit den USA und UK ausgegangen. Auch ein deutlich längerer Konjunkturaufschwung könnte zu sich global verstärkenden Inflationsentwicklungen führen. Die Zentralbanken würden dies genau beobachten. Vor allem die amerikanische Notenbank dürfte die kurzfristigen Zinsen bei Bedarf schneller straffen, während die Analysten bei der EZB und der SNB eine vorsichtigere Gangart erwarten würden. (Ausgabe vom 05.03.2018) (06.03.2018/alc/a/a)
© 1998 - 2026, anleihencheck.ariva-services.de