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26.09.22 10:00
Internationale Rentenmärkte von extrem großer Volatilität geprägt

Essen (www.anleihencheck.de) - Die Konferenz von Jackson Hole brachte ein in der Summe hawkisches Signal: Während Impulse für eine grundsätzliche strategische bzw. konzeptionelle Neuausrichtung der internationalen Geldpolitik ausblieben, überwog das Bemühen, den zwischenzeitlich aufgekommen Optimismus der Finanzmärkte zu dämpfen, berichten die Analysten der National-Bank AG.

Chairman Powell habe denn auch in der Substanz kaum Neues gebracht, allerdings seine Rhetorik verschärft. Die FED wolle so an ihrem Kurs festhalten, die Leitzinssätze weiter anzuheben, dabei aber das Tempo - je nach Datenlage - grundsätzlich weiter reduzieren. Auch die europäische Geldpolitik sei in Wyoming selbstverständlich vertreten gewesen, insbesondere die Äußerungen von EZB-Direktoriumsmitglied Schnabel hätten sich im Sinne eines abermals großen Zinsschrittes von 50 bis 75 Basispunkten auslegen lassen. In der Tat sei die EZB dann ja auch dem "Front-loading" der Maßnahmen durch die US-Notenbank gefolgt, auch weil der Hochpunkt der Inflation in der Eurozone noch immer nicht erreicht sein könnte.

Die internationalen Rentenmärkte seien derzeit von extrem großer Volatilität geprägt. Im Kern herrsche auch bei den internationalen Notenbanken nach wie vor eine sehr hohe Unsicherheit über den weiteren Inflationsverlauf vor, vor allem die Entwicklung in den USA dürfte für die kommenden Monate einmal mehr richtungsweisend sein: Auf der einen Seite habe sich der Preisdruck auf den Vorstufen der Produktion in Form sowohl der US-Importpreise als auch der Produzentenpreise spürbar ermäßigt. In vielen Branchen der US-Wirtschaft hätten sich die Lieferzeiten wieder normalisiert, viele US-Unternehmen würden enorme Margen aus der Differenz der Einkaufs- und Absatzpreise verzeichnen, sodass durchaus Spielräume für Preisrückgänge bestünden, vor allem etwa im Fahrzeugsektor. Zentral sei auch, dass sich die noch weiter vorlaufenden Zeitreihen zur Anspannung der Logistikketten - mit einigen wenigen Ausnahmen vor allem in Europa - fast wieder vollständig normalisiert hätten.

Bis auf den US-Arbeitsmarkt sei die Disinflationierung zumindest der US-Wirtschaft auf Kurs, die zentrale Frage sei nunmehr, wie schnell hier Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht gebracht werden könnten. Aber auch hier habe zumindest die Abkühlung der Nachfrage bereits begonnen. Schließlich nehme der Preisdruck von Rohstoffseite allmählich ab, was die Jahresveränderungsraten schon allein aufgrund der Basiseffekte sinken lassen werde: Inflation sei ein dynamisches Phänomen, das der steten Nahrung bedürfe - entweder über weiter steigende Inputpreise (vor allem die Löhne) oder über die Erwartungsbildung. Gerade Letztere sei stabil, die FED habe etwa gemessen an den marktimpliziten Erwartungen das Gros der Überzeugungsarbeit bereits geleistet. Neuere Studien würden allerdings auch darauf verweisen, dass die Stabilisierung der Markterwartungen möglicherweise nicht ausreiche: Je stärker die Inflationserwartungen der verschiedenen Gruppen der Bevölkerung auseinander klaffen würden, desto größer seien die Restrisiken: Es reiche also nicht aus, dass die Kapitalmärkte an die FED glauben würden, auch "der Mann auf der Straße" müsse davon überzeugt sein, so zumindest das neuere Credo. Letzteres hänge eben auch von der aktuellen Inflation ab, was erkläre, dass die Notenbanken immer aggressiver würden.

Die zentrale Frage bleibe insgesamt, wie schnell diese Impulse auf der Ebene der Verbraucherpreise ankämen. Vor diesem Hintergrund würden die Märkte die aktuelle Entwicklung - zu Recht - auf die Goldwaage legen: Ein früher Drehpunkt bei der Verbraucherpreisinflation würde es der FED erheblich erleichtern, den Preisdruck einzufangen - und umgekehrt: Dies erkläre, warum die jüngsten Daten zur Verbraucherpreisinflation so große Marktwirkungen entfaltet hätten. Sollte der Preistrend nicht alsbald drehen, müsste die FED noch viel stärker auf die Bremse treten: Nicht vergessen sollte man den Umstand, dass etwa die altehrwürdige Taylor-Regel, gleichgewichtige Notenbankzinssätze von bis zu 10% vorsähe, auch wenn dies ein absolutes Randszenario sein dürfte.

Vor diesem Hintergrund dürften die jüngsten US-Inflationsdaten denn auch für die FED den Ausschlag gegeben haben, den Straffungskurs mit einer Erhöhung von abermals 75 Basispunkten mit einem weiteren großen Zinsschritt fortzuführen und auch ein insgesamt höheres Maximalniveau der FED Funds anzustreben: Nachdem die Produzentenpreise im Juni erstmals nachgegeben hätten, hätten die August-Daten auf der Ebene der Verbraucherpreise noch nicht auf eine schnelle Übertragung der disinflationären Impulse schließen lassen. Die einzelnen Mitglieder des Offenmarktausschusses hätten daher deutlich stärkere Zinserhöhungen für das aktuelle Jahr und das kommende Jahr als bisher signalisiert. So werde der Leitzins Ende 2022 im Median nun bei 4,4 Prozent gesehen, nach nur 3,4 Prozent bei Veröffentlichung der letzten Projektionen im Juni. Man sollte diese Daten aber auch nicht überbewerten - direkt am Wendepunkt sei die statistische Unschärfe noch extrem hoch(!), der unterliegende Trend werde - wie hier öfter betont - erst in einem bis zwei Quartalen erkennbar werden.

Mit Blick auf den jüngsten FED-Entscheid und die geschilderte Datenentwicklung hätten die Analysten der National-Bank AG Schätzungen für den Hochpunkt der FED-Funds auf nunmehr 4,5% weiter angehoben. Vor dem Hintergrund auch des zunehmenden öffentlichen Drucks auf die EZB würden sich offenkundig auch die chronischen Tauben im Rat der EZB allmählich bereit zeigen, tradierte geldpolitische Regeln auch tatsächlich anzuwenden: Die Zinspolitik der EZB sei eben viel stärker auch eine Funktion des europapolitischen Bargainings - etwa um weitere flankierende Fiskalkapazitäten und/oder die Nivellierung der Risikoprämien mit Gemeinschaftsmitteln - als bei der FED. Im Ergebnis hätten die Analysten der National-Bank AG auch die Projektion für die 10-jährigen Bundrenditen auf den Prognosehorizont auf nunmehr 2,0% wieder deutlich angehoben, das Zinsmaximum sollte im Jahresverlauf um 2,1% liegen. Die Projektionen für die US-amerikanischen 10-jährigen Benchmark-Sätze würden die Analysten der National-Bank AG ebenfalls anheben und nunmehr Renditen um 3,85% auf Jahressicht erwarten. (Ausgabe vom 23.09.2022) (26.09.2022/alc/a/a)


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