London (www.anleihencheck.de) - In der Türkei liegt die Inflation immer noch bei über 36%, so Polina Kurdyavko, Senior Portfolio Manager & Head of Emerging Markets und Timothy Ash, Senior Emerging Markets Sovereign Strategist, bei RBC BlueBay Asset Management.
Eigentlich hätten Investoren erwartet, dass die Türkische Zentralbank (CBRT) die Leitzinsen bei ihrer nächsten Sitzung am 12. März weiter senken würde. Doch der neue Golfkrieg dürfte die Geldpolitiker am kommenden Donnerstag dazu bewegen, die Leitzinsen vorerst unverändert zu lassen.
Wenn im Nahen Osten etwas passiere, sei die Türkei gleich mehrfach verwundbar. Das Land importiere jährlich Energie im Volumen von rund 50 Milliarden US-Dollar. Zum Teil würden diese Importe direkt aus dem Iran stammen, so dass es zu direkten Störungen der Versorgung kommen könne.
Daneben würden sich höhere Öl- und Energiepreise auch auf das ohnehin schon ausgeprägte Leistungsbilanzdefizit auswirken, das unabhängig von den Entwicklungen am Golf in diesem Jahr bereits 30 Milliarden US-Dollar betragen dürfte. Als Faustregel gelte, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar pro Barrel das türkische Leistungsbilanzdefizit um 3 Milliarden US-Dollar erhöhe.
Für die CBRT gebe es aktuell noch ein weiteres Problem: Der Golfkrieg untergrabe die allgemeine Stimmung und veranlasse institutionelle Anleger dazu, sich aus Anleihe- und Aktienpositionen zurückzuziehen. Gleichzeitig nehme die "Dollarisierung" der türkischen Bevölkerung zu. Das wiederum setze die heimische Währung unter Druck und baue Hürden für die Politik der Notenbank auf, die Lira als reale Hartwährung und Anker des Inflationsabbaus zu etablieren.
All diese Schwierigkeiten habe die CBRT letzte Woche durch den Verkauf von Devisenreserven in Höhe von über 10 Milliarden Dollar aufgefangen. Zuletzt habe deren Volumen mit rund 190 Mrd. US-Dollar zwar nahe ihrem Rekordhoch gelegen, doch sie seien nicht unbegrenzt. Die Verwendung der Devisen für geldpolitische Interventionen könne sich zudem als Bumerang erweisen, wenn Anleger dadurch verunsichert würden. Der Verkaufsdruck auf die Türkische Lira würde dann nur weiter steigen.
Möglich, dass die CBRT letztlich mit einer Anhebung der Leitzinsen reagieren müsse. Bei der Regierung Erdogan, die weiterhin auf vorgezogene Neuwahlen im Jahr 2027 setze und einen wirtschaftlichen Aufschwung benötige, um die Meinungsumfragen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, dürfte eine solche Maßnahme jedoch auf Ablehnung stoßen.
Die Erfahrungen der Türkei seien eine Warnung für andere Schwellenländer: Eine orthodoxe Geldpolitik könne zwar die Währung stabilisieren und den Finanzsektor stärken, aber sie könne weder umfassende Wirtschaftsreformen ersetzen noch strukturelle Wettbewerbsprobleme lösen. (09.03.2026/alc/a/a)
© 1998 - 2026, anleihencheck.ariva-services.de