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20.12.19 11:00
Umweltschutz ist für das wirtschaftliche Wachstum von Schwellenländern lebenswichtig

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Bei der Bewertung von Schwellenländeranleihen kommen ESG-Faktoren eine besondere Bedeutung zu, so die Experten von Candriam.

Während Governance-Faktoren bei der Anlagerisikobeurteilung schon immer entscheidend gewesen seien, werde es zunehmend wichtiger, auch soziale und Umweltaspekte einzubeziehen. So könne beispielsweise die Beseitigung von Geschlechterungerechtigkeit in Ländern wie Indien oder Pakistan eine Verbesserung des wirtschaftlichen Wohlstands um bis zu 59 Prozent bewirken. Extreme Wetterereignisse oder Naturkastatrophen hätten wiederum das Potenzial, kleine und nicht diversifizierte Wirtschaftssysteme erheblich zu beeinträchtigen.

Nachfolgend ein Gespräch mit Magda Branet, Deputy Head of Emerging Markets Debt, und Kroum Sourov, Lead ESG Analyst - ESG Sovereign Research beim europäischen Assetmanager Candriam:

Magda, geht es bei Schwellenländeranleihen nicht hauptsächlich um die Auswertung von Finanzdaten? Inwiefern können soziale Faktoren sowie Umwelt- und Governance-Faktoren (ESG-Faktoren) dabei helfen?

Das Verständnis nicht-finanzieller Risikofaktoren ist für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Staaten von entscheidender Bedeutung. Das gilt insbesondere für Schwellenländer. Die Kreditwürdigkeit beinhaltet sowohl die Fähigkeit eines Emittenten zur Rückzahlung von Schulden als auch seine Bereitschaft dazu. Während die Fähigkeit zur Rückzahlung erheblich vom langfristigen Wachstumspotenzial eines Landes abhängt, ist die Bereitschaft dazu eng mit Governance-Fragen verbunden. Wir glauben, dass diese ihrerseits davon abhängen, wie Länder auf alle verfügbaren Formen von Kapital zugreifen und sie nutzen- das sind neben dem Wirtschaftskapital vor allem Sozial-, Human- und Naturkapital.

Kroum, es ist nicht leicht nachzuvollziehen, dass nicht-finanzielle Faktoren zum Wachstum beitragen sollen. Kapitalismus wird in der Regel mit "Wachstum um jeden Preis" gleichgesetzt, also auch Wachstum auf Kosten der Umwelt. Wie lösen Sie dieses Problem?

Dazu müssen wir noch einmal auf die vier Formen des Kapitals zurückkommen. Nehmen wir einmal das Humankapital. Bildung ermöglicht es einem Land, neue Technologien zu entwickeln und anzunehmen. Auf diese Weise diversifiziert es seine Einnahmequellen. Das Gesundheitswesen steigert die Produktivität, weil es die Zahl der Krankentage reduziert und somit die Arbeitnehmerproduktivität verbessert.

Ein weiteres offenkundiges Beispiel ist das Naturkapital. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist die Luftverschmutzung für neun Millionen Todesfälle jährlich verantwortlich - mehr als Krieg, Malaria, Tuberkulose, HIV / AIDS und Mord zusammen. Der weitaus größte Teil der durch Umweltverschmutzung verursachten Todesfälle geschieht in Schwellenländern. Solche Themen sind zunehmend Teil des gesellschaftlichen Diskurses.

Magda, Governance-Fragen waren für die Beurteilung des Anlagerisikos in Schwellenländern schon immer entscheidend. Was tragen ESG-Faktoren zusätzlich bei?

Es ist bei der Analyse für Staatsanleihen weitgehend anerkannt, dass mögliche Fehlallokationen staatlicher Ressourcen durch Korruption, fehlende Verantwortlichkeit oder Misswirtschaft in öffentlichen Institutionen identifiziert werden müssen. Demokratische Verantwortlichkeit trägt dazu bei, dass die sozialen und wirtschaftlichen Systeme effizienter werden, indem sie unwirtschaftliche Praktiken reduziert.

Unser ESG-Ansatz erweitert diese Analysemethode um weitere Faktoren, die Einfluss auf die langfristige Entwicklung eines Landes haben. So mangelt es Systemen, in denen wirtschaftliche Ungleichheiten oder mangelnde Geschlechtergerechtigkeit herrschen, beispielsweise an Verbraucherkaufkraft.

Eine übermäßige Konzentration von Vermögen kann verhindern, dass sich eine gesunde Mittelschicht bildet. Diese ist aber ein starker Wachstumsmotor. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) könnte etwa die Beseitigung der Geschlechterungerechtigkeit in Ländern wie Indien oder Pakistan eine Verbesserung des wirtschaftlichen Wohlstands um bis zu 59 Prozent und im Nahen Osten und Afrika um bis zu 21 Prozent bewirken.

Kroum, ist Umweltschutz nicht ein Problem der Reichen?

Im Gegenteil. Umweltschutz ist für das wirtschaftliche Wachstum von Schwellenländern lebenswichtig. Zum einen ist das Wachstum vieler Schwellenländer von ihren natürlichen Ressourcen abhängig. Ein nachhaltiger Umgang mit ihrem Naturkapital ist für ihr langfristiges Wachstum unerlässlich. Zum anderen sind Schwellenländer besonders von Klimarisiken wie extremen Wetterereignissen betroffen. Überschwemmungen oder Dürren können das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von kleinen, nicht diversifizierten Wirtschaftssystemen erheblich beeinträchtigen.

Darüber hinaus wird die Erhaltung der Umwelt zu einem immer wichtigeren Bestandteil von Handelsbeziehungen. So ist etwa der Abschluss des Mercosur-Handelsabkommens zwischen den lateinamerikanischen Staaten und Europa wegen der politischen Haltung zur Abholzung des Amazonas-Regenwaldes in Gefahr. Zudem haben Costa Rica, Fidschi, Island, Neuseeland und Norwegen im September 2019 ein Abkommen über Klimawandel, Handel und Nachhaltigkeit ("Agreement on Climate Change, Trade and Sustainability") auf den Weg gebracht. Es sieht vor, dass die teilnehmenden Länder alle Handelsbarrieren bei Umweltgütern und -dienstleistungen beseitigen, auf den Abbau von Subventionen für fossile Brennstoffe hinarbeiten und Regelungen zu Umweltsiegeln fördern.

Costa Rica kommt dabei eine Vorbildfunktion zu, da das Land seit 2015 nahezu seinen gesamten Strom aus erneuerbaren Energiequellen bezieht. Außerdem exportiert es erneuerbare Energie für den mittelamerikanischen Markt. In Großbritannien wurde im dritten Quartal 2019 erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt als aus fossilen Brennstoffen.

Magda und Kroum, wie würden Sie die Integrations- und Ausschlussansätze beim ESG-Investing vergleichen?

Ausschlüsse tragen dazu bei, einige extreme Risiken zu vermeiden, während Integration dabei hilft herauszufinden, ob die Rendite die Anleger für ihr Risiko entschädigt. Ausschlüsse sind sinnvoll und auch notwendig, um die gröbsten Verstöße gegen die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu verhindern. Bei diesen besteht die Gefahr, dass sie die Kreditwürdigkeit eines Landes erheblich beeinträchtigen. Integration sorgt dafür, dass Anleger für Risiken entschädigt werden.

Die Berücksichtigung nicht-finanzieller Faktoren, darunter auch ESG-Faktoren, ermöglicht eine realistischere Bewertung von Risiken, die bei reinen "Zahlenspielen" mit Finanzdaten nicht berücksichtigt würden. Wir glauben, dass die optimale Vorgehensweise in der Kombination beider Ansätze liegt. (20.12.2019/alc/a/a)



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