New York (www.anleihencheck.de) - Der europäische Anleihemarkt ist in eine Phase eingetreten, die sich grundlegend von der der letzten zehn Jahre unterscheidet, so Patrick Barbe, Portfoliomanager und Leiter European Fixed Income bei Neuberger Berman.
Diese Veränderung sei in erster Linie auf eine deutliche Veränderung der Zinsstrukturkurve zurückzuführen. Im Euroraum lägen die kurzfristigen Zinsen derzeit bei etwa 2%, während die Renditen 10-jähriger französischer OATs bei etwa 3,5% und die 30-jähriger OATs bei fast 4,4% lägen. Diese steile Zinsstrukturkurve biete wieder eine klare Kompensation für das Zeit- und Durationsrisiko, das in den letzten zehn Jahren weitgehend verschwunden sei.
Die Frage, die sich Anleger natürlich stellen würden, sei, ob es nach der starken Rally an den Kreditmärkten noch sinnvoll sei, Anleihen zu kaufen. Die Antwort der Experten von Neuberger Berman sei differenziert: Ja, dank der Form der Zinsstrukturkurve sei der Carry wieder attraktiv geworden. Aber auch Nein, da die Performance nicht mehr automatisch durch eine Verengung der Spreads erzielt werde. Die Spreads für Investment-Grade-Anleihen befänden sich derzeit auf dem niedrigsten Stand seit fast zehn Jahren, was darauf hindeute, dass der Markt aktuell nur eine begrenzte Kompensation für das durchschnittliche Kreditrisiko biete. In diesem Umfeld hänge die Wertschöpfung in erster Linie von Entscheidungen zur Länder- und Sektorallokation sowie von der Auswahl der Emittenten ab und weniger vom breiten Marktengagement.
Aus makroökonomischer Sicht befinde sich der Euroraum in einer Phase mit geringem Wachstum, aber relativer Stabilität. Während der Konjunkturzyklus selbst kaum Bewegung zeige, habe sich der Marktzyklus deutlich verschoben. Nach einer Phase der Zinserhöhungen, gefolgt von einer geldpolitischen Lockerung, die mit einer starken Outperformance von Risikoanlagen wie Aktien einherging, treten wir nun in eine dritte Phase ein, in der die Renditen attraktiv bleiben, das Potenzial für Kapitalgewinne jedoch begrenzter geworden ist, so die Experten von Neuberger Berman. Die Inflation nähere sich dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB): Sie liege bei rund 2% im Euroraum und bei 0,8% in Frankreich. Jüngste Daten würden auch einen starken Rückgang der Güterpreise zeigen, insbesondere in Deutschland, wo die Güterinflation im Jahresvergleich unter 1% gefallen sei. Vor diesem Hintergrund sähen die Experten von Neuberger Berman keinen Grund für eine Zinserhöhung durch die EZB und nähmen an, dass sie stattdessen zu einer Zinssenkung gezwungen sein könnte, sollte die Nachfrage enttäuschen oder der Euro übermäßig aufwerten und damit die Exporte belasten.
Die Debatte um einen vermeintlichen "Höhepunkt der Staatsfinanzierung" im Jahr 2026 scheine übertrieben. Das Bruttoemissionsvolumen sei zwar tatsächlich hoch, ein erheblicher Teil davon entfalle jedoch auf die Refinanzierung von während der Covid-Pandemie begebenen Anleihen, insbesondere von Fünfjahresanleihen nordeuropäischer Länder. Deutschland beispielsweise rechne mit einem Haushaltsdefizit von rund 3,7% des BIP, aber die jüngsten Erfahrungen würden eine Tendenz zu geringeren Ausgaben als angekündigt zeigen: Im vergangenen Jahr habe das tatsächliche Defizit bei rund 2,4% gelegen, während ursprünglich fast 3% erwartet worden seien. Gemessen an den verfügbaren Ersparnissen im Euroraum, die deutlich über dem Finanzierungsbedarf lägen, seien diese Emissionsvolumina für den Markt weiterhin absorbierbar. Die eigentliche Herausforderung sei eher technischer Natur: Die Konzentration der Emissionen zu Beginn des Jahres, insbesondere bei längeren Laufzeiten, könnte vorübergehend einen Aufwärtsdruck auf die Anleiherenditen ausüben.
In diesem Umfeld würden die Experten von Neuberger Berman den Markt für auf Euro lautende Anleihen als deutlich ausgereifter und diversifizierter als in der Vergangenheit betrachten. Er sei nicht mehr auf Emittenten aus dem Kernbereich des Euroraums beschränkt. Fast 40% der auf dem Euro-Markt aktiven Emittenten kämen mittlerweile aus Ländern außerhalb des Euroraums, darunter Staaten, quasi-staatliche Emittenten und Unternehmen. Diese Emittenten würden oft eine zusätzliche Renditeprämie von bis zu 20 bis 30 Basispunkten für gleichwertige Bonitätsratings bieten, da sie den europäischen Anlegern weniger bekannt seien. Diese Entwicklung ermögliche es, diversifiziertere Portfolios mit höheren Renditen aufzubauen, ohne dass dies wesentliche Auswirkungen habe.
Die Experten von Neuberger Berman seien der Ansicht, dass diese Marktphase besonders gut für ein aktives Management geeignet sei. Bei einer durchschnittlichen Rendite des Euro-Gesamtmarktes von rund 3% könnten eine sorgfältige Allokation und Wertpapierauswahl potenziell Renditen von fast 3,7% erzielen, wobei die Duration und die Bonität denen des Referenzindex sehr ähnlich seien. In einem Umfeld, in dem die Spreads eng seien, die Liquidität volatiler werden könne und sich die makroökonomischen Szenarien rasch wandeln würden, werde die Fähigkeit zur aktiven Allokation über Länder, Sektoren, Laufzeiten und Emittententypen hinweg zu einem wichtigen Performancefaktor.
Die Experten von Neuberger Berman seien sich sicher: Der europäische Anleihemarkt sei wieder berechenbar, attraktiv und weniger riskant als internationale Alternativen geworden. Doch sei er auch weitaus anspruchsvoller, da er Selektivität, Flexibilität und Fundamentalanalysen deutlich stärker belohne als passive oder stark eingeschränkte Ansätze. (02.02.2026/alc/a/a)
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