Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Inflationsraten in Europa steigen weiter, so die Experten von Union Investment
Daher habe die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli 2022 das erste Mal seit elf Jahren die Leitzinsen erhöht - und zwar von 0 auf 0,5 Prozent. In der EZB-Sitzung am 8. September sei eine weitere deutliche Erhöhung des Leitzinses um 0,75 Prozentpunkte auf nunmehr 1,25 Prozent gefolgt. Die Nullzinspolitik sei zu Ende! In den nächsten beiden Sitzungen bis zum Jahresende dürfte die EZB die Zinsen dann um weitere 75 beziehungsweise 50 Basispunkte anheben - so die Einschätzung der Volkswirte von Union Investment.
Aber wie könnten Zinsen die Inflation beeinflussen? Und welche Folgen hätten die Leitzinserhöhungen für Sparer, Kreditnehmer und Wertpapieranleger?
Zinsen und Inflation - ein filigranes Wechselspiel
Der Leitzins sei das Hauptinstrument der Notenbanken, um über die Geldmenge die Nachfrage und so die Teuerung zu beeinflussen. Wenn der Leitzins gering sei, könnten die Banken günstige Kredite beispielsweise für den Konsum der Verbraucher und die Investitionen von Unternehmen vergeben. Damit sei viel Geld im Umlauf, die Nachfrage wachse, die Preise steigen würden und die Inflationsrate erhöhe sich. Andersherum: Würden die Zinsen steigen, würden Kredite teurer und weniger häufig vergeben. In der Folge sei weniger Geld im Umlauf, Nachfrage und Inflationsraten sinken würden. Wenn Kredite teurer seien, würden Unternehmen beispielsweise weniger in den Bau neuer Produktionsstätten investieren und es würden weniger Arbeitsplätze geschaffen. Auch die Kauflaune der Verbraucher nehme ab, wenn Sparen wieder attraktiver werde. Die Wirtschaft wachse entsprechend langsamer. Bei einer Überhitzung der Konjunktur oder starkem Preisdruck sei dieser dämpfende Effekt gewünscht. Die Notenbank müsse allerdings darauf achten, dass sie die Zinsen nicht zu stark erhöhe und sich die Wirtschaft in der Folge rückläufig entwickele (Rezession).
Warum die Zinsen seien angehoben worden
Die stark gestiegenen Energiepreise seien aktuell der wichtigste Inflationstreiber: Die immer höheren Energiekosten in der Industrie würden über steigende Preise an die Kunden weitergegeben, wobei dieser Effekt in nächster Zeit noch zunehmen werde. Dazu komme, dass viele Unternehmen seit der Corona-Pandemie noch immer mit Lieferkettenproblemen zu kämpfen hätten. Verbraucher und Industrie müssten nicht nur monatelang auf ihre Bestellungen oder Produktionsteile warten, sie würden aufgrund der Verknappung auch mehr dafür zahlen.
Die Inflation im Euroraum sei laut einer Schnellschätzung des europäischen Statistikamtes Eurostat innerhalb eines Jahres - von August 2021 bis August 2022 - um 9,1 Prozent gestiegen. In Estland liege die Inflation bereits bei 23,2 Prozent. Auch in Ländern wie Spanien, Belgien oder Griechenland seien die Teuerungsraten zweistellig. Deutschland liege mit 8,8 Prozent (Stand Ende August 2022) im europäischen Mittelbereich.
Die Entwicklung der Inflation habe die Europäische Zentralbank, die für die Preisstabilität im Euroraum zuständig sei, zum Handeln gezwungen. Im Juni noch sei allgemein davon ausgegangen worden, dass sie den Leitzins um 0,25 Prozent anheben würde. Aufgrund der rasant steigenden Teuerungsraten habe sich die EZB dann aber zu einer Erhöhung des Zinssatzes um 0,5 Prozentpunkte entschlossen. Im September sei ein weiterer Schritt um 0,75 Prozentpunkte gefolgt. Die Zinserhöhung solle bewirken, dass sich die Inflation nicht auf hohem Niveau verankere und wieder in Richtung des Preisziels von nahe zwei Prozent sinke. Das dürfte allerdings noch eine Weile dauern.
Was sei der Leitzins?
Der Leitzins sei das wichtigste Instrument einer Notenbank, um die Geldpolitik zu steuern. Zu diesem Zinssatz könnten sich Geschäftsbanken bei ihrer Zentralbank Geld leihen und dieses - mit einem Aufschlag - an Unternehmen und Verbraucher weitergeben. Über die Höhe des Leitzinses in der Eurozone entscheide das oberste Gremium der Europäischen Zentralbank (EZB), der EZB-Rat. Er analysierte alle zwei Wochen die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung im Euroraum und fasse alle sechs Wochen geldpolitische Beschlüsse, etwa ob die Zinsen angepasst werden sollten. Die Entscheidung werde anschließend auf einer Pressekonferenz verkündet, aktuell von der derzeitigen EZB-Chefin Christine Lagarde. Es sei die wichtigste Aufgabe der EZB, dafür zu sorgen, dass die Preise stabil bleiben würden. Eine leichte Inflation gelte als wünschenswert, da Unternehmen in Erwartung steigender Preise investieren und Verbraucher konsumieren würden. Angestrebt werde daher eine moderate Inflation von jährlich 2 Prozent, die durch Anhebung oder Senkung der Zinsen erreicht werden solle. Die EZB müsse stets abwägen zwischen der Notwendigkeit, die Zinsen anzuheben und damit eine Inflation zu beruhigen, und der Gefahr, durch eine Zinserhöhung die Wirtschaft auszubremsen.
Kreditnehmer müssten mit höheren Kosten rechnen
Für Kreditnehmer werde es nun teurer. Auch die Kosten für Kontoüberziehungen, sogenannte Dispokredite, würden steigen. Diejenigen allerdings, die bereits vor Juli 2022 einen Kreditvertrag abgeschlossen hätten, könnten sich weiterhin über niedrige Zinsen freuen - bis zum Vertragsende. Falls ein Anschlusskredit fällig werde, müsse aber mit erheblich höheren monatlichen Finanzierungsraten gerechnet werden.
Die Bauzinsen seien bereits deutlich gestiegen: Zum Jahresbeginn habe eine zehnjährige Baufinanzierung durchschnittlich 0,8 Prozent Zinsen gekostet, heute müssten über 3 Prozent gezahlt werden. Das bedeute, dass zum Beispiel ein Immobilienkredit über 400.000 Euro mit zehnjähriger Laufzeit bei einem Zinssatz von 0,8 Prozent und 2 Prozent Anfangstilgung im Januar 2022 noch 933 Euro monatlich gekostet habe. Im Juni habe der gleiche Kredit mit 3 Prozent Zinsen monatlich bereits 1.667 Euro gekostet. Der Zinssatz für einen Immobilienkredit über 400.000 Euro mit 10 Jahren Zinsbindung und 2 Prozent Tilgung im Jahr betrage - je nach Anbieter - derzeit zwischen 3,65 und 4,98 Prozent (Stand September 2022).
Inflation fresse Zinsen der Sparer auf
Mit der Erhöhung des Leitzinses würden Banken den Sparern wieder Zinsen für ihr Erspartes geben können. Die ersten Banken hätten die Zinsen für Tages- und Festgeld bereits erhöht. Die Negativzinsen würden seit Juli der Vergangenheit angehören. Zuvor hätten Banken 0,5 Prozent Zinsen zahlen müssen, wenn sie ihr Geld bei der EZB geparkt hätten. Diese Belastung hätten viele Institute an die Privatkunden weitergegeben, die hohe Summen auf ihren Konten liegen gehabt hätten, das sogenannte Verwahrentgelt.
Doch lohne sich für Sparer eine Einlage auf dem Sparbuch, Tages- oder Festgeldkonto nun wieder? Eher noch nicht. Das lasse sich schnell errechnen: Angenommen ein Sparer bekäme 1 Prozent Zinsen auf 10.000 Euro, die er auf einem Sparkonto angelegt habe. Dem gegenüber stünde eine Inflation von zum Beispiel 8 Prozent. Demnach wäre sein Geld - trotz Zinsen - In einem Jahr bereits 7 Prozent weniger wert, also nur noch 9.300 Euro. Das Gesparte werde auf einem Sparkonto nicht mehr, sondern schrumpfe weiterhin durch die Inflation.
Was sei mit Investmentfonds?
Anleger, die in aktiv gemanagte Fonds investieren würden, würden die langjährige Erfahrung eines Fondsmanagementteams nutzen. Diese Experten würden täglich die Aussichten infrage kommender Unternehmen analysieren und die jeweilige Zusammensetzung der Fonds - soweit es zu den Anlagerichtlinien passe - aktiv an die Situation anpassen. So könnten sie auf aktuelle Geschehnisse schnell und gezielt reagieren und wenn möglich gegensteuern. (29.09.2022/alc/a/a)
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