Logo
NEWS - Allgemein
www.anleihencheck.ariva-services.de
11.08.22 12:11
Rentenmärkte: Renditen stabilisieren sich auf niedrigerem Niveau

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der deutschen und der amerikanischen Staatsanleihen haben sich nach dem Rückgang der letzten Wochen auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

Zuletzt hätten die niedriger als erwarteten Juli-Inflationsdaten (8,5% YoY im Juli gegenüber 9,1% im Juni) aus den USA für neue Volatilität bei den Renditen gesorgt, per Saldo aber keine große Veränderung herbeigeführt. Viele Analysten scheinen der Meinung - das würden die Futuremärkte für die FED Fund Rate suggerieren -, dass der Gipfel der Inflation nunmehr erreicht sei und damit der Spielraum für die FED steige, bald den Leitzins zu senken.

Dagegen spreche allerdings, dass sich der US-Arbeitsmarkt immer noch in einer ausgesprochen guten Verfassung präsentiere. Die Beschäftigung sei im Juli um sehr robuste 528.000 Personen gestiegen und die Arbeitslosenrate auf ein 50-Jahrestief gefallen. Gleichzeitig sei auch der Lohnanstieg mit 4,6% YoY hoch geblieben. Ob die FED im September den Leitzins ein weiteres Mal um 75 BP anheben werde, dürfte im Wesentlichen von dem nächsten US-Arbeitsmarktbericht Anfang September abhängen.

Man könnte meinen, dass das morgen (12.08.) im Repräsentantenhaus wohl endgültig verabschiedete Klima- und Sozialprogramm, das mit Ausgaben von rund 430 Mrd. US-Dollar verbunden sein solle, die Konjunktur anheize. Da sich diese Mehrausgaben jedoch über viele Jahre verteilen und gleichzeitig die Steuern für Großunternehmen angehoben würden, sei auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene vermutlich nicht mit einem nennenswerten Effekt auf das Wirtschaftswachstum zu rechnen. Kurzfristig sei hier vielmehr wichtig, dass es der Regierung Joe Bidens gelungen sei, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, was den Demokraten grundsätzlich bei den im November anstehenden Zwischenwahlen helfen könnte.

Allerdings würden die politischen US-Schlagzeilen derzeit von der Tatsache überschattet, dass das FBI das Anwesen von Ex-Präsident Donald Trump durchsucht habe. Derzeit sei unklar, ob diese Entwicklung den Republikanern schaden oder helfen werde und inwieweit die Reaktion Donald Trumps auf die Hausdurchsuchung die amerikanische Gesellschaft noch stärker spalte.

Zurück zur kurzfristigen wirtschaftlichen Entwicklung: Für die Eurozone (und teilweise auch für die USA) gebe es einige belastende Faktoren. So sei die Hitzewelle potenziell nicht nur ein Problem für bestimmte Tourismusregionen in der Eurozone, sie sei auch verbunden mit extrem niedrigen Wasserständen, etwa im Rhein. Dort werde die Schifffahrt bereits eingeschränkt. Würden die Pegel weiter zurückgehen, könne es in den nächsten Tagen an einigen Streckenabschnitten (Kaub bei Koblenz sei beispielsweise betroffen) zu einer vollständigen Einstellung des Schiffsverkehrs kommen, was nicht nur Lieferketten bedrohe, sondern auch dazu führen könne, dass Kohlekraftwerke nicht ausreichend versorgt würden.

Insofern spiele das Wetter in den nächsten Wochen eine wichtige Rolle für die Konjunktur der Eurozone. 2018 habe der damals extrem niedriger Wasserpegel im Rhein das BIP Deutschlands mit 0,2 Prozentpunkten belastet. Jetzt würden die Schätzungen in Richtung 0,5 Prozentpunkte gehen.

Auf der weltwirtschaftlichen Ebene sei der Taiwan-China- bzw. China-US-Konflikt mit der scharfen militärischen Reaktion Chinas auf den Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi in den Vordergrund gerückt. Die bislang als weit entfernt eingeschätzte Möglichkeit einer militärischen Auseinandersetzung der beiden Supermächte China und USA sei nicht mehr ganz so abwegig, wenngleich kaum ein Experte vor einem unmittelbar bevorstehenden Krieg warne. Grundsätzlich gehe es darum, dass Handelsrouten unterbrochen werden könnten - die Straße von Taiwan sei eine der am dichtesten befahrenen Schiffsrouten -, China vom Westen Sanktionen auferlegt werden könnten, was zu einer Sanktionsspirale führen dürfte, sowie die Gefahr, dass Taiwan als mit Abstand wichtigster Entwicklungs- und Produktionsstandort für die hochwertigsten Halbleiter ausfallen könnte.

Datenseitig sei auf eine Reihe chinesischer Konjunkturdaten zu achten (Einzelhandel, Industrieproduktion, Bauaktivität, jeweils Juli, 15.08.) sowie auf die detaillierten BIP-Zahlen der Eurozone für das zweite Quartal (das Gesamtwachstum betrage gemäß erster Schätzung 0,7% QoQ) (17.08.). (11.08.2022/alc/a/a)


© 1998 - 2026, anleihencheck.ariva-services.de