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01.07.22 08:30
Renten: Konjunkturschädliche Erdgasrationierungen können wohl vermieden werden

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Tagen relativ richtungslos verhalten, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Weder die Auslassungen des US-Notenbankchefs Jerome Powell vor dem Kongress, noch der G7-Gipfel und auch nicht der Nato-Gipfel hätten die Märkte nachhaltig beeinflusst. Die Inflationsdaten aus der Eurozone seien uneinheitlich gewesen. Während in Deutschland die Teuerungsrate zurückgegangen sei (auf 8,2%, HVPI, hier wirke u.a. das 9 Euro-Ticket), sei sie in Spanien in den zweistelligen Bereich gestiegen und auch in Belgien habe sich die Inflation beschleunigt. Am Freitag (01.07.) werde die Schnellschätzung der Inflation für die gesamte Eurozone veröffentlicht und - so die Analysten-Prognose - von 8,1% YoY im Mai aus leicht steigen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe beim geldpolitischen Forum im portugiesischen Sintra in jedem Fall wiederholt, dass man zunächst mit einem graduellen Zinsschritt am 21. Juli starten werde, also 25 BP. Einige Marktteilnehmer hätten Zweifel an dieser Festlegung, nachdem sich die FED an ihre bisherige Aussage, den Leitzins um 50 BP anzuheben, nicht gehalten habe. Im September möchte die EZB dann den Leitzins stärker anheben. Ein mindestens so wichtiges Thema werde das neue Instrument sein, das zur Verhinderung einer Fragmentierung der Finanzmärkte - sprich: Eurokrise - vorbereitet werde. Die Diskussionen darüber dürften in den nächsten Wochen lebhafter werden.

Konjunkturell gebe es in jedem Fall relativ gute Nachrichten für die deutsche Industrie. So hätten die Spitzeninstitute für Wirtschaftswissenschaften, die regelmäßig eine Gemeinschaftsdiagnose zur deutschen Konjunktur veröffentlichen würden, in einem Zwischengutachten zur möglichen Erdgasversorgungslücke auf der Basis eines Modells berechnet, dass es bis Ende 2023 vermutlich nicht zu Engpässen kommen werde. Das liege vor allem daran, dass die Erdgaslager relativ zügig auf knapp 60% ihrer Maximalkapazität aufgefüllt worden seien. Damit könne wohl eine Erdgasrationierung vermieden werden, was ansonsten mit einem massiven Rückgang der Wirtschaftsleistung besonders in der erdgasintensiven Industrie wie beispielsweise dem Chemiesektor einhergegangen wäre.

Eine Rezession sei aber dennoch möglich. Denn die Preise für Erdgas dürften steigen, wenn die Lagerbestände sinken würden bzw. das russische Erdgas in Europa fehle. Die Studie liefere auch keine Hinweise darauf, wie gut die anderen europäischen Staaten auf ein Erdgaslieferstopp vorbereitet seien. Die Analysten würden mittlerweile davon ausgehen, dass Deutschland in der ersten Hälfte des kommenden Jahres ganz knapp an einer Rezession vorbeischramme und auf ein Gesamtwachstum von 1,2% kommen werde.

Die Knappheiten beim Material würden vermutlich noch bis in das nächste Jahr bestehen bleiben. Im Verarbeitenden Gewerbe hätten im Juni 75% der befragten Unternehmen Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung beklagt. Im Baugewerbe sei der Wert gesunken, liege mit 44% aber weiterhin nahe am bisherigen Rekordwert. Diese Knappheiten dürften zwar nicht verhindern, dass die Inflation im kommenden Jahr etwas zurückgehen werde, aber es sei kaum anzunehmen, dass der Rückgang erheblich ausfalle. Zu beachten sei heute die OPEC Plus-Sitzung, bei der die Ausweitung der Ölförderung um über 600.000 Barrel/Tag im Juli und August bestätigt werden dürfte.

Zum Beginn des neuen Monats stünden wieder zahlreiche PMI-Einkaufsmanagerindices auf der Agenda (30.06. für das Verarbeitendes Gewerbe und 05.07. für den Dienstleistungssektor, die Schnellschätzungen für die größeren Volkswirtschaften lägen bereits vor und hätten etwa in der Eurozone eine klare Abschwächung der Aktivität ergeben). In den USA würden heute (30.06) und am 06.07. die stärker beachteten ISM-Einkaufsmanagerindices erscheinen. Auftragseingänge für den Monat Juni in den USA (05.07.) und für den Monat Mai in Deutschland (06.07.) stünden ebenfalls auf dem Datenkalender. Darüber hinaus habe man es mit einer verkürzten Handelswoche zu tun, da in den USA der Independence Day am 04.07. gefeiert werde. (Ausgabe vom 30.06.2022) (01.07.2022/alc/a/a)


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