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24.02.22 10:45
Geldpolitische Normalisierung inmitten geopolitischer Spannungen

Neuss (www.anleihencheck.de) - Obwohl die zügige Ausbreitung der Omikron-Variante den Jahresbeginn für viele Volkswirtschaften holprig gestaltete, stellen sich die gesamtwirtschaftlichen Aussichten hinsichtlich kontinuierlich fortschreitender Immunisierung gegen bzw. Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 recht positiv dar, zumal die verschiedenen Wirtschaftsakteure ihr Verhalten inzwischen besser angepasst haben, so die Creditreform Rating AG.

Zweifelsohne bleibe die Unsicherheit über weitere Virusmutationen und deren Auswirkungen nach wie vor sehr groß, doch schwenke mit der bevorstehenden oder zum Teil bereits begonnenen geldpolitischen Wende angesichts steigender Inflationsrisiken der Fokus mittlerweile auf andere Risiken.

In einer aktuellen Analyse von Creditreform Rating, eine der führenden europäischen Ratingagenturen, würden unter anderem folgende Punkte beleuchtet:

- Trotz bleibender Unsicherheiten werde eine weitere, wenn auch perspektivisch moderatere Expansion der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung erwartet

- Geldpolitische Normalisierung bedürfe Feingefühls angesichts zunehmender Inflationsrisiken einerseits und mit Blick auf die Entwicklung des akuten russisch-ukrainischen Brandherdes andererseits

- Russland-Ukraine-Konflikt stelle ein erhebliches Risiko für die globalen Finanzmärkte und die makroökonomischen Entwicklungen dar

- Wirtschaftsleistung im Euroraum erstmal wieder auf Vor-Pandemie-Niveau, während sich die deutsche Wirtschaft langsamer erhole

Ganz aktuell würden sich zudem durch die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine und eines möglichen kriegerischen Konflikts signifikante Risiken für die globalen Finanzmärkte und die makroökonomischen Entwicklungen abzeichnen. Sanktionen der NATO und anderer westlicher Verbündeter könnten zu Gegensanktionen führen, die die Energiepreise und die Kosten für eine Reihe anderer Rohstoffe und Produkte drastisch ansteigen lassen könnten - was letztlich der Weltwirtschaft in einem immer noch unsicheren epidemiologischen Umfeld einen harten Schlag versetzen könnte.

"Mögliche Sanktionen wie ein Ausschluss russischer Banken vom globalen Zahlungssystem SWIFT könnten auch Risiken für internationale Banken mit größerem Engagement in Russland mit sich bringen", sage Dr. Benjamin Mohr, Head of Sovereign Ratings and Economic Research bei Creditreform Rating und ergänze: "In der Eurozone erscheinen Länder wie Österreich, Italien und Frankreich hier stärker exponiert. Neben den finanziellen Verflechtungen mit anderen großen Volkswirtschaften ist Russland insbesondere ein wichtiger Lieferant von Öl, Gas und Weizen - um nur einige Beispiele zu nennen. Im Falle einer Invasion würde sich die derzeitige Verknappung bestimmter Rohstoffe und Zwischenprodukte wahrscheinlich drastisch verschärfen, was nicht nur den Preisdruck aufrechterhalten, sondern auch das Nachholen von mangels bestimmter Materialien verschobener Produktion weiter verzögern dürfte."

Doch nicht nur die Ukraine-Krise habe potenziell Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Als möglichen Risikofaktor benenne Creditreform Rating in seinem aktuellen Report die wirtschaftliche Entwicklung Chinas. Dies sei auch einer der Gründe, warum der IWF in seine Prognose für das globale BIP-Wachstum zuletzt um 0,5 Prozentpunkte auf 4,4% für das laufende Jahr gesenkt habe. Die chinesische Wirtschaft werde aktuell gedämpft durch die strengen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 sowie durch die anhaltenden finanziellen Probleme im chinesischen Immobiliensektor, welche bei einer Verschärfung durchaus erhebliche Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte haben könnten.

Das BIP-Wachstum im Euroraum habe im vergangenen Jahr den vorläufigen Daten zufolge bei 5,2% gelegen, was einer deutlichen Erholung nach der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Rezession im Jahr 2020 entspreche. In jenem Jahr sei die Wirtschaftsleistung um 6,4% eingebrochen. Haupttriebkraft der jüngsten Erholung dürfte die gestiegene Inlandsnachfrage gewesen sein, die erhebliche fiskal- und geldpolitische Unterstützung erfahren habe, wobei der private und staatliche Verbrauch sowie die Bruttoanlageinvestitionen einen positiven Beitrag geleistet haben dürften.

Zwar sei das reale BIP im vierten Quartal 2021 aufgrund der Ausbreitung der Omikron-Variante lediglich um 0,3% gegenüber dem Vorquartal gewachsen, jedoch habe die Wirtschaftsleistung in der Eurozone erstmals wieder das Niveau von vor der Pandemie (Q4-19) erreicht. Insgesamt erwarte Creditreform Rating in diesem Jahr ein BIP-Wachstum vom etwa 3,9%, gefolgt von einer Normalisierung auf etwa 2,8% im Jahr 2023.

"Wir rechnen mit einem ähnlichen Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung wie im Vorjahr, d. h. mit einem relativ schwachen ersten Quartal aufgrund hoher Infektionszahlen und Einschränkungen. Im zweiten und dritten Quartal rechnen wir mit einer Aufholphase, bei deutlich gelockerten Beschränkungen und einer geringeren Belastung durch Engpässe auf der Angebotsseite", sage Fabienne Riefer, Senior Economist bei Creditreform Rating.

Bei vorerst anhaltendem Aufwärtsdruck auf die Verbraucherpreise habe die Wahrscheinlichkeit deutlich zugenommen, dass die EZB bereits im laufenden Jahr eine erste Zinserhöhung vornehme. Abhängig von der weiteren Entwicklung der geopolitischen Geschehnisse und etwaiger Auswirkungen auf Märkte und Realwirtschaft könnte es der EZB-Rat aber letztlich vorziehen, noch abzuwarten.

Im Vergleich zum Euroraum hinke Deutschland bei der Erreichung des Vor-Pandemie-Niveaus etwas hinterher. Nach einem BIP-Wachstum von 2,8% im Jahr 2021 (vorläufiges Ergebnis), das auf einen Rückgang um 4,6% im Jahr 2020 gefolgt sei, sei die deutsche Wirtschaftsleistung im letzten Quartal 2021 um 1,5% unter dem Niveau vor der Pandemie (Q4-19) geblieben.

"Derzeit erwartet Creditreform Rating ein deutsches BIP-Wachstum von etwa 3,8% für das Jahr 2022, gefolgt von einer Abschwächung auf etwa 2,7% im nächsten Jahr. Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik könnte jedoch besonders anfällig auf eine russische Invasion in die Ukraine und mögliche multilaterale Sanktionen reagieren, da Russland der größte Energielieferant Deutschlands ist", sage Mohr abschließend. Nach Angaben von Eurostat habe Deutschland 2020 deutlich mehr als die Hälfte seiner Gasimporte aus Russland bezogen. Zudem habe demnach nahezu die Hälfte der deutschen Kohleimporte sowie rund 30% der deutschen Ölimporte aus Russland gestammt. (24.02.2022/alc/a/a)


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