Oberursel (www.anleihencheck.de) - Die FED hatte auf ihrer jüngsten Sitzung den Leitzins auf 5,5% - und damit den höchsten Stand seit 2001 - katapultiert, die elfte Erhöhung in Folge, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.
Die EZB sei diesem Kurs während dieser langen Wegstrecke fast immer gefolgt und habe den Leitzins für die Eurozone nun zum neunten Mal in Folge erhöht, auf zuletzt 4,25%. All dies geschehe im Kampf gegen die Inflation dies- und jenseits des Atlantiks. Die bisherigen Maßnahmen würden Wirkung zeigen. Denn die Teuerungsraten in Europa und den USA hätten sich dank restriktiver Geldpolitik der FED und der EZB deutlich von ihren Hochs entfernt.
So sei die Inflation in der Eurozone im Juli erneut rückläufig gewesen und liege nun bei 5,3%. Dies sei die niedrigste Inflationsrate seit Anfang 2022. Die Kerninflation dagegen stagniere. 2022 sei die Inflation infolge des Ukraine-Kriegs zeitweise zweistellig gewesen. Die US-lnflation habe sich im Juni ebenfalls spürbar abgeschwächt. Gegenüber dem Vorjahresmonat seien die Verbraucherpreise um 3,0% gestiegen. Insbesondere wegen sinkender Energiepreise sei die Inflationsrate in den USA auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahren gefallen.
Bei diesen Entwicklungen sei es nachvollziehbar, dass sich die Märkte darauf einstellen würden, dass der Großteil der Wegstrecke im Inflationskampf zurückgelegt und im Umkehrschluss das Ende der Fahnenstange bei Zinsanhebungen in Sichtweite sei. In ihrer Wortwahl sehr bedacht, habe EZB-Chefin Lagarde die Marktteilnehmer nun darauf eingestimmt, dass man sich langsam vom Anhebungsautomatismus bei den Leitzinsen verabschieden könne. Im September sei zwar noch eine Anpassung möglich, aber eben auch eine Zinspause.
Die Reaktion des Marktes sei auf dem Fuß gefolgt. Der Euro sei gefallen, schließlich könnte die Zinsunterstützung wegfallen. Der Deutsche Aktienindex (DAX 40) habe mit einem Allzeithoch gefallen. Schließlich könnte die Zinsbelastung für Unternehmen nun nicht weiter steigen.
Die 10-jährige Bundesanleihe sei in dieser Phase um mehr als zehn Basispunkte gefallen und rentiere Anfang August bei 2,46%, während 2-jährige Bunds mit 3,23% eine deutlich höhere Rendite abwerfen und die inverse Renditestruktur, die eine Rezessionsgefahr andeute, damit deutlich manifestieren würden.
Bei rezessiven Tendenzen der konjunkturellen Entwicklung könnte aus einer etwaigen EZB-Zinspause auch schnell eine Rolle rückwärts werden. Denn in diesem Fall könnte seitens der Notenbanken Unterstützung über Zinssenkungen erforderlich werden. Abhängig sei dies jedoch von der Inflationsentwicklung und der Schwere eines Konjunktureinbruchs. Zuletzt hätten die Daten gezeigt, dass die Konjunktur deutlich schwächele. Und auch EZB-Chefin Lagarde habe einen verschlechterten Ausblick auf die Konjunktur der Eurozone gegeben. Das Wachstum werde auf kurze Sicht schwach bleiben, dann aber die Erholung verstärken. Dass die EZB keinen extremen Konjunkturpessimismus versprühe, überrasche nicht. Denn die Märkte würden sich schon seit geraumer Zeit auf eine schwächere konjunkturelle Entwicklung einstellen.
In der Vergangenheit sei die Inversion der Zinskurve ein verlässlicher Signalgeber für die Konjunkturentwicklung gewesen. Denn seit den 1960er Jahren sei jeder US-Rezession eine inverse Zinskurve vorausgegangen. Ob dies auch in der aktuellen Marktphase der Fall sein werde und ob die Inversion der US-Zinskurve als erneut verlässliches Konjunktursignal und als Taktgeber für die zu erwartende Leitzinsentwicklung verstanden werden könne, werde sich zeigen.
Die Inflation im Euroraum zeige einen fallenden Trend. Die Teuerungsrate habe sich seit dem Herbst 2022 halbiert. Bis zum Ende des laufenden Jahres könnte sogar das Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) erreicht werden.
Um es vorwegzunehmen: Das Inflationsgespenst sei trotz der aktuell positiven Tendenzen noch nicht vom Tisch.
Zwei Hauptargumente würden zunächst für einen weiteren deutlichen Rückgang der Inflation sprechen. Erstens würden die Preise für Energie und Nahrungsmittel nach dem Abklingen der kriegsbedingten Erhöhungen nun langsamer ansteigen. Das zweite Argument hänge stark mit der Corona-Pandemie zusammen. Die weltweiten Lockdowns hätten zu Materialengpässen in der Industrie geführt. In der Folge seien die Produzentenpreise für Vorprodukte im Euroraum zeitweise um bis zu 25% gestiegen. Die Unternehmen hätten darauf reagiert, indem sie diese Kostensteigerung an die Konsumenten weitergegeben hätten.
Blende man die Entwicklung der Energiepreise aus, seien die Verbraucherpreise für Waren in der Spitze um fast 7% angestiegen. Mit dem Rückgang der Pandemie habe sich auch die Versorgung mit Vorprodukten entspannt. Dadurch habe die Inflation auf der Ebene der Produzentenpreise im Sommer des letzten Jahres abzuebben begonnen und seit Jahresanfang würden die Verbraucherpreise für Waren wieder deutlich langsamer steigen. Dieser Normalisierungsprozess dürfte sich in den kommenden Monaten fortsetzen und die Inflation, zusammen mit dem Rückgang bei Energie- und Nahrungsmittelpreisen, weiter zügig abschwächen.
Nicht zu übersehen sei aber der starke Preisanstieg bei den meist arbeitsintensiven Dienstleistungen. Diese hätten im Verbraucherpreisindex einen hohen Anteil von etwa 40%. Die Dienstleistungspreise würden vor allem aufgrund der Löhne steigen. Diese würden vor allem im Norden der Währungsunion, in dem Fachkräfte knapp seien, schnell anziehen, während die Arbeitskosten im Süden ebenfalls langsam steigen würden. Im Durchschnitt der Währungsunion dürften die Tariflöhne im kommenden Jahr um mehr als fünf Prozent steigen, während die tatsächlich gezahlten Löhne voraussichtlich noch stärker ansteigen würden, da viele Unternehmen zur Gewinnung von Arbeitskräften bereit seien, über Tarif zu zahlen. Diese Entwicklung werde den Preisanstieg bei Dienstleistungen aufrechterhalten und es sei unwahrscheinlich, dass es bedeutende Rückgänge wie bei den Warenpreisen geben werde.
Unter Berücksichtigung dieser Faktoren sei nicht auszuschließen, dass die Preissteigerungsraten 2024 wieder anziehen würden, sobald die Normalisierung bei Energie, Nahrungsmitteln und anderen Waren abgeschlossen sei. Die Teuerungsrate dürfte sich dann vor dem geschilderten Hintergrund deutlich oberhalb des von der EZB gesteckten Ziels von 2% einpendeln. Aufgrund einer schwachen konjunkturellen Entwicklung könnte die EZB somit Schwierigkeiten haben, den Erwartungen der Marktteilnehmer zu entsprechen und ihre Leitzinsen zu senken. Fallende Inflationszahlen in den kommenden Monaten könnten über die möglicherweise zu erwartende Entwicklung hinwegtäuschen. (Ausgabe August 2023) (02.08.2023/alc/a/a)
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