Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) befindet sich in einer zunehmend unangenehmen Situation, so Nicolas Forest, Chief Investment Officer bei Candriam.
Eskalierende Spannungen im Nahen Osten sowie Störungen der Energieversorgung würden erneut den Inflationsausblick im Euroraum trüben. Nach mehreren Sitzungen, die von einem klaren disinflationären Trend geprägt gewesen seien, würden der jüngste Anstieg der Ölpreise und anhaltende geopolitische Risiken nun konkrete Aufwärtsrisiken für die Inflation darstellen. Diese dürften sich nicht nur direkt über höhere Energiekosten bemerkbar machen, sondern sich auch über Zweitrundeneffekte auf Löhne und Dienstleistungen auswirken. Gleichzeitig bleibe das Wachstum in der Eurozone verhalten, wodurch die Wirtschaft anfällig für weitere Schocks sei.
Vor diesem Hintergrund habe die EZB ihre Inflationsprognose für dieses Jahr auf 2,6% angehoben. Zuvor habe sie bei 1,9% gelegen. Nun erwarte sie, dass die Inflation bis 2028 über 2% bleiben werde. Gleichzeitig sei die Wachstumsprognose für dieses Jahr von 1,2% auf 0,9% gesenkt worden.
Vor diesem Hintergrund dürfte die Reaktionsfunktion der EZB stark datenabhängig bleiben - ohne explizite Forward Guidance in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Allerdings zeichne sich eine wachsende Asymmetrie ab: Die Hürde für Zinssenkungen steige, während die Schwelle für erneute Straffungen - wenngleich weiterhin hoch - nicht mehr vollständig zu vernachlässigen sei. Diese Verschiebung werde auch durch die Bank of England unterstrichen. Sie habe signalisiert, bei einem inflationsbedingten Aufwärtsdruck infolge des Nahostkonflikts erneut die Zinsen anheben zu können.
Diese Einschätzung werde zudem durch Meinungsunterschiede innerhalb des EZB-Rats sowie durch den bevorstehenden Führungswechsel beeinflusst. Die Märkte würden derzeit etwas mehr als zwei Zinserhöhungen bis zum Jahresende einpreisen. Dies spiegele sich entsprechend in steigenden deutschen Renditen wider. Entscheidend werde jedoch sein, wie tolerant der zukünftige EZB-Rat gegenüber Abweichungen vom Inflationsziel sei, wie er Zweitrundeneffekte einschätze und in welchem Umfang er bereit sei, die geldpolitischen Instrumente einzusetzen.
Ohne einen anhaltenden Anstieg der Ölpreise auf über 100 US-Dollar pro Barrel und eine länger andauernde Blockade der Straße von Hormus dürfte die EZB bis zum Jahresende abwarten. In diesem Umfeld könnte eine Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von nahe 3% die relative Attraktivität von Anlagen mit längerer Duration erhöhen. (Ausgabe vom 19.03.2026) (20.03.2026/alc/a/a)
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