Berlin (www.anleihencheck.de) - Die Nachricht, dass in dieser Woche die jährlichen Wartungsarbeiten an der Gaspipeline Nord Stream 1 begonnen haben, wäre in vergangenen Jahren lediglich ein Lückenfüller im nachrichtenarmen Sommerloch gewesen, so Daniel Schär, CFA bei der Weberbank.
Anders sehe es in diesem Jahr aus: Die einseitige Abhängigkeit Europas von russischem Gas sei seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges schmerzhaft sichtbar geworden. Die Politiker würden mit Hochdruck versuchen, diesen Umstand zu verändern. Leider sei dies jedoch, anders als bei Öl und Kohle, nicht kurzfristig möglich. Der Mann im Moskauer Kreml sitze am längeren Hebel und könnte Europa mit einem Stopp bzw. einer weiteren Verzögerung der Gaslieferungen einen empfindlichen ökonomischen Schaden zufügen. Der entscheidende Tag, bis zu dem das Bangen anhalte, werde der 22.07.2022 sein. Dann sollten die Wartungsarbeiten offiziell beendet sein. Fließe dann das Gas wieder, haben wir die Chance, unsere Speicher weiter aufzufüllen und wirtschaftlich mit einem blauen Auge davonzukommen, so Schär.
Das Wirtschaftswachstum würde sich wahrscheinlich aufgrund der anhaltenden Lieferkettenprobleme, der gestiegenen Energiekosten und dem veränderten Zinsumfeld weiter abschwächen, aber in diesem Jahr positiv bleiben. Anders sehe es hingegen aus, wenn die Gaslieferungen gestoppt oder stark verzögert würden. Dann sei in Deutschland und auch in Europa mit einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsentwicklung zu rechnen. Leider kenne auch Moskau diese Szenarien und werde vermutlich versuchen, einen Vorteil daraus zu schlagen.
Die unterschiedliche Dynamik in der Zinsentwicklung diesseits und jenseits des Atlantiks sowie das unterschiedliche wirtschaftliche Momentum hätten den US-Dollar in den vergangenen Wochen erneut unterstützt. Die so genannte Parität, also ein Umtauschkurs von 1:1 beim Währungspaar Euro US-Dollar sei nach 20 Jahren erneut erreicht worden. Der Dollar habe somit in diesem Jahr schon ca. 12 Prozent gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung aufgewertet. Im Fall verzögerter oder ausfallender Gaslieferungen sei mit einer weiteren Stärke des US-Dollars zu rechnen.
Fasse man die geschilderten Rahmendaten zusammen, so lande man relativ schnell bei einem Schwarz- oder Weiß-Szenario. Entweder haben wir eine deutliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und einen erneuten Druck auf Risikoanlagen zu verkraften, oder wir haben die Chance auf eine Stabilisierung der Situation, gepaart mit freundlicheren Börsenkursen, so Schär. Wie gehe man also mit dieser Situation um? Schär rate dazu, "extreme" Positionierungen" zu vermeiden und nicht alles auf das Eintreten eines bestimmten Szenarios auszurichten.
Alles zu verkaufen und auf Liquidität zu setzen, sei für den langfristigen Anlageerfolg genauso gefährlich, wie sich prozyklisch auf bestimmte Anlagesegmente wie beispielsweise Rohstoffe oder einzelne Währungen zu konzentrieren. Historische Ereignisse, die sich auf einen Tag zugespitzt hätten, wie das Brexit-Referendum oder die griechische Schuldenkrise, hätten dieses immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Vielmehr gelte es, die Anlagen ausreichend international aufzustellen, einen Fokus auf die fundamentale Qualität der Wertpapiere zu legen und gerade in diesen Zeiten langfristig zu agieren. Wir haben den defensiven Charakter der von uns verwalteten Depots in den vergangenen Wochen durch die weitere Reduzierung zyklischer Abhängigkeiten und die Stärkung von in historischen Krisen robusten Anlagesegmenten, wie beispielsweise Telekommunikationsunternehmen sowie Staatsanleihen bester Bonität, ausgebaut, so Daniel Schär. (15.07.2022/alc/a/a)
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