Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die aktuellen Marktdaten zeigen einen deutlichen Anstieg kurzfristiger Inflationserwartungen im Euroraum, während langfristige Erwartungen weitgehend stabil bleiben, so Sam Vereecke, CIO Fixed Income bei DPAM.
Für Investoren ergebe sich daraus ein klares Bild: Der Markt preise derzeit vor allem temporäre Inflationsrisiken ein, nicht jedoch einen dauerhaften Regimewechsel. Entscheidend bleibe, ob aus kurzfristigen Preisschocks nachhaltige Zweitrundeneffekte entstünden, meine Vereecke.
Historisch seien die Inflationserwartungen im Euroraum lange niedrig gewesen und seien in Krisenphasen deutlich gesunken, da Wachstumssorgen und schwache Nachfrage dominiert hätten. Inflation sei lange eher ein Ziel als ein Risiko gewesen. Erst nach der COVID-Phase habe sich dieses Bild grundlegend geändert. Effekte durch die wirtschaftliche Wiedereröffnung, gestörte Lieferketten, fiskalische Impulse und schließlich der Energieschock infolge des Ukraine-Kriegs hätten zu einem deutlichen Anstieg der Inflationserwartungen geführt, vor allem am kurzen Ende der Inflationskurve.
Auch aktuell zeige sich dieses Muster. Kurzfristige Inflationserwartungen im Euroraum seien deutlich gestiegen, insbesondere im Ein- und Zweijahresbereich. Der Markt preise damit steigende Risiken für die nahe Zukunft ein, vor allem im Zusammenhang mit Energiepreisen und geopolitischen Unsicherheiten. Ereignisse im Nahen Osten würden diese Unsicherheit zusätzlich verstärken und sich zuerst auf die kurzfristigen Erwartungen auswirken.
Die besondere Aufmerksamkeit von Investoren gelte dem sogenannten 5y5y Forward-Inflationsswap, der die vom Markt erwartete durchschnittliche Inflation für den Fünfjahreszeitraum messe, der in fünf Jahren beginne. Er blende weitgehend kurzfristige Effekte wie Energiepreisschwankungen oder Basiseffekte aus und diene als wichtiger Indikator dafür, ob Inflationserwartungen langfristig verankert bleiben würden.
Die zentrale Frage sei nun, ob es sich um einen temporären Preisschock handle oder ob sich daraus breitere Zweitrundeneffekte entwickeln würden. Steigende Kosten für Energie und andere Vorleistungen würden dann auf Löhne, Dienstleistungen und das allgemeine Preisverhalten übergreifen und die Inflation längerfristig hochhalten, selbst wenn der ursprüngliche Schock abklinge.
Für Zentralbanken ergebe sich daraus ein Balanceakt: Einerseits müssten sie verhindern, dass sich temporäre Preissteigerungen verfestigten. Andererseits bestehe das Risiko, durch zu aggressive Maßnahmen das Wachstum zusätzlich zu belasten, da solche Schocks gleichzeitig die reale Kaufkraft schwächen würden.
Solange die langfristigen Inflationserwartungen jedoch stabil bleiben würden, spreche aus Marktsicht derzeit mehr für Wachsamkeit als für eine mechanische Verschärfung der Geldpolitik. (10.04.2026/alc/a/a)
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