Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Zu Beginn der zweiten Jahreshälfte 2015 bewegt sich das globale Wachstum weiterhin im positiven Bereich, hat jedoch an Tempo verloren, so Andrew Wilson, CEO für EMEA und Co-Head des Global Fixed Income und Liquidity Management Teams bei Goldman Sachs Asset Management.
Der Deflationsdruck lasse nach, wobei in den USA und Großbritannien gerade eine Schließung der Produktionslücken beobachtet werden könne. Während die Zinswende in diesen beiden Ländern näher rücke, würden die Notenbanken in den anderen großen Volkswirtschaften ihre expansive Geldpolitik nach wie vor mit großem Elan verfolgen. An den Zinsmärkten nehme die Volatilität zu. Riskante Anlagen könnten allerdings vom aktuellen Makroumfeld immer noch weitgehend profitieren. Indes bereite die Wachstumsverlangsamung in China weiterhin Sorgen, während die Auswirkungen der Griechenland-Krise die Aussichten für die Eurozone trüben würden.
Die USA könnten abermals einen schwachen Jahresstart ausbügeln. Der Arbeitsmarkt habe das Wirtschaftswachstum in der gesamten ersten Jahreshälfte übertroffen, die Konjunkturflaute sei weitgehend überwunden und die Inflation auf dem Vormarsch. Auch die Einzelhandelsumsätze würden steigen. Während die Erholung am Immobilienmarkt zwar schleppend verlaufe, seien jedoch die Frühindikatoren angesichts eines deutlichen Plus bei den Baugenehmigungen ermutigend. Die US-Notenbank dürfte sich weiter vorsichtig auf ihre erste Leitzinserhöhung im September oder Dezember zubewegen, ohne dabei die divergierende globale Geldpolitik und die inländische Finanzlage aus dem Blick zu verlieren. Gewisse Abwärtsrisiken würden hingegen die schwache Verbrauchernachfrage und der starke US-Dollar bergen.
Der US-Zinsmarkt reagiere zunehmend auf positive Konjunkturindikatoren, da die FED ihre Datenabhängigkeit im Vorfeld der ersten Zinsanhebung betone. Die Experten würden Short-Positionen in US-Anleihen halten und aufgrund der Wachstumserholung in den USA für den Dollar positiv gestimmt bleiben. Für US-Unternehmensanleihen seien sie zuversichtlich, aber dennoch selektiv positioniert, da die Bewertungen fast auf einem fairen Niveau liegen würden.
Die breite Abschwächung der chinesischen Konjunkturindikatoren lasse an der Realisierbarkeit des Wachstumsziels von sieben Prozent zweifeln. Überkapazitäten, rückläufige Investitionen, eine schwache Inflation und der Abschwung am Immobilienmarkt würden enttäuschen. Doch die Prognose sei nicht ganz so düster. Die Experten würden mit einigen Entwicklungen rechnen, die die Verbrauchernachfrage stützen und so vor dem Hintergrund sinkender Investitionen zur Stärkung des Gesamtwachstums in China beitragen würden. Der Rückgang des Kreditwachstums sei jedoch mit einer starken Rally der mittlerweile überhitzten Aktienmärkte einhergegangen, da sich Börsengänge zu einer beliebten Finanzierungsalternative entwickelt hätten.
Der überraschende Aufschwung, den die Wirtschaft der Eurozone im ersten Halbjahr 2015 verzeichnet habe, kühle gerade ab. Die Experten würden mit einer gewissen Marktvolatilität rechnen, solange Griechenlands Zukunft in der Eurozone noch nicht endgültig entschieden sei. Die Europäische Zentralbank dürfte allerdings Maßnahmen ergreifen, um eine Ansteckung weiterer Märkte und der Gesamtwirtschaft in der Eurozone zu verhindern. In puncto Wachstum habe die anziehende Verbrauchernachfrage überrascht, die endlich durch verbesserte Beschäftigungsaussichten gestützt werde. Die deutliche Konjunkturerholung in Spanien und Italien habe zum diesjährigen Aufschwung beigetragen und dürfte auch weiter anhalten, sofern es nicht zu einem Schock komme. Allerdings verliere das Comeback der Eurozone an Glanz, da die deutsche Wirtschaft ein wenig an Fahrt einbüße.
Die Experten seien in europäischen Anleihen übergewichtet, auch gegenüber ihren US-Pendants im Rahmen ihrer Relative-Value-Strategie. Im Zuge der anhaltenden Wachstums- und Inflationsdivergenzen zwischen den beiden Volkswirtschaften würden die Experten davon ausgehen, dass die Renditen in Europa sinken und noch einige Zeit auf einem niedrigen Niveau verharren würden.
Japan befinde sich auf einem stetigen und steilen Wachstumskurs. Es gebe jedoch weiterhin große Herausforderungen, allen voran die enttäuschenden Fortschritte bei der Inflationszielsetzung. Die geldpolitischen Reaktionen darauf seien nicht eindeutig. Dabei würden die Aussichten für die japanischen Märkte maßgeblich davon abhängen, inwieweit die Bank of Japan ihr bereits massives Quantitative Easing-Programm aufstocken werde. Die Inflationsperspektiven seien zwar so gut wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr; die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflationsrate in absehbarer Zeit auch nur annähernd das Ziel von 2 Prozent erreiche, sei jedoch nach wie vor gering. In Bezug auf das Wachstum gibt es zwei Entwicklungen, die unsere optimistische Einschätzung der japanischen Wirtschaft stützen: der positive Trend in der Leistungsbilanz und die überzeugenden Hinweise auf Lohnwachstum, so die Experten von Goldman Sachs Asset Management.
Die Experten würden mit einer anhaltenden Volatilität bei japanischen Staatsanleihen rechnen, da der Markt hin und her gerissen sei zwischen dem beträchtlichen Angebot seitens des Finanzministeriums und den massiven Aufkäufen der Bank of Japan. Weil es jedoch weltweit kaum noch erstklassige, positiv rentierende Anleihen gebe, würden die Experten bei japanischen Zinspapieren moderate Long-Positionen halten. Im Yen seien sie dagegen aufgrund der Möglichkeit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik short eingestellt.
Der schwache Jahresauftakt der britischen Wirtschaft habe die Prognose der Experten für 2015 kaum beeinträchtigt. So würden sie nach wie vor davon ausgehen, dass das Land dank einer relativ hohen Binnennachfrage die Wachstumsraten in anderen größeren Industrieländern übertreffen werde, während gleichzeitig der Aufschwung in der Eurozone die Exporte stützen könnte. Ihre Inflationsprognose sei weniger pessimistisch, als es die jüngste Entwicklung der Verbraucherpreise eigentlich nahelegen würde. Die Inflationsrisiken würden ausgewogener, weil unter anderem der Effekt niedrigerer Energie- und Nahrungsmittelpreise nachlasse. Die Kombination aus anziehendem Wachstum und Lohndruck habe die Aussicht auf eine Straffung der britischen Geldpolitik wieder in den Vordergrund gerückt.
Da sich Großbritannien zuletzt besser entwickelt hat als das übrige Europa, sind die Experten von Goldman Sachs Asset Management in britischen Zinspapieren gegenüber der Eurozone jetzt untergewichtet. Für das Pfund Sterling sähen sie weiteres Aufwertungspotenzial, würden aber angesichts der beträchtlichen Rally nach den Wahlen auf attraktivere Einstiegsniveaus warten. (Ausgabe 3. Quartal 2015) (20.07.2015/alc/a/a)
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