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28.01.26 10:37
Kolumbien lebt über seine Verhältnisse - Zentralbank unter Druck

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Kolumbiens Wirtschaft erscheint auf den ersten Blick stabil: Eine harte Landung wurde vermieden, der Peso ist gestärkt und der Konsum bleibt robust. Hinter diesen Eckdaten sieht es teilweise düster aus, meint Michaël Vander Elst, Head of Emerging Markets bei DPAM.

Die Staatsfinanzen würden sich verschlechtern, die Sicherheitslage in weiten Teilen des Landes ebenfalls, und die politische Fragmentierung erschwere Entscheidungen. Die bevorstehenden Wahlen würden vorgeben, wie diese Spannungen bewältigt werden könnten.

Kolumbien habe ein Gesamtdefizit von über 6 % des BIP. Die Staatsverschuldung liege dank günstiger Wechselkursentwicklungen niedriger als befürchtet worden sei. Die Primärausgaben würden die eigenen Fiskalregeln überschreiten, eine Anpassung würde erhebliches Wachstum kosten. Das Hauptproblem bestehe darin, dass die meisten Staatsausgaben festgelegt seien und sich nicht ohne Weiteres ändern lassen würden. Solange das Parlament keine Gesetze ändere, sei nur ein kleiner Teil des Haushalts anpassbar.

Die staatlichen Investitionen schienen hoch genug, um das langfristige Wachstum zu stützen. Aber nur etwa ein Drittel davon fließe in echte Investitionen wie Schulen oder Infrastruktur. Der Rest bestehe aus Bargeldzuwendungen und Subventionen, die keine dauerhaften Vermögenswerte schaffen würden und politisch schwer zu reduzieren seien.

Die Einnahmen würden ebenfalls enttäuschen. Die Steuereinnahmen lägen um etwa 0,5 % des BIP unter den Erwartungen, was die Haushaltskonsolidierung zusätzlich erschwere. Der Staat habe unbezahlte Verbindlichkeiten angehäuft und nur wenig Spielraum für Defizitkürzungen, da ein Großteil der Ausgaben bereits vor neuen politischen Entscheidungen feststehe. Einmalige Maßnahmen hätten den Schuldenstand und die Zinszahlungen leicht gesenkt. Die Transparenz habe abgenommen; selbst inländische Finanzinstitutionen würden nur begrenzt informiert. Das ungesicherte Fremdwährungsrisiko erhöhe die Anfälligkeit.

Barmittel würden knapper. Verfügbare Liquidität werde schnell ausgegeben. Die Pensionsfonds würden von wiederholten Anfragen des Finanzministeriums nach zusätzlichen Mitteln berichten. Ein finanzpolitischer Vorstoß hin zu einem größeren öffentlichen Rentenpfeiler würde es dem Staat ermöglichen, einen Teil der obligatorischen Ersparnisse zur Deckung seiner Finanzierungslücken zu verwenden.

Das gesamtwirtschaftliche Bild sei gemischt. Das Wachstum habe bei über 10 % höheren Staatsausgaben und einem soliden Konsum leicht positiv überrascht. Die Wachstumsprognose für das nächste Jahr laute auf fast 3,4 %. Allerdings nehme die Qualität des Wachstums ab. Die Investitionen würden kaum wachsen und die Exporte würden stagnieren, obwohl die Rohstoffpreise eine gewisse Entlastung gebracht hätten. Das Leistungsbilanzdefizit liege bei 2,5 % des BIP.

Hohe Lohnerhöhungen würden es für Unternehmen attraktiver machen, informell und außerhalb des Rechtssystems zu beschäftigen. Die Regierung habe kürzlich eine Erhöhung des Mindestlohns um rund 23 % für 2026 beschlossen. Dieser Sprung, einer der größten seit Jahrzehnten, verstärke den Kostendruck auf die Arbeitgeber und könnte die formelle Beschäftigung schwächen und zu Inflation und finanzpolitischem Druck führen.

Die Kolumbianische Zentralbank halte an einem restriktiven Leitzins fest. Einige Notenbanker sähen jedoch Spielraum für eine Lockerung im ersten Halbjahr 2026. Andere würden die Straffung für gerechtfertigt halten. Die Märkte hätten aggressive Zinserhöhungen in den kommenden Monaten eingepreist. Nur wenige Entscheidungsträger würden das für realistisch halten.

Die Glaubwürdigkeit habe gelitten. Schrittweise Maßnahmen hätten die Erwartungen nicht stabilisiert, entschlossene Maßnahmen würden als politisch motiviert angesehen werden. Das wahrscheinliche Ergebnis seien vorsichtige Leitlinien ohne mutige Schritte, auch wenn die Inflationsdynamik etwas anderes fordere.

Die Aufwertung des Pesos um rund 15 % spiegele eher die globale Schwäche des Dollars als das Vertrauen im Inland wider. Die Schwankungen würden hoch bleiben, und eine Diskrepanz zwischen den Markterwartungen und der Politik könnte die jüngste Stärke schnell zunichtemachen.

Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund würden im März Kongresswahlen und Vorwahlen der Parteien sowie im Mai Präsidentschaftswahlen stattfinden. Die linken Kandidaten Cepeda und Barreras stünden für die Fortsetzung der Agenda von Präsident Gustavo Petro. Beide würden nach erweiterten Sozialausgaben, schnellerem Lohnwachstum, Renten- und Gesundheitsreformen sowie nach einer starken Rolle des Staates in der Wirtschaft streben. Diese Politik finde weiterhin Anklang bei den Wählern, die unter der aktuellen Regierung spürbare Einkommenszuwächse und ein größeres Gefühl der Inklusion erfahren hätten.

Die Mitte dürfte sich um Sergio Fajardo konsolidieren, einen ehemaligen Wissenschaftler und Gouverneur. Sein Programm dürfte auf die Wiederherstellung der Sicherheit, den Wiederaufbau von Institutionen und die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor abzielen, begleitet von einer schrittweisen Haushaltskonsolidierung.

Auf der zersplitterten Rechten habe sich Abelardo de la Espriella profiliert, mit harter Linie und einer auf Recht und Ordnung ausgerichteten Botschaft, die im Laufe des Wahlkampfs an Bedeutung gewinnen dürfte.

Viele Wähler seien unentschlossen; entsprechend vorsichtig seien Umfragen zu interpretieren. Nach den Koalitionsverhandlungen und den Kongresswahlen werde sich die Lage klären. Fest stehe: Die Regierungsfähigkeit werde eingeschränkt sein. Die derzeitigen Zustimmungswerte würden nicht ausreichen, um schwierige Reformen durchzusetzen.

Konsum und öffentliche Ausgaben könnten das Wachstum vorübergehend stützen, aber sie könnten Investitionen, Glaubwürdigkeit und Haushaltsdisziplin nicht ersetzen. Die nächste Regierung werde einen begrenzten finanzpolitischen Spielraum, erhöhte Inflationserwartungen und eine skeptisch beäugte Zentralbank vorfinden. Die Anpassung werde langsamer und schmerzhafter verlaufen, als die politische Debatte vermuten lasse. Das kommende Jahr werde zeigen, ob Kolumbiens Institutionen wieder Disziplin durchsetzen könnten, bevor die Märkte das täten. Das Land bleibe investierbar, aber nur in geringem Maße. (Ausgabe vom 27.01.2026) (28.01.2026/alc/a/a)


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