Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Laut den Experten von J.P. Morgan Asset Management zeigen sich die globale Wirtschaft und die Märkte aktuell deutlich komplexer als noch vor wenigen Monaten: Während einerseits die US-Notenbank mit dem "Normalisierungsprozess" beginnt und dem System etwas Liquidität entzieht, weiten andere Zentralbanken ihre quantitativen Maßnahmen noch aus.
Nicht zuletzt versuche die People's Bank of China die Auswirkungen der platzenden Spekulationsblasen auf dem Immobilien- und Aktienmarkt sowie Kapitalabflüsse auszugleichen. "Die deflatorischen Impulse des Rohstoffpreis-Kollapses und die Entwicklung in den Schwellenländern limitieren das Ausmaß künftiger Zinserhöhungen für die FED", unterstreiche Robert Michele, Chief Investment Officer für die Anleihenseite und Head of the Global Fixed Income, Currency & Commodities Group bei J.P. Morgan Asset Management. In seinem vierteljährlichen Marktausblick erläutere er, dass diese Entwicklung zu einer erhöhten Volatilität führe, was sich auch in den Kapitalmarktpreisen widerspiegeln werde.
Laut Michele wirke eine vorsichtige FED und das sich weltweit abschwächende Wachstum jedoch unterstützend auf die Zinsmärkte. "Wir erwarten trotz langsam steigender kurzfristiger Zinsen keinen Baisse-Markt für Anleihen. Gleichzeitig führen die Bedenken angesichts der Schwäche des Rohstoffsektors und Chinas zu einer Neubewertung der Risiken, insbesondere auf dem Markt für Hochzinsanleihen, wo sich die Spreads im Jahr 2015 deutlich ausweiteten."
Michele führe aus, dass derzeit verschiedene Herausforderungen existieren würden: einerseits die divergierende Stärke der globalen und der US-Volkswirtschaft sowie andererseits die Schwäche der Rohstoffmärkte und der Inflation bzw. deren Fehlen. So seien zentrale Fragen, die sein Team derzeit beschäftigen würden, ob die FED mit der Zinsanhebung einen geldpolitischen Fehler begangen habe und in welcher Phase des Konjunkturzyklus sich die Schwellenländer und die USA befinden würden.
Michele gestehe ein, dass die Auswirkungen der Konjunkturverlangsamung in China auf das weltweite Wachstum nicht zu unterschätzen seien: Während das Wachstum in den USA und Europa, deren gemeinsamer Anteil am globalen BIP 40 Prozent betrage, laut Vorhersagen leicht über dem Trend liegen werde, sei in den Schwellenländern, deren Anteil am globalen BIP ebenfalls bei 40 Prozent liege, eine Verlangsamung des Trends zu beobachten. Zusätzlich liege das Wachstum unterhalb des Trendniveaus. Anstelle einer Inflation würden sich bei Erdöl, Kupfer und vielen anderen Rohstoffen alarmierende Anzeichen einer Disinflation zeigen. Zwar gehe das Basisszenario, dem Michele eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit zugestehe, weiterhin von positivem globalen Wachstum und Inflation unterhalb der Trendniveaus aus. Daneben sehe er aber eine fünfprozentige Wahrscheinlichkeit für das Risikoszenario einer rasanten globalen Wachstumsabschwächung.
Und die Wahrscheinlichkeit einer moderaten Rezession sei ebenfalls von null auf fünf Prozent gestiegen. Als Gründe hierfür nenne er das erhöhte Risiko einer harten Landung Chinas, die anhaltend schwachen Rohstoffpreise und Anzeichen eines spätzyklischen Verhaltens. "Anders ausgedrückt: Mit der Zinsanhebung durch die FED vor dem Hintergrund eines nur schwachen weltweiten Konjunkturaufschwungs sinkt die Aussicht auf ein über dem Trendniveau liegendes Wachstum, während eine Rezession wahrscheinlicher wird", betone Michele.
"Unserer Meinung nach könnte es der FED schwer fallen, beim Leitzins die 1-Prozent-Marke zu erreichen. Zudem versorgen außerhalb der USA die europäischen und asiatischen Zentralbanken die globalen Märkte weiter mit reichlich Liquidität. Angesichts dessen entspricht die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen mit 2,25 Prozent einer fairen, um nicht zu sagen günstigen Bewertung", so Michele.
Eine weitere Frage sei, ob es zu einer harten Landung in China komme, die sich auf die globale Wirtschaft übertragen werde. Auch die anhaltende Schwäche im Rohstoffsektor könnte in bestimmten Schwellenländern zu Instabilität führen. Zudem würden die geopolitischen Risiken weltweit steigen, und es sei zu erwarten, dass sie das Konsumentenertrauen und den weltweiten Handel negativ beeinflussen würden. "Während sich die USA den makroökonomischen Daten zufolge noch in der Mitte ihres Konjunkturzyklus befinden, sehen wir erste Verhaltensweisen, die der späten Phase des Konjunkturzyklus entsprechen, nämlich steigende Verschuldung von Unternehmen und M&A-Strategien als Impulsgeber für das Ertragswachstum. Die Marktliquidität sorgt insbesondere in Verbindung mit einer Neuausrichtung von Portfolien und Erwartungen weiterhin für Gegenwind", erläutere Michele.
Michele erwarte trotz langsam steigender kurzfristiger Zinsen keinen Baisse-Markt für Anleihen. "Insbesondere auf dem Markt für Hochzinsanleihen, wo sich die Spreads im Jahr 2015 deutlich ausweiteten, bieten sich - außerhalb von Energie, Metalle und Bergbau - nicht nur attraktive Ertragschancen, sondern auch eine erhebliche Kompensation für die erhöhten Volatilitäts- und Ausfallrisiken", so Michele. In den USA seien Unternehmen aus dem Hochzinsmarktsegment zum größten Teil auf den Inlandsmarkt fokussiert, würden gesunde Bilanzen ausweisen und seien gut aufgestellt, um weiter vom Wachstum der Wirtschaft zu profitieren. Es gehe nun darum, jene Industrieunternehmen mit gesunden Finanzen ausfindig zu machen, die eine Konjunkturabkühlung aushalten würden und bestrebt seien, ihre solide Bilanzstruktur zu erhalten.
Auch die europäischen Märkte, die von den Liquiditätsspritzen der Zentralbanken, einem über dem Trend liegenden Wachstum und einer schwächeren Währung profitieren würden, stünden bei Michele im Kurs. Ganz oben auf seiner Liste stünden dabei europäische Hochzinsanleihen: "Europa befindet sich in einer jüngeren Phase des Kreditzyklusses. Bei einigen der qualitativ bereits höher eingestuften Anleihen dürften sich weitere Bonitätsverbesserungen ergeben und der Markt hat nur einen sehr geringfügigen Anteil an Energiewerten. Angesichts des negativen Leitzinssatzes und der verbesserten Anleihenbonität mögen die Renditen von europäischen Hochzinsanleihen bereits niedrig erscheinen, jedoch sind die Spreadniveaus mit denen von US-Hochzinsanleihen vergleichbar."
Anleihen von Ländern der europäischen Peripherie schätze Michele ebenfalls: "Nachdem viele der Länder schmerzhafte Strukturanpassungen hinter sich haben, breitet sich das Wirtschaftswachstum von den europäischen Kernländern in die Peripherie aus, und die Renditespreads könnten sich weiter verengen." Weiteren Rückenwind erwarte er nicht zuletzt, da die EZB ihre Wertpapierankäufe bis 2017 fortsetzen werde.
In diesem Umfeld bleibe es weiterhin extrem wichtig, breit diversifiziert, global und flexibel positioniert zu sein: Laut Michele ermögliche es vor allem ein benchmarkunabhängiges Konzept, unabhängig von Sektoren oder Regionen in die Bereiche mit dem attraktivsten risikoadjustierten Ertragspotenzial zu investieren. Einerseits biete solch ein flexibler Ansatz größeres Diversifizierungspotenzial, andererseits die Chance auf höhere Erträge und nicht zuletzt einen potenziellen Schutz gegenüber Abwärtsbewegungen. (11.02.2016/alc/a/a)
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