Hamburg (www.anleihencheck.de) - In vielen Regionen weltweit sind die Staatsschulden seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 deutlich angestiegen, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.
- Auch danach - insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie - hätten Regierungen mit massiven Ausgabenprogrammen und teilweise gleichzeitigen Steuersenkungen die Wirtschaft gestützt, und es sei in ruhigeren Zeiten mit ordentlichem Wachstum kaum gelungen, die Staatsfinanzen zu konsolidieren.
- Deutschland sei bezogen auf das BIP mit rund 63 Prozent Staatsschulden Ende 2023 eine Ausnahme unter den großen Industrienationen. Griechenland habe die Staatsschuldenquote zwar stetig gesenkt, liege mit 164 Prozent aber immer noch an der Spitze, gefolgt von Italien mit 135 und Frankreich mit knapp 110 Prozent.
Seit der Euro-Staatsschuldenkrise in 2011 werde an den Kapitalmärkten jedoch je nach Haushaltslage deutlich differenziert:
- Auch die Formierung der neuen Regierung unter Premierminister Michel Barnier habe das erhöhte Vorsichtsbedürfnis von Anlegern noch nicht besänftigen können. Zwar bekräftige Barnier seinen Willen, das jahrelang sehr hohe Haushaltsdefizit zu reduzieren. Es sei jedoch unklar, ob es angesichts der wackeligen Regierungskoalition und diverser Forderungen nach mehr Staatsausgaben gelingen werde.
- Noch deutlicher werde der Wirkungszusammenhang zwischen Renditen und Staatsfinanzen am Beispiel Großbritanniens. Dort seien die schon seit 2023 deutlich erhöhten Risikoprämien im Vergleich zu Bundesanleihen zuletzt noch einmal auf mehr als 2 Prozentpunkte angestiegen und hätten damit fast das Niveau zum Zeitpunkt des Abtritts der ehemaligen Premierministerin Liz Truss im Herbst 2022 erreicht. Truss sei aufgrund drastisch steigender Risikoprämien und einem Absturz des britischen Pfunds nach der Vorstellung ihrer Pläne zu einer Ausweitung des Haushaltsdefizits gescheitert.
Hintergrund des jetzigen Renditeanstiegs sei, dass die seit mittlerweile mehr als drei Monaten amtierende Regierung unter Keir Starmer erst vor wenigen Tagen einen Haushaltsplan habe vorlegen können. Dieser sehe neben deutlichen Steuerhöhungen und der Aufnahme neuer Kredite auch Sparanstrengungen vor. Ob diese jedoch wie geplant umgesetzt werden könnten, sei angesichts diverser notwendiger Ausgaben, bspw. für das Gesundheitssystem, und aufgrund der inflationsgeplagten Bevölkerung unsicher, zumal das Wachstum durch höhere Steuern gedämpft werden dürfte. Auch hier zeige sich wieder die Skepsis an den Kapitalmärkten.
Fazit: Anleger würden unsolide Finanzpolitik von Staaten künftig stärker sanktionieren und hätten damit einen erheblichen Einfluss auf die Politik. Auch mit Blick auf die neue US-Präsidentschaft sei dieser Aspekt relevant. Denn zu stark steigende Staatsschulden würden Renditen bei längeren Laufzeiten trotz sinkender Leitzinsen hoch halten und hohe Zinsausgaben im Zuge der in den USA schon jetzt auf mehr als 120 Prozent angestiegenen Staatsschuldenquote damit fiskalische Spielräume begrenzen. (05.11.2024/alc/a/a)
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