Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die Rohstoffpreise auf neue Rekordhöhen getrieben, woraufhin Aktien in einer Risk-off-Bewegung der Märkte abstürzen, so Michael Salden, Leiter Commodities bei Vontobel.
Während Unterbrechungen bei der Öl- und Gasversorgung drohen würden, würden die Märkte mit einer Aufweichung der Politik der wichtigsten Zentralbanken rechnen.
Bereits im Vorfeld der Krise hätten Rohstoffe eine geopolitische Risikoprämie eingepreist, die durch die Entscheidung Russlands, in die Ukraine einzumarschieren, einen weiteren Schub erhalten habe. Der Bloomberg Commodity Index (BCOM) sei seit Jahresbeginn um 20 Prozent gestiegen, WTI-Öl habe am 24. Februar 2022 um 8 Prozent zugelegt und Brent werde bei über 100 US-Dollar gehandelt, dem höchsten Stand seit 2014. Die Gasknappheit in Europa habe sich verschärft, da Deutschland bereits am Montag die Öffnung der Nordstream-2-Gaspipeline blockiert habe, was weitere Probleme bei den dringend benötigten Gaslieferungen wahrscheinlich mache. Infolgedessen sei der Preis von in den Niederlanden gehandeltem Gas seit Montag um 50 Prozent angestiegen.
Die Krise wirke sich jedoch nicht nur auf die Energieversorgung aus, da die Lagerbestände aller wichtigen Rohstoffe bereits auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken seien. Auf die Ukraine würden 12 Prozent bzw. 16 Prozent der weltweiten Weizen- und Maisexporte entfallen, und es bleibe abzuwarten, inwieweit die ukrainischen Häfen und die Schiffsinfrastruktur durch den militärischen Konflikt beschädigt würden.
Sanktionen würden auf all diesen Märkten zu weiteren Aufschlägen führen. Angesichts der Abhängigkeit Europas von russischem Gas, Industriemetallen und Düngemitteln könnten sich die Sanktionen jedoch als weniger praktikable Optionen erweisen als erhofft. Darüber hinaus habe Russland ein 150-Milliarden-Euro-Energieabkommen mit China unterzeichnet, um die Verflechtung des Landes mit dem Westen zu verringern, was die Wirkung von Sanktionen weiter untergrabe.
Der ausgewachsene militärische Konflikt habe das Risiko von Unterbrechungen der Öl- und Gasversorgung erheblich erhöht, aber es sei davon auszugehen, dass Russland seine langfristigen Energielieferverträge wie in der Vergangenheit einhalten werde. Im Gegenzug sei es unwahrscheinlich, dass Russland zusätzliches Gas liefern werde, um die europäischen Vorräte im Sommer aufzufüllen, die derzeit 20 Prozent unter dem 5-Jahres-Durchschnitt lägen. Dies könnte sich im nächsten Winter als ein großes Problem erweisen.
Auch die viel diskutierte Sanktion, Russland aus dem SWIFT-Zahlungssystem auszuschließen, werde ein heikles Thema sein. Wenn Russland keine Zahlungen für seine Öl- und Gaslieferungen erhalte, werde es seine Lieferungen einschränken oder sogar einstellen. Um die Situation zu entschärfen, könnten Europa und die USA eine sofortige Einigung über ein neues iranisches Ölabkommen anstreben. Ein solches Abkommen würde zwar dazu beitragen, neues Öl auf den Markt zu bringen - bis zu einer Million Barrel pro Tag in sechs Monaten -, würde aber auch neue geopolitische Risiken im Nahen Osten schaffen.
Da die Krise das Wachstum in den USA und insbesondere in Europa beeinträchtigen könnte, könnten sich die großen Zentralbanken von der Inflationsbekämpfung abwenden und sich der Wiederherstellung des Wachstums und des reibungslosen Funktionierens der Kapitalmärkte zuwenden - je nachdem, wie lange die Krise andauere. In der Tat würden die Märkte bereits die Wahrscheinlichkeit des geplanten Zinserhöhungspfades der FED in Erwartung einer "dovishen" Kurseänderung revidieren, da das lange Ende der US-Treasury-Kurve bereits einen starken Rückgang der Realrenditen aufweise. (Ausgabe vom 24.02.2022) (25.02.2022/alc/a/a)
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