London (www.anleihencheck.de) - Die indische Wirtschaft setzt ihren rasanten Wachstumskurs fort, angetrieben durch eine starke Binnennachfrage, Steuersenkungen, eine unterstützende Geldpolitik und Impulse durch Reformen, so die Experten von Jupiter Asset Management.
Die neuesten vierteljährlichen Regierungszahlen1 würden Indiens Position als wachstumsstärkste große Volkswirtschaft des letzten Jahrzehnts untermauern. Mit einer Wachstumsrate von 8,2% sei die indische Wirtschaft in den drei Monaten bis Ende September schneller gewachsen als in jedem der fünf vorhergehenden Quartale. Viele hätten sich überrascht gezeigt von der starken Wachstumsdynamik, die die Schätzungen der meisten Analysten und Ökonomen übertroffen habe.
Für aufmerksame Beobachter der Gewinne und Profitabilität der Unternehmen sei dies jedoch keine Überraschung gewesen. Bei der Bewertung der Gewinnentwicklung im Jahresvergleich zeige sich der positive Effekt der ungewöhnlich niedrigen Inflation: So erscheine das nominale Gewinnwachstum von rund 10% bei Large Caps (bereinigt um Ausreißer) unterdurchschnittlich - real ergebe sich jedoch ein gutes Bild, da die Inflation rund fünf Prozentpunkte unter dem üblichen Niveau liege.
Nach der Veröffentlichung der BIP-Daten habe die Reserve Bank of India (RBI) ihren Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Entgegen den Prognosen, dass das rasante Wachstum und die schwächere Indische Rupie weitere Lockerungsschritte verhindern könnten, habe die indische Notenbank zudem signalisiert, dass sie Spielraum für weitere Zinssenkungen sehe. Möglich sei dies vor allem gewesen, weil die Preise in Indien aktuell fast gar nicht stiegen - während viele Industrieländer Schwierigkeiten hätten, die Inflation unter der 2-Prozent-Marke zu halten.
Insgesamt habe die RBI die Zinsen im Jahr 2025 um 125 Basispunkte gesenkt. Dies sei die aggressivste Lockerung seit 2019 gewesen, unterstützt durch eine Inflation, die nun deutlich unterhalb des Zielkorridors der Zentralbank von 2% bis 6% liege.
Im "Sweet Spot"
Die Wirtschaft befinde sich in einem "Sweet Spot" - einer günstigen Ausgangssituation, in der viel für eine Fortsetzung der starken Wachstumsdynamik spreche.
Premier Narendra Modi, der das Land seit 2014 regiere, wolle Indien bis 2047 zu einer hochentwickelten Wirtschaft mit hohem Einkommen machen. In einem Anfang 2025 veröffentlichten Bericht der Weltbank heiße es, dass Indiens Wirtschaft in den nächsten 22 Jahren um durchschnittlich 7,8% pro Jahr wachsen müsse, um diesen Status zu erreichen. Der Erdrutschsieg, den Modi mit seiner Partei und Regierungskoalition bei den jüngsten Wahlen im Bundesstaat Bihar eingefahren habe, sei ein wichtiger Prestigeerfolg für den Premier und seine Reformagenda gewesen, auch wenn das Wahlergebnis keinen direkten Einfluss auf die Arbeit der Bundesregierung habe.
Einige steuerliche Maßnahmen würden ebenfalls wachstumsfördernd wirken. Im Februar 2025 habe Indien die Einkommensteuer für bestimmte Personengruppen gesenkt, um den Konsum anzukurbeln, und anschließend die Goods and Services Tax (GST) vereinfacht - eine Umsatzsteuer, die auf die meisten in Indien verbrauchten Waren und Dienstleistungen erhoben werde. Beides habe die Verbraucherausgaben gestützt. Im Zuge der Umstrukturierung der Umsatzsteuersätze gelte für die meisten Waren jetzt ein Steuersatz von 5% oder 18%. Zuvor habe es vier Steuersätze gegeben: 5%, 12%, 18% und 28%. Die Vereinfachung der GST habe bereits deutliche Auswirkungen auf den Konsum, die insbesondere die Automobilindustrie zu spüren bekomme. Tatsächlich habe die Einführung der GST während Modis erster Amtszeit den jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten ein Ende bereitet und zu höheren Steuereinnahmen geführt.
Wirtschaftsfreundliche Reformen
Die jüngst umgesetzten weitreichenden Änderungen im indischen Arbeitsrecht könnten das Wachstum weiter stärken. Zu den Reformen würden die Anhebung der Schwelle für die staatliche Genehmigungspflicht bei Einstellungen und Entlassungen von Arbeitnehmern sowie bei der Verlegung oder Schließung von Unternehmenseinheiten gehören. Dieser Schwellenwert sei von 100 auf 300 Beschäftigte angehoben worden. Die Aufhebung der zeitlichen und örtlichen Arbeitsbeschränkungen für Frauen könnte zu einer höheren Erwerbstätigenquote von Frauen führen, die derzeit deutlich unter dem globalen Durchschnitt liege. Die Reformen würden auch Initiativen zur Ausweitung der Sozialleistungen auf sogenannte Gig-Worker (Arbeiter auf Anruf) umfassen.
Die Anzahl der Vorschriften im indischen Arbeitsrecht sei von 1.400 auf 350 reduziert worden. Dies verringere den bürokratischen Aufwand und erleichtere die Geschäftstätigkeit. Weitere Reformen würden in Bereichen wie der Stromverteilung erwartet. Eine Konsolidierung der staatlich kontrollierten Banken gelte ebenfalls als denkbar. Zusammengenommen sollten diese Reformen zu Effizienzsteigerungen und letztlich zu einem höheren BIP-Wachstum führen.
Trotz jüngster Belastungen im Exportgeschäft, vor allem im Handel mit den USA, sei Indien weniger exportabhängig und stärker binnenmarktorientiert als einige andere ostasiatische Volkswirtschaften. Der Anteil des gesamten Handels am BIP betrage knapp unter 50%. Darüber hinaus würden Warenexporte in die USA nur 2% des indischen BIP ausmachen und mehrere große Sektoren wie Generika und Elektronik seien von Zöllen befreit. Sollte es in den nächsten ein bis zwei Monaten zu einer Einigung mit den USA kommen - und jüngste Äußerungen von Handelsvertretern aus den USA und Indien würden darauf hindeuten -, könnte dies einen positiven Katalysator für die Märkte darstellen, da dann vermutlich wieder mehr Kapital aus dem Ausland zufließen würde.
Indien unterscheide sich deutlich von anderen Schwellenländern wie China und Südkorea mit ihrer hohen Abhängigkeit von Exporten der produzierenden Industrie und Hightech-Branchen. Mit seinem großen Dienstleistungssektor und seiner begrenzten Exportabhängigkeit sei das südasiatische Land weniger anfällig für zunehmende geopolitische Risiken und Handelsspannungen.
Insgesamt biete der indische Aktienmarkt eine große Chancenvielfalt: Anleger könnten hier aus mehr als 4.800 börsennotierten Unternehmen wählen, davon rund 600 mit einem Marktwert von über 1 Milliarde US-Dollar. Im Rahmen des "Growth at a reasonable price"-Ansatzes würden die Experten von Jupiter Asset Management konsequent und geduldig Ausschau nach Unternehmen halten, die weniger hoch bewertet seien als ihre Wettbewerber und potenziell höhere Renditen generieren könnten. Die in vielerlei Hinsicht stärkere Aufstellung Indiens könnte vielversprechend für diese Strategie sein. (Ausgabe vom 08.01.2026)
1 Laut Daten, die im November 2025 vom indischen Ministerium für Statistik und Programmumsetzung veröffentlicht wurden.
(12.01.2026/alc/a/a)
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