Logo
NEWS - Allgemein
www.anleihencheck.ariva-services.de
20.12.24 15:12
Anleiheinvestoren sollten 2025 auf umsichtige Titelauswahl setzen

Boston (www.anleihencheck.de) - Die zeitweise sehr hohe Inflationsrate in den USA ist zwar drastisch gefallen, aber Risiken bleiben - vor allem, weil Trumps Politik preistreibend sein könnte, so Pilar Gomez-Bravo, Co-CIO für Anleihen bei MFS Investment Management.

Beim Konjunkturausblick werde der Arbeitsmarkt wichtiger. Die FED lasse keinen Zweifel daran, dass sie ihn beobachte. Auch die Experten würden die Arbeitsmarktdaten daher genau im Blick behalten. Sie würden darauf achten, wie ihre Analysten die einzelnen Unternehmen einschätzen würden, um das mit den gesamtwirtschaftlichen Zahlen abzugleichen.

Weltweit gesehen werde die Geldpolitik jetzt eher gelockert. Die Notenbanken der Industrieländer und einiger Schwellenländer würden allmählich die Zinsen senken. Mit massiven Zinssenkungen würden die Experten dennoch nicht rechnen, da die meisten Volkswirtschaften noch immer wachsen würden, und man zwar eine Disinflation, aber keine Deflation erlebe. Für die meisten Länder würden die Experten daher eine allmähliche Normalisierung der Zinsen erwarten. Eine Ausnahme sei Japan, wo die Geldpolitik gestrafft werde. Insgesamt spreche jetzt aber viel für eine weniger synchrone Geldpolitik.

Wesentlich unsicherer sei die US-Fiskalpolitik. Wenn Haushaltsdefizite mit Produktivitätsgewinnen einhergehen würden, dürfte die Inflation beherrschbar bleiben. Zinserhöhungen seien dann unwahrscheinlicher. Bei unproduktiven Staatsausgaben drohe aber eine höhere Inflation. Die Notenbanken wären dann alarmiert. Noch würden die Experten die Einzelheiten von Trumps Fiskalpolitik nicht kennen, was für Anleger ein wichtiger Risikofaktor sei.

Dieser unsichere Ausblick könne für Anleiheinvestoren aber durchaus eine Chance sein, vor allem bei einem großen Anlageuniversum. Zunehmende Marktverzerrungen könnten sich als Chancen für aktive Manager darstellen: Je stärker die Kurse streuen würden und je volatiler sie seien, desto vielversprechender sei die Einzelwertauswahl. Insgesamt seien die Experten defensiv positioniert, denn der Kreditzyklus gehe zu Ende. Sie würden mit zunehmender Volatilität und einer stärkeren Streuung der Erträge rechnen. Um Chancen schnell nutzen zu können, würden sie weiterhin auf einen großen Anteil liquider Anleihen achten.

Nach wie vor seien die Experten in Unternehmensanleihen übergewichtet. Sie würden glauben, dass ein schwächeres Wachstum bei niedrigerer Inflation Titeln guter Bonität entgegenkomme. Die Unternehmensfinanzen seien trotz der höheren Kreditzinsen stabil, und die Fundamentaldaten der meisten Emittenten seien recht ordentlich. Die Risikoaufschläge für Investment-Grade-Titel seien heute so niedrig wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Zugleich biete die Assetklasse wegen der hohen Renditen recht attraktive Erträge, sodass mit weiteren Mittelzuflüssen zu rechnen sei. Trotz der durchaus hohen Bewertungen könnten die Spreads aber noch eine Zeit lang eng bleiben - solange sich die Konjunktur nicht deutlich verschlechtere und auf das schwächere Wachstum nicht etwa ein Aufschwung, sondern eine Rezession folge. Allerdings wüssten die Experten nicht, was zurzeit deutliche Spreadausweitungen auslösen könnte.

Bei Unternehmensanleihen würden die Experten genau auf die Länderallokation achten. Bei weiteren Zinssenkungen scheinen Anleihen aus dem europäischen Immobiliensektor interessant. Dieser sei wegen der Zinserhöhungen unter Druck geraten, könnte aber jetzt von niedrigeren EZB-Leitzinsen profitieren. Reduziert hätten die Experten dagegen den Anteil an Finanzanleihen, da ihre Bewertungen gestiegen seien und eine Spreadausweitung wahrscheinlicher geworden sei. Untergewichtet seien sie in Zyklikern, etwa aus dem Automobilsektor. In den USA würden sie wegen der flachen Zinsstrukturkurve auf länger laufende Titel verzichten; hier würden sie nur wenig Kurspotenzial sehen. Sie würden Investitionsgüterunternehmen mit eigenen Immobilien und Firmen mit inflationsgeschützten Cashflows bevorzugen.

Anleger in Hochzinsanleihen hätten zuletzt vor allem in Kurzläufer investiert, da die für die Schuldenrückzahlung nötigen kurzfristigen Cashflows sehr berechenbar seien. Die Renditen seien attraktiv, und die Fundamentaldaten seien heute besser als im letzten Konjunkturzyklus, sodass auch die Experten hier investieren würden. Titel mit BB-Rating scheinen teuer, doch würden sie aufgrund ihrer Einzelwertanalysen ausgewählte höher verzinsliche Kurzläufer für interessant halten. Wegen der engen Spreads würden sie insgesamt zwar weniger High Yield halten, könnten ihre Positionen aber bei entsprechenden Chancen aufstocken.

In den Emerging Markets würden die Experten das Crossover-Segment - also Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating sowie die qualitativ hochwertigsten Hochzinsanleihen - für interessant halten, vor allem aus Ländern mit stabilen Währungen, positiven Zahlungs- und guten Außenbilanzen. Dennoch würden die Experten mit deutlichen Aufstockungen zögern. Schließlich könnten Trumps Zollerhöhungen für Volatilität sorgen, auch wenn manche Länder attraktiv scheinen.

Da viele Notenbanken zu Zinssenkungen entschlossen scheinen, würden die Experten in manchen Regionen eine lange Duration für die größte strategische Chance halten. Zu Beginn eines Zinssenkungszyklus sollten Anleger ihrer Ansicht nach von Geldmarktanlagen und Kurzläufern in länger laufende Titel umschichten. Wegen der hohen Einstiegsrenditen würden sie bei weiteren Zinssenkungen mit höheren Erträgen als am Geldmarkt rechnen.

Außerdem böten länger laufende Anleihen - ganz klassisch - laufenden Ertrag und Diversifikation. Das gelte vor allem, wenn man weltweit anlege und damit Länderunterschiede nutzen könne. Bei Staatsanleihen würden die Experten daher Wert auf weltweite Diversifikation legen und nicht nur in den USA investieren. Hier sei ihre Duration jetzt wieder neutral, da sich die FED zurückhaltender äußere und Geld- und Fiskalpolitik künftig nicht unbedingt an einem Strang ziehen würden.

Stattdessen hätten die Experten mehr in Ländern investiert, wo sie mit Zinssenkungen rechnen würden, die in den Kursen noch nicht berücksichtigt seien. Dazu würden Europa, Korea und Kanada zählen.

Insgesamt würden die Experten weiterhin auf eine durchdachte weltweite Asset-Allokation achten, da die Volatilität steigen und die Ertragsstreuung zunehmen könnten. Außerdem würden sie ihr eigenes Research nutzen, um mit aktiver Einzelwertauswahl Mehrertrag zu erzielen. Die engen Spreads und die niedrige Volatilität hätten bereits Gelegenheit geboten, sich günstig gegen weltpolitische Extremrisiken abzusichern. Wegen der möglichen Folgen internationaler Krisen für die Energie- und Rohstoffmärkte, den Welthandel und die Lieferketten würden die Experten eine umsichtige und diversifizierte Asset-Allokation weiter für sinnvoll halten. (20.12.2024/alc/a/a)


© 1998 - 2026, anleihencheck.ariva-services.de