Rotterdam (www.anleihencheck.de) - Die Inflation, die Zinsen und der US-Dollar müssen allesamt im laufenden Jahr ihre Hochs erreichen, bevor sich die Finanzmärkte beruhigen können, sagt Multi-Asset-Investor Colin Graham von ROBECO.
Das globale Wirtschaftswachstum werde nicht wieder an Dynamik gewinnen, solange nicht der Preisauftrieb und die Anhebung der Leitzinsen zu dessen Bekämpfung ihren Zenit erreicht hätten, sage er. Beide Faktoren würden dann zu einer Abschwächung des US-Dollar führen. Dessen Stärke habe die Kosten von Importen erhöht und die Volkswirtschaften der Schwellenländer unter Druck gebracht.
Wie im Fall der bekannten britischen Three Peaks Challenge, bei der die Läufer die Gipfel der höchsten Berge in Schottland, England und Wales innerhalb einer vorgegebenen Zeit erreichen müssten, müssten in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 alle drei ökonomischen Gipfel überwunden werden, damit sich die Märkte stabilisieren könnten.
Three Peaks Challenge, Nr. 1: Inflation
Der erste Gipfel, der zu bezwingen sei, sei die Inflation. Diese sei angesichts enormer Preisanstiege bei Energie und Nahrungsmitteln im Anschluss an die Coronavirus-Pandemie und im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg nach oben geschossen. Die Inflationsrate in den USA habe 8,6 Prozent erreicht, das höchste Niveau seit 1981. Im Euroraum liege sie mit 8,1 Prozent so hoch wie nie zuvor. Vor der Pandemie habe die Inflation viele Jahre lang durchgängig bei oder unterhalb von 2 Prozent gelegen.
Die Inflation sei für Anleger mehr als vier Jahrzehnte lang ein günstiger Faktor gewesen, seitdem der damalige Chef der US-Notenbank, Paul Volcker, in den frühen 1980er Jahren die galoppierende Teuerung von 20 Prozent in den Vereinigten Staaten eingedämmt und die Glaubwürdigkeit der Zentralbank wiederhergestellt habe.
Wir wissen, dass die Notenbanken über die Instrumente zur Kontrolle der Inflation verfügen, so die Experten von ROBECO. Durch Anhebung der Zinsen werde der Umfang der Kreditschöpfung verringert und der Immobilienmarkt gedämpft. In Summe führe dies zu einer Senkung der Gesamtnachfrage und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Eine solche Abschwächung der Konjunktur werde entscheidend dafür sein, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreiche. Allerdings sei den Experten bewusst, dass das Zinsinstrument die Anleger zwischen der Sorge um eine zu starke Straffung (die eine Rezession auslösen könne) und um eine zu geringe Straffung hin und her schwanken lasse. Es werde also noch mehr passieren.
Zwar liege der Hauptfokus im Hinblick auf die Inflation auf höheren Ladenpreisen, doch sei sie auch für Aktien- und Anleihemärkte nicht gut. Die Inflation schmälere die Unternehmensgewinne, sofern die Unternehmen gestiegene Preise nicht weiterreichen könnten. Zugleich verringere sie den Wert längerfristiger Anleihen.
Die erweiterte Sichtweise der US-Notenbank, die bislang die Kerninflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) als bevorzugte Größe betrachtet habe und sich nun der Bekämpfung der Inflation insgesamt zuwende, lasse hoffen, dass die Teuerung im dritten Quartal 2022 ihren Höchststand erreiche.
Three Peaks Challenge, Nr. 2: US-Zinsen
Die nächste Herausforderung betreffe die Leitzinsen, die in vielen Ländern der Welt zur Bekämpfung der Inflation angehoben worden seien. Zinserhöhungen würden die Kreditaufnahme verteuern und Verbrauchern weniger Geld für Konsumausgaben lassen. Damit seien aber auch Nebeneffekte verbunden, darunter eine Aufwertung des bereits teuren US-Dollar.
Die FED Funds Rate in den USA werde Projektionen zufolge auf rund 3,5 Prozent steigen, nachdem sie Ende Juni noch bei 1,75 Prozent gelegen habe. Dies wäre die größte Zinsanhebung innerhalb eines Kalenderjahres seit 1980. Im Jahr 1994, als es nach allgemeiner Auffassung zu einer von der Notenbank bewerkstelligten "sanften Landung" der Konjunktur gekommen sei, seien die US-Leitzinsen auf 2,5 Prozent gesprungen. Demnach sei der heutige Straffungszyklus drastischer, weil die Konjunktur diese Reaktion erfordere.
Nach Erachten der Experten würden Höchststände bei diversen Inflationsdaten auf geringeren Inflationsdruck hindeuten und signalisieren, dass sich die Zinsanhebungen durch die Volkswirtschaft hindurcharbeiten würden. In der zweiten Jahreshälfte würden die Experten günstigere Perspektiven für die Refinanzierungsbedingungen erwarten: Sie würden glauben, dass die Zinserwartungen sinken würden und der Leitzins der US-Notenbank nicht den an den Finanzmärkten bis Jahresende erwarteten Wert von 3,75 Prozent erreichen werde.
Bei sonst unveränderten Rahmenbedingungen würde dieser Marktkonsens eine invertierte Renditekurve implizieren, wobei sich die Rezessionsindikatoren immer mehr angleichen und eindeutiger würden. Das Basisszenario der Experten sei, dass es nach ihren Erwartungen in den nächsten zwölf Monaten zu keiner Rezession in den USA komme, auch wenn China, Japan und Europa dieses Schicksal erleiden könnten.
Three Peaks Challenge, Nr. 3: Der US-Dollar
Die dritte Herausforderung betreffe den US-Dollar, dessen Kurs gegenüber wichtigen anderen Währungen ein 20-Jahreshoch erreicht habe. Während er traditionell als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten gelte, verteuere ein starker Dollar Rohstoffe, die in dieser Währung gehandelt würden. Dies wiederum wirke sich negativ auf Schwellenländer aus, welche stark auf Rohstoffimporte angewiesen seien und dafür Dollarreserven benötigen würden.
Wenn die Zinserwartungen und die Inflation in den USA beide ihren Höchststand erreichen, können wir damit rechnen, dass dies beim US-Dollar ebenfalls geschieht, so die Experten von ROBECO. Ob dies vor, während oder nach dem Erreichen der Höchststände der beiden anderen Größen der Fall sei, lasse sich nicht sicher sagen. Dennoch sollte man den US-Dollar im Blick behalten, weil es dort die unterschiedlichsten Akteure und nicht-gewinnmaximierende Inhaber von Positionen gebe.
Derzeit seien die den US-Dollar maßgeblich beeinflussenden Faktoren positiv, und zwar die Zins- und Wachstumsdifferenzen sowie die Mittelzuflüsse in einen "sicheren Hafen". Wenn sich das Wirtschaftswachstum verlangsame und die Zinserwartungen zurückgehen würden, sollte sich der hochbewertete Dollar wieder abschwächen. (13.07.2022/alc/a/a)
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