Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Es ist geschafft! Heute ist der 1. Juli und damit endet für alle Kapitalmarktanleger das erste Halbjahr. Hinter uns liegen denkwürdige sechs Monate, in denen zweifelhafte Rekorde aufgestellt wurden, die wirklich niemand gern hätte sehen wollen, so die Experten von Union Investment.
Der US-Aktienmarkt habe, gemessen am breiten S&P 500-Index seit Jahresbeginn 20 Prozent an Wert verloren. Ende März seien es noch nur rund fünf Prozent gewesen. Damit seien auf das schon schwache erste Quartal weitere negative drei Monate gefolgt. Es sei damit das schwächste erste Halbjahr seit 60 Jahren. Dass die Verluste zuletzt so stark angestiegen seien, habe daran gelegen, dass vor allem in den letzten Wochen die Rezessionssorgen deutlich zugenommen hätten. Entgegen den Erwartungen zu Jahresbeginn habe sich die Inflation nicht nach kurzer Zeit wieder abgeschwächt.
Sowohl in den USA als auch im Euroraum sei weiterhin ein hoher Preisdruck festzustellen, der sich mehr und mehr über den gesamten Warenkorb ausbreite. Die Notenbanken würden sich daher gezwungen sehen, die Marktteilnehmer auf einen deutlichen restriktiveren geldpolitischen Kurs vorzubereiteten bzw. größere Zinsschritte als erwartet vorzunehmen. Seien Anleger im März noch davon ausgegangen, dass der US-Leitzins Ende 2022 bei 2,4 Prozent liegen könnte, so seien kürzlich sogar 3,4 Prozent vom Markt eingepreist worden. Dementsprechend hätten die Wachstumssorgen mehr und mehr zugenommen und damit dann auch noch stärker als im ersten Quartal auf den Aktienkursen gelastet. Auch für den DAX 40-Index sei es im ersten Halbjahr 20 Prozent abwärts gegangen.
An den Rentenmärkten habe es kaum besser ausgesehen. Die Wachstumssorgen hätten zwar in den letzten Tagen zu wieder rückläufigen Renditen geführt. Der hohe Teuerungsdruck und die geldpolitischen Implikationen hätten über weite Strecken zu hohen Verlusten geführt. Europäische Staatsanleihen hätten in diesem Jahrtausend selten an Wert verloren. Im Jahr 2006 hätten Anleger einen Verlust von 0,4 Prozent hinnehmen müssen. Im vergangenen Jahr schien der Wert mit minus 3,4 Prozent schon ungewöhnlich hoch zu sein, so die Experten von Union Investment. Seit Jahresbeginn seien es im Jahr 2022 nun schon mehr als zwölf Prozent. Lange Wertentwicklungshistorien gebe es in den USA. Dort hätten US-Staatsanleihen zwar nur rund neun Prozent verloren. Dies sei jedoch die schlechteste Entwicklung seit 1778!
In dieser Woche seien die ersten Schätzungen zur deutschen Inflationsrate vorgelegt worden. Entgegen den Erwartungen sei es zu einem leichten Rückgang von 7,9 auf 7,6 Prozent gekommen - im Vergleich zum Vorjahr. Viele Marktteilnehmer sahen darin zunächst einen Hoffnungsschimmer, dass der Hochpunkt des Preisdrucks nun hinter uns liegen könnte, so die Experten von Union Investment. Bei genauerer Analyse habe sich aber gezeigt, dass einige staatliche Eingriffe wie etwa in Form des Tankrabatts und des 9-Euro-Tickets wohl die Preise nach unten verzerrt haben könnten. In anderen Euroländern sei es hingegen weiter aufwärts gegangen. Für Aufsehen habe dabei vor allem die Schätzung aus Spanien gesorgt. Allein im Monatsvergleich hätten dort die Preise um 1,8 Prozent angezogen. Im Jahresvergleich habe dies einen Anstieg um 10,2 Prozent bedeutet. Dass Deutschland hier ein Ausreißer nach unten gewesen sei, habe dann auch der Wert für die Euro-Inflationsrate am heutigen Freitag bestätigt. Nach einem Anstieg von 8,1 Prozent im Vormonat hätten Analysten mit einem Zuwachs um 8,5 Prozent gerechnet. Letztlich sei dieser Wert mit 8,6 Prozent sogar noch leicht übertroffen worden.
In den USA werde die Inflationsrate zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht. Am Donnerstag hätten aber alle Marktteilnehmer ihr Augenmerk auf den PCE-Preisindex ein Inflationsindex gerichtet, der deutlich mehr Aufmerksamkeit seitens der US-Notenbank genieße, weil er die Ausgaben der Verbraucher in der Breite gut erfasse. Er diene den Währungshütern daher als Orientierungsgröße für ihre geldpolitischen Entscheidungen. Im Mai sei der Index erstmals rückläufig gewesen. Diesen Trend konnte er zwar nicht bestätigen, blieb aber zumindest unverändert bei plus 6,3 Prozent im Jahresvergleich und ließ daher Anleger hoffen, dass der Hochpunkt der US-Inflation hinter uns liegen könnte, so die Experten von Union Investment.
Angesichts der hohen Preise sei die Kauflaune der Konsumenten weiter gesunken. In Deutschland liege die Stimmung des GfK-Verbrauchervertrauens inzwischen sogar unterhalb des Umfragewertes zum Hochpunkt der Corona-Krise. Auch in den USA trübe sich die Stimmungslage immer mehr ein. Während die aktuelle Lage noch als gut bezeichnet werde, sei die Erwartungskomponente inzwischen auf den tiefsten Stand seit gut zehn Jahren gefallen.
Lichtblicke seien sowohl die Auftragseingänge für langlebige Güter als auch die Hausverkäufe in den USA gewesen. Beides seien jedoch sehr volatile Zeitreihen und zudem Daten, die sich noch auf Mai beziehen würden. Gerade am US-Häusermarkt dürften das knappe Angebot und die steigenden Zinsen noch einige Amerikaner zum Hauskauf bewogen haben.
In Deutschland sei erstmals seit Langem die Zahl der Arbeitslosen wieder gestiegen. Dies sei jedoch einem Sondereffekt geschuldet. Erstmals seien die Flüchtlinge aus der Ukraine mit in die Statistik aufgenommen worden. Der deutsche Arbeitsmarkt befinde sich aber weiterhin in einer sehr robusten Verfassung. Insbesondere der große Fachkräftemangel sorge dafür, dass Unternehmen kaum Mitarbeiter entlassen würden. (Ausgabe vom 01.07.2022) (04.07.2022/alc/a/a)
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