Zürich (www.anleihencheck.de) - Schwellenländer stehen laut Thomas Fischli Rutz, Head Emerging Markets bei Fisch Asset Management, am Beginn einer neuen Ära.
Anhaltend hohe Nachfrage nach Anleihen im Anlagesegment, starke Fundamentaldaten und ein schwacher US-Dollar sorgten für Chancen. Aber Selektion und Timing blieben zentral.
2025 sei ein starkes Jahr für Emerging-Markets-Unternehmensanleihen gewesen. Und auch 2026 dürfte nicht schlechter werden – im Gegenteil. Denn die Entwicklung sei Teil eines globalen Trends: das Ende des "US Exzeptionalismus". Schwellenländer-Emittenten gehörten zu den Gewinnern und zeigten sich resilient. Die jüngste Aktion der US-Regierung in Venezuela habe zwar die geopolitischen Risiken in Lateinamerika erhöht, eine regionale Ansteckung erscheine jedoch unwahrscheinlich. Unterstrichen werde die insgesamt positive Entwicklung durch die Prognose des Internationalen Währungsfonds. Dieser erwarte für Schwellenländer im kommenden Jahr erneut ein robustes Wachstum von 4 Prozent – mehr als doppelt so viel wie in den Industrieländern, für die 1,6 Prozent prognostiziert seien. Da Emerging Markets inzwischen 60 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmachen würden, und dieser Anteil weiter steigen werde, sollten sie in keinem diversifizierten Portfolio fehlen.
Gestärkt würden viele Schwellenländer zudem vom Technologiewettbewerb zwischen China und den USA. Sie würden von der Nachfrage nach Rohstoffen und Technologieexporten profitieren. Gleichzeitig würden sie technologische Kompetenzen ausbauen. Auch die hohen Preise für Rohstoffe würden sich als Wachstumsmotor erweisen. Gold dürfte 2026 weiter stark nachgefragt werden, Basismetalle wie Kupfer und Aluminium würden von KI-Investitionen und Elektrofahrzeugen profitieren. Der Ölpreis dürfte durch die Aussicht auf mögliche zusätzliche Produktion aus Venezuela auf tieferen Niveaus verharren, jedoch durch höhere Nachfrage und politische Interessen, vor allem im Nahen Osten, teilweise ausgeglichen werden.
Nicht zuletzt bekämen Schwellenländer Rückenwind durch einen schwachen US-Dollar. Er dämpfe die Inflation und ermögliche Zentralbanken Zinssenkungen. Daher dürfte der globale Zinssenkungszyklus auch 2026 anhalten – einschließlich weiterer Schritte der Federal Reserve.
Institutionelle Anleger aus Asien und den Golfstaaten würden US-Dollar-Anleihen weiterhin stark nachfragen. Dabei verlagere sich die Nachfrage zunehmend auf Emittenten außerhalb der USA. Auch aus dem Retail-Bereich seien die Zuflüsse seit dem "Liberation Day" von US-Präsident Donald Trump positiv. Eine weitere Abwertung des US-Dollars werde diesen Trend voraussichtlich unterstützen. Angebotsseitig sei erneut mit einem rückläufigen Nettoemissionsvolumen zu rechnen – zum fünften Jahr in Folge. Ein Grund dafür seien günstige Liquiditätsbedingungen in lokalen Märkten, die Emittenten eine Alternative zum US-Dollar-Anleihemarkt böten.
Unternehmen aus Schwellenländern würden weiterhin von soliden Fundamentaldaten gestützt, bedingt durch wachsende Umsätze und Gewinne. Die Nettoverschuldung sei niedriger als bei US-Wettbewerbern. Auch die Kreditkennzahlen seien besser. Entsprechend positiv würden sich die Ratings entwickeln. Zum ersten Mal seit 2019 gebe es mehr "Rising Stars" mit verbessertem Rating als "Fallen Angels", deren Rating sich verschlechtert habe. Diese Ratings würden sich auch auf die Bewertungen auswirken, die in vielen Regionen und Sektoren derzeit historisch eng seien. Die Credit Spreads chinesischer US-Dollar-Staatsanleihen würden sogar negativ gegenüber US-Treasuries handeln. Thomas Fischli Rutz erwarte, dass Länder wie Südkorea, Hongkong und Katar diesem Beispiel folgten und US-Pendants outperformen würden.
In Peru und Chile dürften sich hohe Edel- und Basismetallpreise positiv auswirken. Für Mexiko erwarte Thomas Fischli Rutz ein beschleunigtes Wachstum – angetrieben durch eine erholte Industrieproduktion in den USA und weltweit. Zudem werde das USMCA-Abkommen neu verhandelt, an dessen weitgehender Fortsetzung beide Seiten interessiert sein dürften. In Brasilien gehe Thomas Fischli Rutz aufgrund der anhaltend hohen Zinsen von einem verlangsamten Wachstum aus. Die dort anstehenden Wahlen könnten jedoch zu einer expansiveren Fiskalpolitik und damit einem höheren Wachstum führen.
Neben Brasilien stünden auch in Peru und Kolumbien Präsidentschaftswahlen an. Zwar könnten die Wahlen zu Volatilität in den jeweiligen Märkten führen, aber insgesamt erwarte Thomas Fischli Rutz marktfreundliche Entwicklungen in der Region. Mit der Einflussnahme der US-Regierung in Venezuela würden sich die geopolitischen Risiken in der Region zwar erhöhen, Thomas Fischli Rutz gehe allerdings nicht von einer Ausweitung militärischer Interventionen in andere Länder aus. In Bezug auf die anstehenden Wahlen bestehe die Möglichkeit, dass die US-Regierung vor allem in Kolumbien und Brasilien indirekten, sogenannten "soften", Einfluss nehme, um dort die linken Präsidenten abzusetzen. Erhöhte Sicherheitsbedenken der Bevölkerung, insbesondere durch einen Anstieg an Immigranten aus Venezuela, könnten zudem rechtsgerichtete Positionen fördern – wie zuletzt in Chile beobachtet. Insgesamt wäre eine mögliche politische Bewegung Richtung Mitte oder Mitte-Rechts in der Region aus Marktsicht jedoch positiv zu bewerten. Bei einer wirtschaftlichen Öffnung könnten andere lateinamerikanische Länder langfristig von Exporten nach Venezuela profitieren. Die vielfältigen Entwicklungen böten dabei auch gute Chancen für aktives Management.
In Mittel- und Osteuropa, im Nahen Osten und in Afrika (CEEMEA) böten sich heterogene Diversifizierungsmöglichkeiten. Osteuropa dürfte vom Aufschwung in Deutschland und hohen Subventionen aus dem europäischen SAFE-Fonds profitieren. In Erwartung attraktiver Euro-Emissionen bleibe Thomas Fischli Rutz übergewichtet. Im Nahen Osten – insbesondere in den Golfstaaten – zeige sich eine dynamische Diversifizierung der Wirtschaftssektoren. Ebenso in Zentralasien, wo Regierungen Wirtschaftsreformen vorantrieben. In der Türkei dürfte das politische Risiko zu Volatilität führen, weshalb Thomas Fischli Rutz untergewichtet bleibe. Seine Präferenz liege dort bei Unternehmen aus defensiven Sektoren, die bereits lange am Kapitalmarkt aktiv seien.
China sei als Sieger aus dem Handelskrieg mit den USA hervorgegangen. Nach einem Abkommen im November lägen die Zölle wieder auf dem Niveau vor der Eskalation. Im Inland müsse China jedoch strukturelle Herausforderungen angehen. In einem deflationären Umfeld müsse verhindert werden, dass defizitäre Unternehmen zum Angebotsüberhang beitrügen. Mit einem Reformprogramm sollten Überkapazitäten abgebaut werden. Auf der Nachfrageseite liege der Fokus auf einem qualitativ hochwertigen Wachstum – wie Pilotprogramme zu Kinder- und Altenbetreuung zeigen würden.
Die Credit Spreads für China seien historisch eng, sodass Thomas Fischli Rutz China als defensive Long-Position im Investment-Grade-Bereich sehe. Dank der negativen Risikoprämie für chinesische Staatsanleihen in US-Dollar seien diese Spreads auch für Unternehmensanleihen verankert. Im Hochzinssegment bleibe Thomas Fischli Rutz in China untergewichtet. Insbesondere kleinere Unternehmen würden oft eine schwache Corporate Governance und entsprechend geringe Transparenz zeigen.
Außerhalb Chinas gebe es in Asien zwei Kategorien von Volkswirtschaften: exportorientierte Länder wie Südkorea, Taiwan, Singapur und Thailand sowie starke Binnenwirtschaften wie Indien, Indonesien und die Philippinen.
Die exportorientierten Staaten würden trotz Zöllen weiterhin von hohen KI-Investitionen in den USA, im Nahen Osten und in Asien selbst profitieren. Die starken Binnenwirtschaften würden ein anhaltend hohes Wachstum erwarten lassen. Insgesamt sehe Thomas Fischli Rutz für die Region eine positive Wachstumsdynamik, aber auch teure Bewertungen – weshalb er sich selektiv positioniere.
Bei der Rendite laufe die Situation in den Emerging Markets nach Ansicht von Thomas Fischli Rutz auf mittlere einstellige Werte hinaus – mit Chancen auf eine bessere Entwicklung bei einem schnelleren und weitreichenderen Zinssenkungszyklus in den USA. Nominalrendite und Carry würden stabil bleiben. Kapitalgewinne müssten durch Selektion und idiosynkratische Situationen erzielt werden. Dank der Heterogenität von Sektoren und Teilregionen böten Emerging-Markets-Unternehmensanleihen stets Möglichkeiten zur Alpha-Generierung. (12.01.2026/alc/a/a)
© 1998 - 2026, anleihencheck.ariva-services.de