Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Trotz der hoffnungsvollen Anzeichen aus China setzt sich die Verbreitung des neuen Coronavirus im Rest der Welt unvermindert fort, so Frank Häusler, Chief Strategist bei Vontobel Asset Management.
Da das Wirtschaftsleben überall zum Stillstand gekommen sei, würden die Eurozone und Japan wahrscheinlich mindestens in zwei aufeinander folgenden Quartalen eine Rezession erleben.
Die letzten Tage und Wochen hätten die Verwundbarkeit eines jahrzehntelangen Bullenmarktes deutlich gemacht. Den Anlegern seien bis auf US-Treasuries, und bis zu einem gewissen Grad deutsche und schweizerische Staatsanleihen, nur wenige Optionen geblieben. Gold komme auch gerade noch infrage. Wenn die Regierungen durch Fiskalausgaben und die Zentralbanken dafür sorgen, dass es nicht zu viele Zahlungsausfälle gibt und wir alle in drei Monaten noch einen Gehaltsscheck erhalten, sollte sich die Wirtschaft im späteren Verlauf des Jahres stabilisieren, so die Experten von Vontobel Asset Management. Sobald die Märkte an diese Geschichte glauben würden, werde es Zeit, Aktien zu kaufen.
Eine der Optionen, die den Zentralbanken noch zur Verfügung stünden, seien unkonventionelle Maßnahmen, wie zum Beispiel negative Zinssätze in den USA - ein Szenario, das die FED wiederholt abgelehnt habe. Darüber hinaus habe die New Yorker FED begonnen, eine Zweckgesellschaft einzusetzen, die zuletzt während der Finanzkrise in Aktion getreten sei, um Unternehmen direkt mit Liquidität zu versorgen.
Da den Zentralbanken offenbar die Hände gebunden seien, werde nun von den Regierungen erwartet, dass sie handeln würden. Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, dafür zu sorgen, dass die Zahl der Zahlungsausfälle von Unternehmen so gering wie möglich sei und dass die Arbeitnehmer auch in drei Monaten noch bezahlt würden. Zu solchen Maßnahmen könnten Steuererleichterungen, Steuersenkungen und direkte oder indirekte finanzielle Unterstützung für bestimmte Branchen gehören, die vorübergehend Personal entlassen müssten oder denen ein sofortiger Konkurs drohe. In dieser Hinsicht sei schon viel auf den Weg gebracht worden, aber die Maßnahmen müssten nun zügig umgesetzt werden. Andernfalls werden wir ein Problem haben, so die Experten von Vontobel Asset Management.
Eine Rezession sei in Japan und höchstwahrscheinlich auch in der Eurozone unvermeidlich. Die USA würden für das gesamte Jahr 2020 wahrscheinlich ein Wachstum von fast Null verzeichnen, während die erwarteten 5% in China einer der wenigen Lichtblicke seien. Jede globale Erholung werde nur langsam vonstatten gehen und eher einem "U" als einem "V" gleichen. Erste Anzeichen einer Entspannung würden möglicherweise erst im Laufe des Sommers auftauchen, abhängig von einer wirtschaftlichen Erholung in Ländern wie China. Die aktuelle Krise, die immer noch ereignisgesteuert sei, könnte sich zu einem ernsthafteren zyklischen Phänomen entwickeln, wenn die Zentralbanken und die Regierungen keine geeigneten Maßnahmen ergreifen würden. Bisher gebe es jedoch keine Anzeichen dafür, dass die derzeitige Krise zu einem strukturellen Problem werden könnte, wie es zuzeiten der Großen Depression in den 1930er Jahren der Fall gewesen sei.
Die Anlagestrategen von Vontobel hätten zwar ihre Aktienposition von neutral auf untergewichtet geändert (was lange Zeit nicht geschehen sei), aber die Gewichtung der Anleihen von neutral auf übergewichtet erhöht. Die Entwicklung der letzten Tage habe ihnen Recht gegeben. Wenn die Finanzmärkte davon überzeugt seien, dass sich die Dinge bessern würden - die Geschwindigkeit der Virusausbreitung verlangsame sich, die Spreads zwischen US-Treasuries und risikoreicheren Anleihensegmenten würden sich verengen, die Verbraucher würden wieder Geld ausgeben und die Branchen würden geplante Investitionen umsetzen - werde dies ein günstiges Zeichen und ein möglicher Grund für eine Übergewichtung von Aktien sein. Kurzfristig werde es jedoch nur langsam vorangehen. (Ausgabe vom 19.03.2020) (20.03.2020/alc/a/a)
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